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Hadt-je-me-maar (auch: Hadjememaar)

* Amsterdam, 22. November 1856 - † Amsterdam, 30. November 1931 - Obdachloser, Straßenmusiker, Gemeinderatsmitglied

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Hadjememaar im Jahr 1921, Quelle: Nationaal Archief

Bis heute hat sich der Begriff ‚Hadjememaar‘ (vom nl. Hadt je me maar = Hättest Du mich bloß) im niederländischen Sprachgebrauch erhalten. Als ‚Hadjememaars‘ verspottet man Politiker mit wenig politischer Erfahrung, die sich selbst bewusst und massenwirksam als Establishmentfeindlich darstellen. Der ursprüngliche Hadjememaar war ein stadtbekannter Amsterdamer Obdachloser und Straßenmusiker namens Cornelis ‚Nelis‘ de Gelder, der sich 1921 von einer kleinen avantgardistischen Amsterdamer Protestpartei als Listenkandidat für die Gemeinderatswahlen aufstellen ließ – und, gegen jegliche Erwartung, in den Gemeinderat gewählt wurde.

Geboren 1856 und aus sozial schwachen Verhältnissen stammend, hatte Cornelis de Gelder sich viele Jahre als Steinmetz und Akrobat durchgeschlagen. Nachdem er zum zweiten Mal Witwer geworden war und seine fünf Kinder nicht mehr versorgen konnte, begann er ein Leben auf der Straße. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte er in Amsterdam eine gewisse lokale Bekanntheit: Er hielt sich zumeist im Bereich des Rembrandtplein auf, um sich dort singender und tanzender Weise genug Geld für Alkohol zu verdienen. 1916 wurde er in die Werbekampagne für eine örtliche Revue des niederländischen Cabaret- und Revuekünstlers Louis Davids einbezogen, indem er deren Titellied ‚Hadt je me maar…‘, natürlich gegen Bezahlung, in sein Repertoire übernahm. So erhielt er seinen Beinamen, unter dem er in Amsterdam zunehmend bekannter wurde. Als de Gelder sich 1919 einem kurzzeitigen Krankenhausaufenthalt unterziehen musste, berichteten darüber sogar die lokalen Medien.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg setzte – wie auch in der Weimarer Republik – in den Niederlanden eine Phase hoher politischer Dynamik ein. Zahlreiche neue Parteien und Gruppierungen, einige davon mit radikalen und sozialistisch-anarchistischen Programmen und nicht selten einem avantgardistischen oder dadaistischen Duktus traten auf den Plan und versuchten ihr Glück – viele von ihnen verschwanden nach kurzer Zeit wieder sang und klanglos von der Bildfläche. Eine dieser zahllosen kurzlebigen Kleinstparteien waren die 1921 gegründeten ‚Veelbelovers‘ (dt. Vielversprecher) – ein Zusammenschluss anarchistischer Werftarbeiter. Sie konnten die Lokalberühmtheit Hadjememaar als Spitzenkandidaten für die Liste der Vrije Socialistische groep (dt. Freien Sozialisten) gewinnen. Die Gruppierung, die noch im selben Jahr in der von anarchistischen Künstlern gegründeten Rapaille-Partei (dt. Pöbel-Partei) aufging, wollte Kritik am 1917 eingeführten allgemeinen Wahlrecht üben, indem sie zeigte, dass sogar ein Straßenmusikant und notorischer Trunkenbold mit der richtigen Wahl-PR von der breiten ‚ungebildeten‘ Masse gewählt werden könne. Am 12. März 1921 erklärte Hadjememaar auf einer improvisierten Pressekonferenz seine Kandidatur und stellte die Hauptpunkte seines ‚Wahl-Programms‘ vor: ‚Jajempies‘ (dt. Jeneverflaschen) sollten in Zukunft für fünf niederländische Cent das Stück, Brote für elf Cent und Schmalz für 35 Cent zu haben sein. Außerdem sollte es künftig gestattet werden, im Amsterdamer Stadtpark, dem Vondelpark, zu jagen und zu fischen.

Tatsächlich schafften Hadjememaar und der zweite Mann auf der Liste, ein Hausierer und Zeitungsverkäufer namens Hubertus ‚Bertus‘ Zuurbier (1880 bis 1962), die Wahl in den Gemeinderat der Stadt. De Gelder selbst weilte zum Zeitpunkt seiner Wahl in einer Alkoholentzugsklinik, da er kurz zuvor öffentlich betrunken aufgegriffen und zu einem Aufenthalt in der Klinik verurteilt worden war. Die städtischen Parlamentarier fürchteten seit der Wahl um den guten Ruf und die Handlungsfähigkeit des Gemeinderats für den Fall, dass Zuurbier und De Gelder ihre Mandate auch wahrzunehmen gedachten. De Gelder unterzeichnete in der Entzugsklinik, wohl nicht ganz freiwillig, eine Erklärung, in der er auf sein Mandat verzichtete. Den Gemeinderatssaal hat er nie betreten. Der zweite Listengewinner Zuurbier erschien, obwohl er keinerlei echte politische Ambitionen besaß, zwischen 1921 und 1923 regelmäßig im Gemeinderat – wohl um das Tagesgeld, das jedem Abgeordneten zustand, einzustreichen und somit seinen Lebensunterhalt zu sichern.
Hadjememaar/De Gelder konnte seine Alkoholabhängigkeit in der Klinik unter Kontrolle bekommen. Nach seiner Entlassung versorgte die Gemeinde ihn mit einer kostengünstigen Wohnstätte und er hielt sich bis zu seinem Tod mit Gelegenheitsarbeiten und kleineren Händeln über Wasser. 1931 starb er 75jährig im Amsterdamer Krankenhaus Binnengasthuis.

Neben dem satirischen Stummfilm ‚De droom van Hadtjememar‘ (dt. Hadtjememaars Traum) über die Geschehnisse des Wahljahres 1921, in dem De Gelder sich selbst darstellt, wurde 1984 ein überaus erfolgreiches Musical mit dem niederländischen Komiker Wim Wama auf die Bühne gebracht, das von der Figur des Hadjememaar inspiriert wurde.

Autorin: Christian Kuck
Erstellt: August 2011


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