VIII. North Sea Jazzfestival

Das North Sea Jazzfestival ist zum größten Jazzfestival der Welt angewachsen. Jährlich treffen sich im Kongresszentrum in Den Haag die Jazzgrößen von Wynton Marsalis, Stacy Kent, The New Harbour Jazzband bis Ibrahim Ferrer . Im Kongresszentrum wird auf 15 verschiedenen Podien drei Tage lang Jazz, Pop und Weltmusik gespielt. Zehntausende Fans kommen jedes Jahr und drängen sich durch die Gänge. Ab 2006 wird das North Sea in Rotterdam Ahoy ausgetragen.

„Super-Jazzfestival“, „ein einmaliges Jazzfest“, „ein großes Event“. Die Rezensenten überschlugen sich anno 1976, als sie ihre Eindrücke vom ersten North Sea Jazz Festival wiedergeben sollten. 300 Musiker spielten 30 Stunden lang Jazz. Das Kongresszentrum in Den Haag war Mittelpunkt der Jazzwelt. Und das ist es heute noch. Jährlich kommen 75.000 Besucher, um in den kleinen Sälen Solisten und Gruppen aus allen Teilen der Erde zu bewundern. „Wir können stolz darauf sein, dass wir so ein Festival haben“, sagt Schlagzeuger Pierre Courbois.

Paul Acket ist Gründer des Festivals, das noch immer seine Handschrift trägt. Der Geschäftsmann organisierte seit den 50er Jahren Jazz-Konzerte in Den Haag und lockte 1956 als erster Jazzlegende Miles Davis in die Niederlande. Ab 1974 konzentrierte sich Acket ganz auf die Organisation von mehrtägigen Jazzfestivals, darunter auch das La Grande Parade du Jazz in Nizza.

Acket war ein Jazzverrückter. Immer gekleidet in einen schlabberigen, dunkelblauen Anzug und mit einem filterlosen Caballero im Mund. Er tat für seine Gäste alles; besorgte für Keith Jarret eine Tischtennisplatte aufs Hotelzimmer und kümmerte sich um die kulinarischen Extrawünsche von Miles Davis. Ackets persönlicher Einsatz war wichtig für die Atmosphäre und den Erfolg des Festivals. Nach seinem Tod 1992 führte Mitarbeiter Paul Dankmeijer seine Aufgaben weiter. Für viele war das der entscheidende Bruch in der Festivalkultur: „Das heilige Feuer ist weg“, schreibt das NRC Handelsblad.

Nicht alle sind positiv eingestellt, wenn sie „North Sea“ hören. Meisterschlagzeuger Han Bennink, der 1976 mit Misha Mengelberg auftrat: „Dieses ständige Wiederholen, dass man das größte Festival ist, so ein Blödsinn. Als Musiker weiß ich, dass man beim North Sea auftreten muss. Das gehört dazu. Es ist ein Gig, aber kein schöner.“ North Sea sei ein Bijenkorf des Jazz, sagt Bennink. „Wenn ich dort einkaufe, kann ich meine Sachen nie finden. Es gibt zu viel Quantität und zu wenig Qualität.“

Das North Sea Jazzfestival ist immer mehr ein Trendverstärker als ein Trendsetter gewesen. Seit einigen Jahren ist das Angebot um Pop- und Weltmusik erweitert worden. Die Grenzen zu jazzverwandten Musikrichtungen sind fließend geworden. JazzVeteran John Engels ärgert das: “Es geht natürlich um viel Geld. Aber manchmal passen die Musikstile einfach nicht zusammen. Vielleicht sollten sie das Wort „Jazz“ ganz aus dem Namen streichen. Es ist ein universelles Musikfest geworden.“

Die Kritik am Festival ist nicht zu überhören: Schlechter Sound, stickige Säle, mit der Ausstrahlung eines Schuhkartons. Es werde zu wenig auf neue Entwicklungen im Jazz geachtet.
North Sea lebt vor allem von seinem Kultstatus: The place to be. In Den Haag trifft sich die Jazzwelt und keiner kann es sich erlauben, nicht dort gewesen zu sein.

Nach 28 Jahren wird das Festival 2006 erstmals in Rotterdam organisiert. Das Kongresszentrum in Den Haag wird teilweise abgerissen. Als Alternative wird Rotterdam Ahoy dienen und auch hier wird das Konzept Paul Ackets verfolgt: Viele Konzerte gleichzeitig unter einem Dach.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: November 2004