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Hendrik Nicolaas Werkman

*Leens, 29. April 1982 - †Bakkeveen, 10. April 1945 - Grafiker, Drucker und Typograf

Hendrik Nicolaas Werkman um etwa 1915
Hendrik Nicolaas Werkman um etwa 1915, Quelle: Wikimedia Commons

„Drucker des Paradieses“ – so nannte der Biograf Hans van Straten den niederländischen Künstler und Typografen Hendrik Nicolaas Werkman. Dessen Leben war alles andere als paradiesisch. Zu Lebzeiten einer großen Öffentlichkeit kaum bekannt, kurz vor Kriegsende von den deutschen Besatzern ermordet, hat Werkmann jedoch postum eine beachtliche und bleibende Wertschätzung in den Niederlanden erfahren.

Einem fest definierten Stil oder einer abgegrenzten künstlerischen Richtung lässt sich Werkman kaum zuordnen. International von der Kunstwelt wurde er zuerst wahrgenommen, als er von September 1923 bis November 1926 in unregelmäßiger Folge die Schrift „The Next Call“ herausgab, experimentelle Werke, die sich aus Manifesten, Prosagedichten und „Drukseln“ zusammensetzt. In „The Next Call“ greift Werkman alle Äußerungsformen auf, die in der Avantgarde in den 1920er Jahren angewandt werden. Außergewöhnlich und persönlich geprägt ist seine bildnerische Gestaltung mit Druckformen und Schablonen. Die frei gestalteten Seiten bezeichnete er selbst als „Druksels“, deutsch etwa „Gedrucktes“.

Geboren wird Hendrik Nicolaas Werkman am 29. April 1882 in Leens als Sohn des Tierarztes Jacob Werkman und Grietien Alingh Louwes. Nach dem Tod des Vaters 1891 zieht die Mutter mit den beiden Brüdern zunächst nach Assen, ein Jahr darauf nach Groningen. Dort besucht H.N. Werkman 1896 die Höhere Bürgerschule. 1900 verlässt er ohne Abschlussexamen die Schule und bekommt eine erste Anstellung bei einer Druckerei, die in Kombination mit einer Buchhandlung betrieben wurde. Dies war seine erste Begegnung mit dem Druckerhandwerk. Von 1903 bis 1907 arbeitet Werkman als Journalist für zwei Groninger Zeitungen. Nach einer kurzen Zeit als Betriebsleiter einer Druckerei macht er sich 1908 in Groningen mit einer eigenen Druckerei selbständig. 1909 heiratet er Jansje Cremer. Im gleichen Jahr fängt der Gehilfe Wybren Bos eine Lehre bei Werkman an. Er wird 35 Jahre mit Werkman zusammenarbeiten.

1917, dem Jahr, in dem seine Frau stirbt, macht der Autodidakt Werkman seine ersten künstlerischen Versuche und beginnt zu malen. 1918 geht er eine neue Ehe mit Pieternella J.M. Supheert ein. Im gleichen Jahr erlebt seine Druckerei eine erfolgreiche Saison – sie zählt 27 Mitarbeitern. 1918 wird in Groningen die Künstlervereinigung „De Ploeg“ (dt. Der Pflug, Die Gruppe) gegründet. Ziel der Gruppe ist es, dass sich Künstler untereinander kennenlernen und das örtliche Kunststudium anregen sollen. 1920 wird auch Werkman Mitglied der Künstlergruppe „De Ploeg“.

Während Werkman künstlerisch aktiver wird, spitzt sich seine geschäftliche Misere zu. Er ist kein guter Unternehmer, und die Konjunktur lahmt. Das Versagen als Geschäftsmann gibt ihm den Anstoß zur freien Kunstausübung. Ausgehend vom Material der Werkstatt, also der Setzkästen und der Druckerpresse, beginnt er zu experimentieren. Dabei entsteht das erste „Druksel“ mit dem Titel „Schornsteine“ (23-1, Hot-Printing-Katalog). Im September 1923 erscheint die auf dieser Technik basierende Schrift „The Next Call“. Die Zeitschrift ermöglicht Werkman internationale Kontakte, unter anderem mit Michel Seuphor in Paris. 1929 unternimmt er mit Jan Wiegers, einem Ploeg-Mitglied aus Groningen, eine Reise nach Köln und Paris. Mit Anregungen zu neuen Techniken und der Verwendung neuer Formelemente kehrt er zurück.

1930 lässt Werkman sich von seiner zweiten Frau scheiden, 1931 stirbt seine Mutter. In diesem Jahr fasst er den Plan – wie viele expressionistische Künstler vor ihm – nach Tahiti auszuwandern, setzt diesen Plan aber doch nicht um. Die Suche nach dem Paradies der Südsee findet 1936 in „Zuidzee-eiland“ (dt. Südseeinsel) und 1942 in der Serie „Het Vrouweneiland“ (dt. Die Fraueninsel) seinen Niederschlag.

Mit der Entwicklung der Schablonentechnik, teilweise noch kombiniert mit der Stempeltechnik, entdeckt Werkman 1934 ein neues künstlerisches Feld. In dem Jahr lernt er auch M.C. van Leeuwen kennen, die er 1936 heiratet. In der Zeit zwischen 1935 und 1939 entstehen Drucke in den unterschiedlichsten Techniken. Thematisch wechseln sie zwischen Abstraktion und Figurativem. Die Serie nennt er „hot printing“, angelehnt an den Begriff „hot jazz“. Nach dem Besuch von Willem Sandberg 1939, dem Kurator des Amsterdamer Stedelijk Museums, ist im Herbst in der Galerie Helen Spoors in Amsterdam die erste Einzelausstellung Werkmans zu sehen.

Mit der Besatzung der Niederlande durch die deutschen Truppen am 10. Mai 1940 erlahmt Werkmans Schaffenskraft zunächst. Erst im Herbst macht er einen neuen Anfang nach der Begegnung mit der Freundesgruppe Adri Buning, F.R.A. Henkels und A.J. Zuithoff, die einen Drucker für das Drucken des Gedichtes „Het jaar 1572“ (dt. Das Jahr 1572) von Martinus Nijhoff suchen. Das Gedicht bezieht sich auf den niederländischen Freiheitskampf gegen die Spanier: 1572 markierte mit der Einnahme der Städte Den Briel und Vlissingen durch die Niederländer unter Wilhelm von Oranien einen wichtigen Wendepunkt des Aufstandes. Die Kulturkammer der deutschen Besatzer verstehen die Anspielung nicht. Nach dem Druck dieses Gedichts bilden die vier Beteiligten die Gruppe „De Blauwe Schuit“ (dt. Die blaue Schute), Der Name „De Blauwe Schuit“ stammt aus einer Passage von Erasmus von Rotterdam, in der all diejenigen in eine blaue Schute zusammenfinden, die keinen Einlass in die mittelalterlichen Gilden bekommen. Während der Besatzungszeit gibt „De Blauwe Schuit“ 40 Drucke in geringer Auflage heraus. Die Kriegsjahre werden die produktivste Phase Werkmans. Rund die Hälfte seines Oeuvres entsteht.


Durch seinen Freund F.R.A. Henkels, der Pfarrer im friesischen Heerenveen ist, lernt Werkman die Geschichten des Baalschem aus den Chassidischen Legenden von Martin Buber kennen, die Werkman 1941 zu illustrieren beginnt. Die bedrückende Besatzungssituation verursacht eine immer stärkere persönliche Anspannung bei Werkman. 1944 landen die Alliierten, der Sicherheitsdienst übt verschärfte Kontrolle in den Niederlanden aus. Am 13. März 1945 wird Werkman verhaftet, vermutlich unter dem Verdacht, illegale Pamphlete gedruckt zu haben. Am 10. April 1945, drei Tage vor der Befreiung der Gefangenen, wird H.N. Werkman gemeinsam mit neun weiteren Häftlingen in der Nähe von Bakkeveen von einem deutschen Erschießungskommando hingerichtet.

Der erste Nachkriegs-Direktor des Stedelijk Museums, Willem Sandberg, hat sich ebenso wie der Kunsthistoriker Jan Martinet sehr für die Verbreitung und Bekanntmachung des Oeuvres von H. N. Werkman eingesetzt. Jan Martinet gibt den ersten vorläufigen Oeuvrekatalog „Hot Printing“ 1968 heraus. Nach dem Krieg stiftet die Stadt Amsterdam den Hendrik N. Werkman-Preis für Typografie; den ersten Preis erhält H.N. Werkman im Juli 1945 posthum selbst für den 1942 gedruckten Türkenkalender. Die Herausgabe von Briefen Werkmans, große Ausstellungen und Faksimile-Ausgaben seiner Chassidischen Legenden haben dazu beigetragen, dass Werkman einen eigenen Platz in der niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte erhielt.

Die größten Sammlungen von H.N. Werkmans Werk befinden sich heute im Stedelijk Museum in Amsterdam, im Groninger Museum und im Klingspor-Museum in Offenbach.

Autorin: Adelheid Scholten
Erstellt: November 2013


Links

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Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Kultur finden Sie unter Bibliographie

Blom, Frans R.E/Koppen, Willem van/Wal, Mieke van der: Hendrik Nicolaas Werkman, Brieven rond De Blauwe Schuit (1940–1945), Amsterdam 2008.

Dekkers, Dieuwertje/Spek, Jikke van der/Vries, Anneke de (Hrsg.): H.N. Werkman: Het complete Oeuvre, Amsterdam 2008.

Martinet, Jan (Hrsg.): Brieven van H.N. Werkman, 1940–1945, Amsterdam 1968.

Straten, Hans van: Hendrik Nicolaas Werkman, de drukker van het paradijs, Amsterdam 1980.


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