II. Historische Hintergründe

Die Reformation und die religiöse Landkarte der Niederlande

Der Protestantismus in den Niederlanden hat eine lange Geschichte. Ab dem 16. Jahrhundert kann sogar behauptet werden, dass die Geschichte der Niederlande eng mit der Entwicklung des niederländischen Protestantismus verbunden ist. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts war das Land ein Knotenpunkt des europäischen Handels sowie humanistischer und protestantischer Gedanken und Ideen. Ein beträchtlicher Teil solcher Gedanken wurde über holländische, flämische und brabantische Buchdrucker verbreitet. Darüber hinaus stammten viele neue Sekten, Religionsgemeinschaften und Kirchen aus dem Land, das damals noch unter habsburgischer Oberherrschaft stand. Die wichtigste Gruppierung wurde die der Kalvinisten; bereits 1563 erschien der Heidelberger Katechismus in niederländischer Übersetzung[1].

Als sich der politisch motivierte Widerstand der niederländischen Provinzen, Stände und Adligen gegen die zentralistische habsburgische Verwaltung in Brüssel mit dem Widerstand gegen die Verfolgung der Kalvinisten und anderen Protestanten durch dieselbe Regierung verknüpfte, wurden die Niederlande in die Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts verwickelt. Die religiöse Komponente gewährleistete, dass der später als Achtzigjähriger Krieg bekannt gewordene Konflikt als Kampf zwischen den protestantischen Niederlanden und dem katholischen Landesfürsten, der gleichzeitig König Spaniens war, beschrieben werden kann.

Übrigens ist es falsch, sich beim politischen Geschehen des 16. Jahrhunderts die religiöse Landkarte von heute vorzustellen, nach der die protestantischen Niederlande im Norden dem katholischen Belgien im Süden gegenüberstanden. Die Kalvinisten vertraten nicht einmal die Bevölkerungsmehrheit in den aufständischen Provinzen. Geographisch war der Achtzigjährige Krieg eher als ein West-Ostkonflikt gestartet: Der Bildersturm von 1566 hatte zum Beispiel sein Zentrum eindeutig in Flandern, sich die wichtigsten protestantischen Zentren befanden. Die Stadt Groningen wurde erst 1594 endgültig Teil der aufständischen Republik; Antwerpen hingegen, eins der wichtigsten wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zentren überhaupt, ging erst 1585 an die spanischen Truppen verloren. Das zuvor katholische Amsterdam trat 1578 zum Protestantismus über. An die zahlreichen Klöster, die bis dahin große Teil der Osthälfte der Stadt belegt hatten, erinnern heute nur noch Straßennahmen wie „Monnikenstraat“ (dt. Mönchstraße), „Bethaniënstraat“ (dt. Bethanienstraße) oder „Gebed zonder End“ (dt. Gebet ohne Ende). Ende des 19. Jahrhunderts wurde der stille omgang (dt. stille Prozession) wieder ins Leben gerufen: Eine katholische Prozession durch die Amsterdamer Innenstadt, die an das Wunder von Amsterdam 1345 erinnert.

Für die spätere geographische Verteilung der Religionen in den Niederlanden war vor allem der zwölfjährige Waffenstillstand von 1609 bis 1621 von Bedeutung. Auch wenn im späteren Verlauf des Krieges weitere Gebiete Richtung Süden und Osten unter niederländische Verwaltung kamen, fiel die Religionsgrenze zwischen vorwiegend protestantischen und katholischen Gebieten in den nächsten Jahrhunderten mit der Waffenstillstandsgrenze zusammen. 

Andere protestantische Gruppen

Auch wenn die Kalvinisten in der Geschichte des niederländischen Protestantismus eine deutliche Hauptrolle gespielt haben, müssen hier noch weitere im 16. und 17. Jahrhundert entstandene christliche Gemeinschaften erwähnt werden. So gab es in den Niederlanden die Anabaptisten, polemisch auch Wiedertäufer genannt. Sie lehnten die Kindertaufe als nichtbiblisch ab und tauften stattdessen nur Erwachsene, weil die Taufe ein bewusst vollzogener Bekenntnisakt sein sollte. Die anabaptistische Gemeinde war bis über die Grenzen aktiv: Die Holländer Jan Mathys und Jan van Leiden waren die führenden Persönlichkeiten im Täuferreich von Münster 1534 und 1535. Als gefährliche Revolutionäre, die auch die weltliche Ordnung bedrohten, wurden die Täufergemeinschaften von Anfang an grausam verfolgt.

Eine andere, verwandte Gruppe ist die der Mennoniten, genannt nach dem niederländischen Gründer Menno Simons. Im Gegensatz zu den früheren Anabaptisten pflegen die Mennoniten eine friedliche bis gar pazifistische Lebenshaltung. Ein bekannter Vertreter der Täufer in der niederländischen Geschichte war Johan Huizinga. Heute ist das Täufertum in den Niederlanden kaum noch vertreten: 2010 waren noch 9.538 Niederländer als Mitglieder im täuferischen Dachverband verzeichnet[2]. Die Mennoniten können allerdings in den Vereinigten Staaten und in Kanada mehrere Hunderttausende Gläubige verzeichnen.

Anfang des 17. Jahrhunderts führte ein theologischer Konflikt, der damals allerdings auch weitreichende politische Konsequenzen hatte, zur Abspaltung der Remonstranten von der niederländischen reformierten Kirche. Hintergrund war, dass der reformierte Pastor und Professor Jakob Arminius die Prädestinationslehre Calvins ablehnte und die menschliche Willensfreiheit und den Vorrang der Bibel vor kirchlichen Bekenntnissen betonte. Auch die Gruppe der Remonstranten besteht noch: Nach der letzten offiziellen Statistik waren im Jahr 2005 noch knapp über 5.000 Niederländer Mitglied einer an die Remonstrantse Broederschap angeschlossenen Kirchengemeinde[3].

Staat und Kirche im 17. Jahrhundert

Der Konflikt zwischen Remonstranten und Kontraremonstranten, der auf der Dordrechter Synode 1618/19 zum Vorteil der Letzteren beendet wurde, war nicht zuletzt auch ein Streit um das Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Es ging dabei erst einmal um die Frage, inwieweit die Staatsmacht in die kirchlichen Konflikte eingreifen durfte. Umgekehrt ging es aber auch darum, ob der Staat am Ende „neutral“ sein durfte, oder gerade ins öffentliche Leben eingreifen sollte, um die wahre Lehre zu verteidigen und die öffentlichen Sitten aufrechtzuerhalten.

Das Ergebnis dieser Überlegungen im 17. Jahrhundert war eine Mischform: Die vorherrschende kalvinistische Nederduits gereformeerde Kerk galt zwar nicht als Staatskirche, sie durfte aber als öffentliche Kirche viele Vorteile und Vorrechte für sich beanspruchen. Unter anderem bezahlte der Staat die Kirchgebäude und die Gehälter der Pastoren. Die niederländischen Generalstaaten riefen 1618 die Dordrechter Synode zusammen und bezahlten die Ausgabe einer neuen Bibelübersetzung. Die so genannte Statenvertaling, die 1637 fertiggestellt wurde, war ein Meilenstein in der Geschichte des niederländischen Protestantismus. Diese Übersetzung bekam ein derartiges Gewicht, dass einige orthodox-protestantische Kirchenverbände sich bis zum heutigen Tag weigern, Überarbeitungen in modernerem Sprachgebrauch einzuführen. Für die niederländische Sprache ist eine ganze Reihe neu erfundener Ausdrücke und Redewendungen hervorzuheben, die in der Statenbijbel zum ersten Mal verwendet wurden und so ihren Weg in die Sprache gefunden haben.

Der Einfluss der Reformierten Kirche ging nie so weit, dass sie den Menschen religiöse Vorschriften auferlegen oder sie verpflichten konnte, sich an diese zu halten. Wer etwas auf sich hielt und eine gesellschaftliche Position bekleiden wollte, wurde zwar Mitglied der Reformierten Kirche. Für alle anderen galt jedoch die Gewissensfreiheit, also die Freiheit, sich dem Einfluss der öffentlichen Kirche zu entziehen und privat einer anderen Konfession nachzugehen. Im Bereich der öffentlichen Ausübung der Religion wurden andere Kirchen und Religionsgemeinschaften aber klar benachteiligt. Während Lutheraner, Täufer und andere Abweichler noch mehr oder weniger geduldet wurden, war es den Katholiken in der Republik schlicht verboten, ihr Religionsbekenntnis im öffentlichen Raum zu zeigen. Anstatt ihrer beschlagnahmten Kirchen wurden so genannte schuilkerken (dt. Schlupfkirchen) eingerichtet. Das berühmteste Beispiel ist Ons' Lieve Heer op Solder im Amsterdam, versteckt in zwei Grachtenhäusern. Da die Schlupfkirchen trotzdem breite Bekanntheit hatten, bezahlten die Katholiken in vielen Städten Sondersteuer, um ihre offiziell verbotene Religionsausübung von den Behörden dulden zu lassen.

Die Batavische Revolution und ihre Folgen

Das System der Verknüpfung der öffentlichen Nederduits gereformeerde Kerk und des Staates wurde nach der politischen Umwälzung 1795 ausgesetzt. Am 5. August 1796 verkündete die Batavische Nationalversammlung die Trennung von Staat und Kirche. Diese ist seitdem in der niederländischen Verfassung garantiert. Die Religionsfreiheit, die formell schon mit der Verkündung der Menschenrechte 1795 versprochen worden war, wurde am 5. September 1796 per Dekret auch der jüdischen Bevölkerung gestattet. Damit wurden die Juden zum ersten Mal in der niederländischen Geschichte als Staatsbürger anerkannt. Die Religionsfreiheit war Bestandteil aller nachfolgenden niederländischen Verfassungen; in der Verfassung von 1983 betrifft sie Artikel 6.

Auch die Katholiken profitierten von der Religionsfreiheit und von der Einschränkung der Sonder-rechte der Reformierten Kirche. Unter anderem konnten sie eine Neuverteilung der Kirchgebäude nach Bedarf unter den bestehenden Kirchen erzwingen. Trotz oftmals massiven Widerstands der lokalen Protestanten erhielten die Katholiken viele Kirchgebäude zurück. Das prominenteste Beispiel war dabei die Sint-Janskathedrale in Den Bosch, eine der schönsten gotischen Kirchen in den Niederlanden überhaupt, die 1810 „restauriert“ wurde. Das historische Erbe der protestantischen Dominanz ist übrigens in einigen Fällen noch sichtbar: Die Sint-Stevenskerk in Nijmegen und der Sint-Jan in Maastricht sind bis heute protestantisch geblieben, auch wenn die große Mehrheit der Bevölkerung katholisch ist (oder war).

Eine protestantische Nation?

Auch wenn die Nederlandse Hervormde Kerk – so der Name seit 1816 – ihre dominierende Position verloren hatte und verfassungsrechtlich den anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften gleichgestellt wurde, blieben im 19. Jahrhundert einige wenige Sonderrechte bestehen. Einer davon ist die besondere Beziehung zwischen der Kirche und dem Königshaus. Der König ist Mitglied der Hervormde Kerk und galt Anfang des 19. Jahrhunderts, in Nachahmung der Kirchenregelungen in den europäischen Nachbarländern, als Oberhaupt der „Staatskirche“. In diesem Jahrhundert wurde der Mythos einer Einheit „Gott, die Niederlande und Oranien“ beschwört, die Vorstellung, dass die Niederlande unter Führung des Hauses Oranien eine besondere Mission oder Rolle in seinem Heilsplan zu erfüllen hätten. Historisch rückblickend ließe diese Mission sich an den Aufstand im 16. Jahrhundert festmachen.

Widerstand gegen dieses Bild bestand unter anderem in katholischen Kreisen. Eine solche Darstellung der niederländischen Geschichte würde nämlich die Protestanten zu den eigentlichen „Trägern“ der niederländischen Nation machen, die im 16. Jahrhundert die Freiheit erkämpft hätten. Die Katholiken wurden damit explizit aus der kollektiven niederländischen Nation ausgeschlossen und immer noch als eine Art „fünfte Kolonne“ ausländischer Mächte (des Papstes) betrachtet. Während des 19. Jahrhunderts entwickelten sie ihre eigenen geschichtspolitischen Strategien, in denen sie zum Beispiel den aktiven katholischen Beitrag am Achtzigjährigen Krieg hervorhoben. Auch wurde die Loyalität des katholischen Volksteils gegenüber dem Königshaus betont – eine Loyalität, die sich also nicht unbedingt aus dem protestantischen Glauben herleiten ließe.

Die enge Verbundenheit zwischen dem niederländischen Staat und der Nederlandse Hervormde Kerk stieß darüber hinaus auch in reformierten Kreisen auf Widerstand. Vor allem orthodoxe, konservative Kirchengemeinden wollten sich nicht mehr damit abfinden, dass der Staat durch das hierarchische Kirchenreglement und durch die Macht, Theologieprofessoren und Pastoren zu ernennen, die Kirche in eine progressiv-liberale Richtung lenkte. Die erste Abtrennung (nl. afscheiding) begann 1834 noch als ein kleines und lokales Ereignis und entwickelte sich erst allmählich zur Massenbewegung. 1869 gehörten über 100.000 Menschen (oder 3 Prozent der niederländischen Bevölkerung) zu afgescheiden Gemeinden (knapp 55 Prozent für die Nederlandse Hervormde Kerk)[4]. Erst die Doleantie des Abraham Kuyper 1886 machte die gereformeerden, wie sie sich ab dem Moment nannten, zu einer größeren Bevölkerungsgruppe. Kuyper gab der neuen Kirche eine ideologische Grundlage mit dem Begriff der „Souveränität im eigenen Kreis“: Das Recht, sich im eigenen Kreis gegen die liberalen und freidenkerischen Einflüsse des niederländischen Staates, gerade auch in den kirchlichen Bereich hinein, abzuschotten. Deutlicher lässt sich die Verknüpfung politischer und religiöser Fragen im 19. Jahrhundert kaum zeigen.

Auf weitere Einzelheiten der niederländischen Religionsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Stattdessen wird auf die einschlägige wissenschaftliche Literatur und auf den Bereich Geschichte bei NiederlandeNet verwiesen.


[1] Rooden, Peter van: Protestantism in the Netherlands to the Present Day, in: McGrath, Alister E./Marks, Darren C. (Hrsg.): The Blackwell Companion to Protestantism, London 2003, S. 147–155.
[2] SILA: Aantallen bij de SILA geregistreerde personen, 2011, Onlineversion.
[3] Becker, Jos/Hart, Joep de: Godsdienstige veranderingen in Nederland, Verschuivingen in de binding met de kerken en de christelijke traditie, Den Haag 2006, Onlineversion.
[4] Knippenberg, Hans: De Religieuze Kaart van Nederland, Assen/Maastricht 1992. S. 70, 92-106, 268.

Autoren: Andreá Vermeer und Kristian Mennen
Erstellt:
Juni 2005
Aktualisiert:
November 2013