VI. Der Islam

Integrationsproblematik niederländischer Muslime

Der Islam hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer bedeutsamen Glaubensgemeinschaft in den Niederlanden entwickelt. Dies ist vor allem Immigration aus islamischen Ländern wie Marokko oder die Türkei zu verdanken. 1960 zählten die Niederlande gerade einmal 1.400 Muslime – Momentan (Stand 2008) leben in den Niederlanden 825.000 Menschen islamischen Glaubens, was 5 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht.[1] Damit ist der Islam nach der katholischen und der protestantischen Kirche die drittgrößte Glaubensgemeinschaft. Wenn man den demographischen Wandel in Betracht zieht, ist anzunehmen, dass diese Religion in wenigen Jahrzehnten die beiden christlichen Kirchen überholen wird. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass die Säkularisierung auch auf die jüngeren Generationen niederländischer Marokkaner und Türken übergreift.[2]

Dieses starke Wachstum des islamischen Glaubens hat in den Niederlanden allerdings auch negative Reaktionen ausgelöst. So werden Probleme mit und innerhalb der islamischen Gemeinschaft in den Niederlanden oftmals in Zusammenhang mit der Immigrations- und Integrationspolitik des Landes gesehen. Eine solch einseitige Sichtweise, die weiter unten in diesem Kapitel noch thematisiert werden wird, vernachlässigt jedoch zwei Aspekte: Auf der einen Seite wird nicht bedacht, dass der Islams in den Niederlanden selbst sehr heterogen aufgestellt ist und in sich viele Gegensätze beinhaltet. Auf der anderen Seite fällt es der autochthonen niederländischen Bevölkerung oftmals schwer, sich mit dem Bestehen von islamischen Elementen in der niederländischen Gesellschaft abzufinden.

Exemplarisch dafür kann ein Zwischenfall aus dem Jahr 2001 angeführt werden. Der islamische Imam El Moumni aus Rotterdam machte Schlagzeilen mit den Äußerungen, Homosexualität sei eine Krankheit und Schwule seien minderwertiger als Schweine. Der Aufschrei in der niederländischen Mehrheitsgesellschaft schien insoweit berechtigt, indem sich „der Islam“ damit quer zu den niederländischen Normen und Auffassungen zu Homosexualität zu stellen schien. Kaum berücksichtigt wurde aber, dass „der Islam“ in dem Sinne überhaupt nicht existiert. In den Niederlanden gibt es wie überall sonst auf der Welt nur wenige Moscheen, wo radikale oder islamistische Imame die Gelegenheit bekommen, zu predigen. Sie stehen einer großen Mehrheit von Moscheen gegenüber, wo ein gemäßigter, liberaler und friedlicher Islam verkündet wird. Es ist ein Problem innerhalb der niederländischen islamischen Gemeinschaft, diese beiden Richtungen miteinander zu versöhnen oder die radikalere Richtung zu verdrängen. Diese Problematik wird noch durch ausländisches Involvieren erschwert. Imam El Moumni wurde im Ausland ausgebildet und hatte die marokkanische Staatsbürgerschaft. Der Aufruf, ihn des Landes zu verweisen, überging die Tatsache, dass die Niederlande bis 2006 nicht über eine eigene Imamausbildung verfügten und diese erst nach einem Dialog mit islamischen Verbänden zustanden kommen konnte. Eine Polemik in Presse und Öffentlichkeit gegen „den“ Islam ist wenig hilfreich und kann letzten Endes nur dazu führen, dass mehr junge niederländische Muslime sich einer radikaleren Form ihrer Religion zuwenden.[3]

Moscheen und Minarette

Die Gesetzeslage in den Niederlanden gestaltet sich so, dass die islamische Gemeinschaft beim Aufbau ihrer eigenen Schulen und kulturellen Einrichtungen, sowie beim Bau von Moscheen, öffentliche Gelder beantragen kann. Zur Zeit existieren in den Niederlanden 400 bis 500 islamische Gebetshäuser. Um den Bau der geplanten größten Moschee des Landes, der Westermoskee in Amsterdam, entwickelte sich jedoch, als klar wurde, dass der türkische Verband Milli Görüş zu den Hauptförderern der Moschee zählte, ein langer Rechtsstreit. Die zivilgesellschaftlichen Partner forderten Garantien, dass die Moschee unabhängig von der konservativ orientierten Milli Görüş-Vereinszentrale in Köln bleiben würde. Man wollte den Einfluss konservativer Islamströmungen aus dem Ausland möglichst einzugrenzen. Der niederländische Milli Görüş-Verein erntete so keine Unterstützung bei seinem Streben, sondern Misstrauen und Verdächtigungen. Am Ende zogen sich die zivilgesellschaftlichen Partner aus dem Westermoskee-Projekt zurück. Das Gelände ist bis heute eine Baustelle.

Widerstand in der niederländischen Gesellschaft gegen den Bau von Moscheen wurde in den vergangen Jahren vor allem vom rechtspopulistischen PVV-Politiker Geert Wilders vorangetrieben, der zum Beispiel 2011 im niederländischen Parlament ein Minarettverbot forderte. Der Unmut über die islamischen Religionsbauten wird wahrscheinlich aber von mehr Niederländern als nur von der Wählerschaft der PVV geteilt; genährt durch Unkenntnis über die islamische Religionsausübung (trotz regelmäßiger Öffentlichkeitsoffensiven seitens der islamischen Glaubensgemeinschaft) und durch Nachrichten über radikale Imame. In einer kurzen Episode, die direkt auf den Mord an Theo van Gogh am 2. November 2004 folgte, wurden Moscheen landesweit zum Ziel von Schmähungen und Brandanschlägen, indem man sie mit schwarzem Text oder Schweineköpfen beschmierte. In Racheaktionen wurden dagegen christliche Kirchen Opfer von Brandanschlägen. Auch wenn die Aufregung in wenigen Tagen wieder weg ebbte, zeigt sie, wie wenig die Integration niederländischer Muslime von niederländischen Nichtmuslimen anerkannt wird und in welchem Maße Moscheen in den Mittelpunkt der Integrationsproblematik rücken können.

Eine islamische Säule?

Bereits 1991 wurde die Idee hervorgebracht, die Integration der Muslime in die niederländische Gesellschaft in Form einer islamischen „Säule“ zu fördern. Der Gedanke war, dass sich Muslime – genauso wie früher Katholiken oder orthodoxe Protestanten (vgl. Kapitel Missverständnisse und Zerrbilder ) – zunächst geschützt durch ein Netz islamischer Organisationen, Einrichtungen, Schulen und Verbände im eigenen Milieu aufhalten könnten, um sich erst danach in die breitere niederländische Gesellschaft zu begeben. Dieser Vorschlag wurde von einigen Wissenschaftlern zurückgewiesen: Versäulung würde die Integration niederländischer Muslime zunächst bremsen anstatt sie zu fördern, da sie zur Bildung von Parallelgesellschaften oder zu einer „Ghettoisierung“ führe. Die Streitfrage stellt sich immer noch in Bezug auf islamischen Grundschulunterricht, der erstmals 1988 eingeführt wurde. Fördern die 43 islamischen Grundschulen (Stand 2008) die Integration islamischer Kinder in die niederländische Gesellschaft oder schotten sie die Kinder mit Migrationshintergrund gerade von ihren Altersgenossen ab?

Ein anderer Aspekt ist die innere Heterogenität des Islams in den Niederlanden. Die Trennlinien verlaufen dabei sowohl nach theologischen Aspekten (sunnitisch vs. schiitisch, alevitisch usw.) als auch nach unterschiedlichen Herkunftsländern und Sprachen. Im Gegensatz zum Beispiel zur katholischen Kirche in der früheren katholischen Säule wird sich eine „islamische Säule“ in den Niederlanden kaum auf einen einheitlichen Vertreter festlegen können. Das zeigte sich, als die niederländische Regierung die islamischen Verbände dazu aufrief, sich in einem Verband oder einer Plattform zu vereinen, damit die Regierung einen zentralen Gesprächspartner für die niederländischen Muslime hatte. Stattdessen bildeten die zahlreichen islamischen Organisationen in den Niederlanden zwei verschiedene Dachorganisationen: das Contactorgaan Moslims en Overheid und die Contactgroep Islam. Sie wurden zwar beide 2004 von der Regierung als Konsultationspartner anerkannt, konnten sich untereinander jedoch nur in wenigen Fällen einigen. Kompliziert wird die Lage weiterhin auch durch politischen (und finanziellen) Einfluss aus der Türkei und Marokko. Türkische Staatsorgane finanzieren bis heute – entweder direkt oder über Vereine und Verbände in den Niederlanden – Moscheen und islamische Schulen.

Der Islam im Alltag

Das oben gemalte eher düstere Bild lässt sich allerdings durch andere – wenn auch nicht an Statistiken festzumachende – Gegebenheiten korrigieren. Im niederländischen Wirtschaftsleben können Muslime zum Beispiel schon seit Jahren mit einem beträchtliches Maß an Toleranz rechnen, wenn sie den Ramadan feiern oder sich eher am Freitag als am Sonntag einen Feiertag wünschen. Mehrere Großunternehmen haben für ihre islamischen Mitarbeiter islamische Gebetsräume einrichten lassen. Der Kopftuch mag an öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern oder Staatsbehörden zwar umstritten sein, an der Kasse beim Supermarkt um die Ecke ist es jedoch zu einer alltäglichen Erscheinung geworden.

Am 3. September 2008 sorgte Staatssekretärin Tineke Huizinga (ChristenUnie) für Aufregung, als sie in einem Fernsehinterview die Möglichkeit einräumte, das Ramadanfest (Fest des Fastenbrechens) zum öffentlichen Feiertag zu erklären, falls ein großer Anteil der niederländischen Bevölkerung islamischen Glaubens sein sollte und den Tag gerne als Feiertag hätte. Rein aus Gründen der Gleichberechtigung wäre es dann gerecht, das Ramadanfest als öffentlichen Feiertag mit Weihnachten oder Ostern gleichzuziehen. Auch wenn Huizingas Vorschlag vor allem bei den Parteien PVV und SGP Empörung auslöste und ansonsten wenig Widerhall fand, scheint so ein Schritt in Zukunft nicht unmöglich zu sein. Dann wird der Islam auch auf dem Feiertagskalender seinen Platz als bedeutsame Religion in den Niederlanden erhalten haben.


[1] Vgl. CBS: Religie aan het begin van de 21ste eeuw, Den Haag/Heerlen 2009, S. 35, Onlineversion.
[2] Vgl. Sociaal-Cultureel Planbureau: Moslim in Nederland 2012, Den Haag 2012, Onlineversion.
[3] Weiterführende Informationen auch in den Kurzbiographien und Texten zu Pim Fortuijn, Theo van Gogh, Ayaan Hirsi Ali und Geert Wilders.

Autor: Kristian Mennen
Erstellt:
November 2013