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Rudi van Dantzig

*Amsterdam, 04. August 1933 - † Amsterdam, 19. Januar 2012 — Tänzer, Choreograph, Autor

Rudi van Dantzig
Rudi van Dantzig, Quelle: NA (135-0488)

Einer der erfolgreichsten und einflussreichsten niederländischen Tanzregisseure ist Rudi van Dantzig. Er begann seine Karriere 1950 als Tänzer und leitete 20 Jahre, von 1969 bis 1991, das renommierte „Nationale Ballet“ in Amsterdam. Van Dantzig erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen, wurde zum Ritter im Orden von Oranje Nassau geschlagen, und machte sich auch im Ausland einen sehr guten Namen.

Rudi van Dantzig wurde 1933 in Amsterdam geboren und erhielt erst relativ spät – mit 16 Jahren – Ballettunterricht. Das Ausnahmetalent war ein sehr begeisterungsfähiger Schüler: „Als ich in die Welt des Balletts eintauchte, gehörte ich zu einer großen Familie. Herrlich. Ich habe das Glück gehabt, im richtigen Moment, die richtigen Leute kennen gelernt zu haben. Menschen, die mir die Augen öffneten, die mir die Chancen gegeben haben, zu erkennen, was ich bin“, sagte Rudi van Dantzig im Jahr 2000 in einem Interview mit Ingrid Hoogervorst.

1955 erarbeitete van Dantzig seine erste Choreographie: Nachteiland. Aufgeführt wurde das Stück vom „Nederlands Ballet“, welches später „Het Nationale Ballet“ wurde. Rudi van Dantzig wird der Haus- und Hofchoreograph und ab 1965 auch künstlerischer Leiter. Er schuf in seinem reichen Arbeitsleben mehr als 50 Ballettstücke, die auf der ganzen Welt aufgeführt werden. Van Dantzigs Choreographien haben häufig einen gesellschaftskritischen Unterton. Zu den erfolgreichsten und bekanntesten Arbeiten gehören „Vier letzte Lieder“, „Monument voor een gestorven jongen“, „Onder mijn voeten“ und seine Inszenierungen von „Romeo und Julia“ sowie „Der Schwanensee“.  Van Dantzig charakterisierte 1993 seine Arbeit in ‚De Waarheid’: „Wie das Leben sein könnte und wie es tatsächlich ist. Nein, so pessimistisch bin ich nicht. Meine Ballettstücke haben immer etwas Hoffnungsvolles, eine Art Lichtschimmer.“

Rudi van Dantzig ist ein Multitalent. Neben seiner Ballettkarriere machte er sich einen Namen als Schriftsteller. 1986 erschien sein Debütroman „Voor een verloren soldaat“, eine Autobiographie, in der er seine Kindheitserinnerungen verarbeitete. Van Dantzig sah sich als Schüler in einer Außenseiterrolle. Er spielte ungern mit Jungs und malte lieber. Dafür wurde er häufig gehänselt und geärgert. Als Rudi sechs Jahre alt war, brach der Krieg aus und der Junge litt unter starken Alpträumen. Sein Vater musste vor den Nazis fliehen und Rudi wurde für eine längere Zeit aufs Land geschickt. In seiner Autobiographie schrieb er erstmals über seine schwierige Kindheit und seine homoerotischen Neigungen. Er berichtete, dass er als Kind von einem kanadischen Soldaten vergewaltigt wurde und ihn danach eine eigenartige Gefühlsmischung aus Ekel und Stolz beschlich. Er war stolz darauf, dass der Soldat ihn ausgesucht hatte. Für ein paar Tage führte er mit dem Milizen eine geheime Beziehung. Nach dem Krieg verschwand der Soldat und van Dantzig fühlte sich im Stich gelassen. Mit seinen Eltern hat er nie über diesen Vorfall gesprochen.

Seine Erlebnisse verarbeitete er in vielen Ballettstücken, etwa in De Disgenoten oder Nachteiland.  Die Stücke handeln von kindlicher Unschuld, die brutal zerstört wird. In seinem Œuvre lässt sich immer wieder dieses gesteigerte Verlangen nach Reinheit und Sauberkeit erkennen. „Das Ballett war meine Rettung. Bis zu meinem 40. Geburtstag hatte ich Albträume und oft keine Lust mehr zu leben. Ohne den Tanz wäre ich ein Sonderling geworden.“ (1983)

Für die Karriere van Dantzigs war die Beziehung zu  Regisseurin und Tänzerin Sonia Gaskell sehr wichtig. Gaskell war es, die den Jungen 1952 erstmals engagierte. Nicht, weil er so gut war, sondern weil sie einfach einen Mann in ihrem Ensemble benötigte. Van Dantzig ergriff die Chance und arbeitete lange mit der jüdisch-russischen Ballerina zusammen. Eine Beziehung, die nicht immer  einfach war, ihm aber doch geholfen hat: „Die Frau hatte die Gabe, die Talente der Tänzer hervorzuholen. Auch mich hat sie sehr gefördert.“

Ab 1959 war van Dantzig künstlerischer Leiter des Nationalballetts und gastierte dauerhaft in der Amsterdamer Stadsschouwburg. Er konzentrierte sich fortan ganz auf die Erarbeitung neuer Choreographien. 1965 teilte er sich die Stelle des künstlerischen Leiters, ehe er 1969 zum alleinigen Leiter des Hauses aufstieg. Bis 1991 sollte van Dantzig die Tanzszene in den Niederlanden entscheidend prägen. Seine Arbeiten werden auch auf internationalen Bühnen geschätzt und gespielt.

2011 verstarb Van Dantzig nach längerem Krebsleiden in Amsterdam.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: März 2009
Aktualisiert: Januar 2011


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