VIII. Religiöse Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen und andere

Die Position kirchlicher und religiöser Einrichtungen

In Kapitel III wurde bereits darauf hingewiesen, dass Kirchen und Religionsgemeinschaften in den Niederlanden im Vergleich zu Deutschland eine andere rechtliche Stellung einnehmen. Sie sind keine Körperschaften des öffentlichen Rechts, werden vom niederländischen Gesetz als einfache Vereine oder Verbände betrachtet und haben nicht die Möglichkeit, Kirchensteuern zu erheben. Religionsunterricht ist in den Niederlanden nicht staatlich geregelt, dafür steht es Körperschaften mit religiösem Hintergrund frei, Schulen zu gründen, die Unterricht in einer bestimmten Religion anbieten. Eine solche Schule hat – wie auch kirchliche Hochschulen, Stiftungen, Krankenhäuser und sonstige karitativen Einrichtungen – dabei immer noch Anspruch auf staatliche Förderung. Voraussetzung für eine solche Förderung ist, dass sie bestimmte Mindeststandards erfüllen. Im islamischen Kontext kam es gelegentlich zur merkwürdigen Situation, dass eine Moschee als religiöse Begegnungsstätte keine staatliche Förderung beantragen kann, dieselbe Moschee als kulturelles Zentrum aber durchaus im Rahmen bestimmter sozialen, kulturellen und Integrationsprojekte gefördert werden kann.[1]

Unter Berufung auf die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit können bestimmte Rechte und Ansprüche im eigenen Kreis sowie in kirchlichen Einrichtungen geltend gemacht werden, die im außerreligiösen Bereich nicht in Betracht kämen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Kontroverse um das rituelle Schlachten ohne Betäubung (Schächten), wobei die Religionsfreiheit von Juden und Muslimen vom Gesetzgeber am Ende höher eingestuft wurde als das Tierwohl (NiederlandeNet berichtete). Kirchlich gebundene Privatschulen können nach wie vor homosexuelle Lehrer aufgrund ihrer sexuellen Orientierung entlassen oder gar nicht erst anstellen.

Gleichwohl ist die Bindung zwischen den Kirchen einerseits und den Vereinen, Organisationen und Einrichtungen andererseits nicht so stark institutionalisiert wie in Deutschland. Da die Kirchen keinen offiziellen staatsrechtlichen Status genießen, können sie ihren Einfluss nur dann geltend machen, wenn die Organisationen und Einrichtungen damit einverstanden sind. Da Schulen, Krankenhäuser und karitative Einrichtungen direkt durch den Staat gefördert werden, werden sie keinen finanziellen Nachteil erlangen, wenn sie ihre kirchliche Bindung auflösen. Für die Kirchen und originär kirchliche Institutionen wie Caritas und Diakonie scheint dies eine frustrierende Situation zu sein: Alle sozialen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, die manchmal über viele Jahre mit kirchlichem Geld aufgebaut wurden, trennen sich – durch die staatliche Förderung unterstützt – von der Kirche. In historischer Perspektive kann hier auf Schulen, Krankenhäuser, Stiftungen, Gewerkschaften, Rundfunkanstalten und sonstige gemeinnützige Aktivitäten gewiesen werden. Die Position der Kirche in Gesellschaft und öffentlichem Leben wird immer kleiner.[2]

Karitative Arbeit der Kirchen

Infolgedessen schalten die niederländischen Kirchen sich heutzutage nur noch in nicht- oder halbinstitutionellen Bereichen in die Wohlfahrtsarbeit ein. Nichtsdestotrotz decken kirchliche Aktivitäten und Initiativen ein breites Spektrum ab. Ein wichtiges Beispiel in den letzten Jahren ist das der voedselbanken  (dt. Lebensmitteltafeln), die oft einer kirchlichen Initiative entstammen und sich nach wie vor personell und logistisch auf eine lokale Kirchengemeinde stützen. Ein anderes Beispiel ist die Fürsorge für Flüchtlinge und Asylbewerber. Flüchtlinge, die des Landes verwiesen werden und das Asylbewerberheim in Erwartung ihrer Abschiebung bereits verlassen müssen, bekommen hin und wieder Asyl in Kirchengebäuden angeboten. Kirchlich organisierte Freiwillige beschaffen Kleidung und Verpflegung und mobilisieren die Nachbarschaft zu Protesten gegen die Abschiebung.

Für das Leger des Heils (dt. Heilsarmee) ist die Betreuung von Obdachlosen, Alkohol- und Drogenabhängigen schon seit der Gründung eine Kernaufgabe. Die Bewegung, die militärähnlich organisiert ist, dafür aber ihr Engagement aus einer freievangelischen religiösen Motivation herleitet, gibt es in den Niederlanden schon seit 1887. Lokale Untergliederungen der Heilsarmee sind in allen niederländischen Städten zentrale Anlaufstellen sowohl für Obdachlose als auch für engagierte Unterstützer und Spender.

IKV Pax Christi

In der Zusammensetzung ist der Interkerkelijk Vredesberaad (dt. Kirchlicher Friedensrat, IKV) eine einmalige Komposition, die 1966 von neun Kirchen unterschiedlicher Konfessionen gegründet wurde. Der Kirchliche Friedensrat sollte die Probleme von Krieg und Frieden erforschen und dann die Ergebnisse den Kirchen übermitteln, damit diese wiederum ihre eigene Position in der Gesellschaft gegenüber den Politikern definieren konnten. Außerdem sollte der IKV in der Bevölkerung einen Prozess der Bewusstseinswerdung stimulieren; die Menschen sollten aufgemuntert werden, aktiv Frieden in der Welt mitzugestalten. So gibt es jährlich eine Friedenswoche, eine Veranstaltung, bei der man sich unter anderem über verschiedene Krisenregionen und die Friedensaktivitäten des IKV informieren kann. Die Philosophie der Organisation beruht auf dem Grundsatz „volhardend in vrede“, was man mit Ausdauer oder Beharrlichkeit in Frieden übersetzen kann.

Der IKV wurde vor allem mit seiner großen Kernwaffenkampagne im Jahr 1977 bekannt, die über die Jahre wuchs. Hunderttausende Menschen demonstrierten 1983 gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Aufstellung von Kernwaffen in Europa. Der IKV knüpfte Anfang der 1980er Jahre Kontakt zu Kirchen, politischen Dissidenten und Friedensorganisationen in Osteuropa. Viele dieser Partner waren später maßgeblich an der gesellschaftlichen Umwälzung in Osteuropa beteiligt.

Mittlerweile arbeitet der IKV im Auftrag der Kirchen, aber nicht mehr im Namen der Kirchen. Bei Konflikten in der Vergangenheit zeigte sich, dass die Kirchen nicht immer die Meinung der IKV übernahmen. So handelt der Friedensrat jetzt mehr im Sinne der Ökumene. Der IKV sieht die Problematik von Frieden und Sicherheit zunächst als ein politisches Problem, was den religiösen Aspekt von Konflikten aber nicht ausschließen soll. Der IKV unterstützt weltweit Partner in Konfliktgebieten. Die lokalen Nichtregierungsorganisationen bekommen finanzielle Hilfe, um ihren Beitrag leisten zu können, den Frieden in der Region zu fördern. Es wird als ein ethisches Problem gesehen, welches eine moralische Antwort fordert, wofür wiederum eine politische Lösung notwendig ist.

Der IKV übernimmt eine große gesellschaftliche Verantwortung in den Niederlanden. So bezog er aktiv Stellung zur niederländischen Beteiligung am Irakkrieg und zum Referendum zur Europäischen Verfassung 2005. Regelmäßig werden Veranstaltungen mit anderen Organisationen, Universitäten und Politikern organisiert, um Friedensarbeit transparent zu machen und aktuelle Entwicklungen in den Regionen mit der breiten Öffentlichkeit zu diskutieren. Die Finanzierung der Organisation beruht zum einen auf Geldern des niederländischen Außenministeriums, zum anderen auf anderen Organisationen, die im Bereich Entwicklungshilfe und Friedensarbeit tätig sind. Ein kleiner Prozentsatz der Gelder stammt aus privaten Haushalten.

Der IKV schloss sich 2007 mit der katholischen Friedensorganisation Pax Christi Nederland zusammen. Als IKV Pax Christi werden nach wie vor – in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partnern – Projekte zur Förderung von Frieden und Demokratie in Krisenregionen unterstützt.

Kirchliche Entwicklungshilfeorganisationen

Auch im Entwicklungshilfesektor ist die religiöse Tradition der Niederlande noch nachzuweisen. Die Missionsaktivität der niederländischen Kirchen in den ehemaligen Kolonien und in anderen afrikanischen und asiatischen Ländern bekam traditionell eine starke Unterstützung durch die niederländische Bevölkerung. Und auch in der heutigen säkularen Gesellschaft ist die Zustimmung für Entwicklungsprojekte und die Spendenbereitschaft außerordentlich hoch geblieben. Die staatlichen Entwicklungshilfeleistungen liegen schon seit 1975 über dem international erstrebten Niveau von 0,7 Prozent des BIP; ein Niveau, das bis heute aktiv von Christdemokraten und Sozialdemokraten verteidigt wird.

Die größten niederländischen Entwicklungsorganisationen  sind nach wie vor jene mit christlichem Hintergrund. Die hier folgende Tabelle zeigt die zehn größten niederländischen NGOs, gemessen nach ihren Gesamtausgaben 2011.


Quelle: CIDIN, Dutch NGO Database
NGOs Ausgaben
1 Artsen zonder Grenzen € 140.379.000
2 Oxfam NOVIB € 115.871.866
3 Cordaid € 105.340.182
4 SNV Netherlands Development Organisation € 88.798.775
5 Hivos € 84.780.532
6 ICCO € 65.926.018
7 Care Nederland € 36.058.350
8 ZOA € 29.584.525
9 Woord en Daad € 25.384.821
10 Liliane Fonds € 24.178.831

Das ursprünglich katholische Cordaid, 1999 aus einer Fusion entstanden, und das ursprünglich protestantisch-christliche ICCO (Interkerkelijke Coördinatie Commissie Ontwikkelingssamenwerking) sind eindeutig der „ersten Liga“ der niederländischen Hilfsorganisationen zuzuordnen. In dieser Liste können auch ZOA und Woord en Daad als protestantisch-christlich inspirierte NGOs identifiziert werden.
Kaum messbar sind hingegen die tausenden Klein- und Kleinstinitiativen, die niederländische Bürger auf lokaler Ebene initiiert haben, um Spenden für Entwicklungsprojekte zu sammeln. Nicht selten sind auch hier religiös geprägte Motive oder eine christliche Grundüberzeugung im Streben nach einer besseren Welt mit im Spiel.[3]

Religiös inspirierte Rundfunkanstalten

Die „Versäulung“ hatte in der Zwischenkriegszeit zunächst dazu geführt, dass auch die Rundfunk-landschaft  „versäult“ wurde: Die katholische KRO, die protestantische NCRV und die sozialistische VARA bekamen jeweils bestimmte Sendezeiten zugesprochen. Obwohl diese weltanschauliche Profilierung teilweise immer noch zu erkennen ist, sind KRO und NCRV längst nicht mehr kirchlich gebunden. Inzwischen kann allerdings auch die katholische Amtskirche Anspruch auf Sendezeit für Kirchen und Religionsgemeinschaften erheben, wie die niederländischen Muslime, Buddhisten und Humanisten es auch tun. Das kann zur paradoxen Situation führen, dass die katholische Kirche zum Beispiel am Sonntagmorgen als Omroep RKK eine Messe ausstrahlt, gleichzeitig von der ehemals katholischen KRO auf einem anderen Kanal eine andere Sendung läuft.

Eine besondere Position wird von der Rundfunkanstalt Evangelische Omroep (EO) eingenommen. Die Geschichte dieses Rundfunkvereins beginnt in den 1960er Jahren, als vier Evangelisten sich überlegten, wie sie mehr Menschen über die Medien erreichen können. W. Tielle, J. Kits, Joh. van Oostveen und A. Ramker gelang es dann fünf Jahre später, ihren Traum zu verwirklichen. Es stand eine Stiftung des Evangelischen Rundfunks. Seit 1992 hat die EO den so genannten A-Status mit 550.000 Mitgliedern. Das bedeutete mehr Sendezeit und war eine Bestätigung dafür, dass das Programm der EO in der Bevölkerung positiv ankam. Die EO beruft sich auf einen orthodoxen Pro-testantismus, der nicht direkt einer Kirche oder einer politischen Richtung verpflichtet ist. Der Sender will bewusst das Evangelium Jesu Christi verbreiten, um Menschen wieder näher an Religi-on zu bringen. Die so genannten EO-Jugendtage haben sich allmählich zu Großveranstaltungen der gläubigen protestantischen Jugend entwickelt. Zehntausende Jugendliche versammeln sich, um zusammen zu beten, zu singen und ihren Glauben zu feiern.

Segen für Motorradfahrer

Warum nicht, nichts scheint verrückt genug zu sein. Im süd-limburgischen Ort Geleen trifft sich seit 2003 einmal im Jahr der Motorradclub M8 auf dem Bloemenmarkt. Hier empfangen sie den „göttlichen Motorradsegen“ von der römisch-katholischen Kirche. Einige der Motorradfahrer gehen zuerst zur Messe, danach wird jedes Fahrzeug einzeln gesegnet, ein religiöses Happening sozusagen. Eigentlich war es mehr als Witz gemeint, als Clubmitglieder in einer Kneipe mit dem Pfarrer sprachen. Aber dann nahm der Motorradclub die Initiative und mittlerweile sind es jährlich rund 400 Motorräder samt Fahrern, die den Segen Gottes empfangen.[4]


[1] Vgl. Kortmann, Matthias: Migrantenselbstorganisationen in der Integrationspolitik. Einwandererverbände als Interessenvertreter in Deutschland und den Niederlanden, Münster 2011.
[2] So Erik Sengers beim Kolloquium Hinter den Säulen. Religion und gesellschaftliches Engagement in den Niederlanden nach 1945 am 30. November 2012 in Münster.
[3] Vgl. Veldboom, Evelien: Gij zult een tiende afstaan, in: OneWorld vom 12. Februar 2013, Onlineversion.
[4] Vgl. Dijk, Marc van: Lekker toeren op je gezegende Harley. De God van Nederland, in: Trouw vom 13. April 2005.

Autoren: Andréa Vermeer und Kristian Mennen
Erstellt:
Juni 2005
Aktualisiert:
November 2013