IV. Protestantische Kirche

„Samen op Weg“: die PKN

Die Protestantse Kerk in Nederland (PKN) wurde offiziell am 1. Mai 2004 gegründet. Sie war ein Zusammenschluss der ehemaligen Nederlandse Hervormde Kerk, der Gereformeerde Kerken in Nederland und der Evangelisch-Lutherischen Kirche.

Die Fusion der verschiedenen Kirchen wurde unter anderem durch einen fortschreitenden Prozess der Entkirchlichung und sinkenden Mitgliederzahlen[1] vorangetrieben. Die Nederlandse Hervormde Kerk, die Anfang der sechziger Jahre noch 3,2 Millionen Gläubige zählte, konnte im Jahr 2000 nur noch 1,6 Millionen Menschen als Mitglieder verzeichnen. Bereits in den 1970er Jahren kam es zur Gründung einiger „Samen-Op-Weg“ (dt. Zusammen auf dem Weg)-Gemeinden, wo die verschiedenen protestantischen Kirchen lokal miteinander ins Gespräch traten.

Das Pastorenamt für die Frau war dabei noch der kleinste Streitpunkt. Die Täufer (1911), die Remonstranten (1919) und die Lutheraner (1922) hatten als erste protestantische Kirchen Frauen zum Pastorenamt zugelassen. Die größeren protestantischen Kirchen folgten bis 1970.  Ein heiklerer Punkt war die Kirchenstruktur: Viele gereformeerde Kirchengemeinden konnten sich nicht mit der Autorität einer Synode abfinden, da diese die Autonomie der lokalen Kirchengemeinde untergraben würde. Die Fusion zur PKN führte 2004 sofort zu einer neuen Kirchenspaltung, wie nachfolgend ausgeführt wird. Insgesamt kann die Fusion trotzdem als Erfolg angesehen werden: Erstmals seit fast 200 Jahren kann eine Kirche wieder beanspruchen, die große Mehrheit der protestantischen Niederländer und damit auch eine signifikante Gruppe in der niederländischen Gesellschaft zu vertreten. Gleichwohl wird der Säkularisierungsprozess auch in der neuen PKN fortgesetzt: Die Mitgliederzahlen sinken immer noch. Offiziell waren 2011 1.762.000 Niederländer Mitglied der PKN; das entspricht 11 Prozent der Bevölkerung[2].

Das höchste Verwaltungsorgan der PKN ist die Generalsynode, in der die regionalen Klassen  vertreten sind. Die der PKN angeschlossenen Gemeinden können selbst entscheiden, ob sie sich als lutherisch, hervormd oder gereformeerd bezeichnen; Kirchengemeinden dieser drei Denominationen können sich aber auch zusammenschließen und als einheitliche protestantische Kirchengemeinde der Kirche verbunden sein. Auf theologischer Ebene wird in dieser Weise eine große Pluralität geduldet; Kirchengemeinden, die sich früher gegenseitig der Häresie beschuldigt haben, haben sich tatsächlich im neuen Kirchenverband zusammengefunden.

Ende 2000 wurde auch die protestantische Kirche mit Fällen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen konfrontiert, die bis dahin vor allem die katholische Kirche in den Niederlanden in Verruf gebracht hatte. Trotz des kleineren Ausmaßes der Missbrauchsfälle durch Pastoren und Kirchenväter – es betraf knapp 300 Meldungen – kündigte der Synodensekretär explizit mehr Offenheit und mehr Unterstützung der Missbrauchsopfer an.

Andere protestantische Gruppen

Wie bereits erwähnt, führten Streitigkeiten um die Fusion 2004 zu neuen Kirchengründungen. Vor allem die rechten Flügel der Nederlandse Hervormde Kerk und der Gereformeerde Kerken konnten sich nicht damit abfinden, dass im neuen, pluralistischen Kirchenverband Auffassungen geduldet werden sollten, die nicht mit der Wahrheit Gottes in Übereinstimmung gebracht werden konnten. Die Hersteld Hervormde Kerk und die Voortgezette Gereformeerde Kerken in Nederland wurden neu gegründet. Zahlenmäßig fallen sie nicht besonders ins Gewicht; als konservative Pendants zur einheitlichen PKN sind sie aber als direkte Nachfolger der gereformeerden in der ohnehin komplizierten niederländischen Religionslandschaft zu betrachten. Sie vertreten einen traditionalistischen Protestantismus, der die Statenvertaling moderneren Bibelübersetzungen vorzieht und auf politischer Ebene nach wie vor die Position Gottes in der Gesellschaft verteidigt.

Im November 2012 konnte dagegen die Versöhnung der PKN mit der Nederduits Gereformeerde Kerk Südafrikas in die Öffentlichkeit gebracht werden. Die Verbindungen mit der protestantischen Kirche der ursprünglich niederländischen Kolonisten in Südafrika, mit einem Mitgliederbestand von 880.000 Gläubigen, waren 1978 aus Protest gegen das Apartheid-Regime abgebrochen[3].

Stereotypes protestantisches Leben: Der Bibelgürtel

Das Bild des strenggläubigen, hart arbeitenden und puritanisch lebenden niederländischen Kalvinisten, der jeden Sonntag zur Kirche geht und eine Familie mit mindestens sieben Kindern gründet, ist im Grunde nichts mehr als ein Stereotyp. Es hat sehr wenig mit der Lebenswirklichkeit der großen Mehrheit der niederländischen Protestanten zu tun. Diese straff orthodox-protestantischen Orte gibt es zwar tatsächlich – der durchschnittliche deutsche Tourist wird sie aber höchst selten kennen oder besuchen. Sie befinden sich vor allem im so genannten bible belt (dt. Bibelgürtel), einem Landstreifen, der sich von den Inseln Seelands über die Umgebung von Dordrecht, die Betuwe und die Veluwe zum Nordwesten der Provinz Overijssel erstreckt. Die Orte Urk und Staphorst sind nur die bekanntesten, die im Kollektivbewusstsein der Niederländer als „Schwarzstrümpfe-Gemeinde“ bekannt stehen.

Der hier folgende Absatz schildert nur das stereotypische Bild, das nicht verallgemeinert werden kann, durchaus aber einen wahren Kern besitzt:  In diesen Orten und Dörfern ist eine Mehrheit der Bevölkerung orthodox protestantisch. Die Gemeinde versammelt sich am Sonntag in Schwarz gekleidet, die Frauen in Röcken, in der Kirche; sonst wird die Sonntagsruhe strikt gehandhabt. Fluchen und Trinken werden sozial geächtet. Auf jedem Bauernhof liegt eine Statenbijbel, aus der jeden Tag gelesen wird; vor dem Essen wird gebetet. Die zahlreichen Kinder gehen zur neben der Kirche gelegenen school met de bijbel (dt. protestantische Schule).  Auf dem Standesamt weigert der Beamte die Trauung von homosexuellen Paaren. Die Kommunen werden alle paar Jahre von einer Masern-, Röteln- oder Kinderlähmung-Epidemie heimgesucht, weil sich die Eltern aus religiösen Gründen weigern, ihre Kinder impfen zu lassen. (NiederlandeNet berichtete) Auf politischer Ebene ist das Dorf eine Hochburg der SGP: Die Partei, die landesweit kaum 2 Prozent erzielt, holt sich lokal immer wieder die absolute Mehrheit. Wie schon erwähnt, wird hier grundsätzlich nur das stereotype Zerrbild wiedergegeben, das auch lokal in den Orten des bible belt nur begrenzt erkannt werden kann. Gleichwohl gibt es alle die geschilderten Dinge wirklich und bilden sie eine eigene, besondere Seite des niederländischen Protestantismus.


[1] Vgl. Eijnatten, Joris van/Lieburg, Fred van: Nederlandse religiegeschiedenis, Hilversum 2005, S. 274-275, 336.
[2] Vgl. Katholiek Sociaal-Kerkelijk Insituut: Kerncijfers van de kerkgenootschappen die deelnemen aan de actie 'Kerkbalans 2013' (basierend auf den eigenen Zahlen der PKN), Onlineversion.
[3] Vgl. o.A. 2012: Verzoening kerk Zuid-Afrika met Protestantse Kerk, in: Friesch Dagblad vom 9. November 2012, Onlineversion.

Autor: Kristian Mennen
Erstellt:
November 2013