VI. Matthäus-Passion. Die Leidenschaft für Bach

„Ihr müsst schauen! Schauen! Schaut mich an!“ Dirigent Rob Vermeulen steht mit ausgebreiteten Armen vor seinen Sängern. Zum wiederholten Male patzen die Mitglieder des Bachchores Nimwegen beim Choral 50b: „Lass ihn kreuzigen!“ Rob Vermeulen macht es ihnen vor: „Lass, lass. Lass ihn kreuzigen. Oh! Schaut: Oh! Ihr müsst den Mund schmal machen. So schmal, dass ihr einen Kuss geben könnt!“ Der Dirigent gerät in Rage, drei Stunden lang zeigt er sich den 110 Sängern als unerbittlicher Lehrer. Denn die „Matthäus-Passion“ muss 110-prozentig sitzen. Schließlich ist sie der musikalische Höhepunkt des Jahres.

Eine ungekannte Leidenschaft für die Matthäus-Passion. „In keinem anderen Land der Welt ist die Matthäus-Passion so beliebt wie in den Niederlanden“, schreibt Martin van Amerongen, der ein ausgewiesener Bachkenner ist. Jeder, der irgendwie singen kann, versucht sich an ihr. Volkskrant Redakteur Martin Sommer schätzt, dass über 100.000 Niederländer aktiv singen und mehrere Millionen Zuhörer jedes Jahr die Passionskonzerte besuchen. Jede kleine Stadt scheint ihre eigene Aufführung zu haben, natürlich immer mit den besten Dirigenten: Darunter Aardenburg, Brielle, Heusden, die großen Städte natürlich und vor allem Naarden. Das Mekka für Passions-Fanatiker in den Niederlanden. In Naarden werden jährlich vier Matthäus-Passionen gesungen. In der Grote Kerk trifft sich die Elite des Landes. Jeder lässt sich dort blicken: Politiker, Prinzen, Industrielle. Wer was zu sagen hat, kommt nach Naarden.

Nach Nimwegen kommt man aus Liebe zur Musik. Der „Bachkoor“ probt seit Januar, die Passion ist allen bekannt. Jeder Sänger hat sie bereits mehrmals gesungen. Im Wechsel werden Matthäus und Johannes jährlich aufgeführt - seit 1946. Denn so lange besteht das einstige „Comité Nijmeegse Matthäus-Passion“, das heute Bachchor heißt.

Einmal in der Woche treffen sich die Laien drei Stunden lang im Canisius-College, um das Meisterwerk von Johann Sebastian Bach bis ins kleinste Detail zu ergründen. Am 7. April werden sie vor 1500 Zuhörern im Konzertsaal „De Vereeniging“ auftreten und sich den kritischen Ohren der Zuhörerschaft stellen.

„Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!“ Die Eröffnung der dreistündigen Matthäus-Passion kennt in den Niederlanden bald jedes Kind. Denn mindestens „eine kleine Passion“ ist jedes Jahr Vorschrift. Für einen guten Christen ein unausgesprochenes Gebot: „Ich musste früher so oft zur Matthäus-Passion. Ich kann sie schon nicht mehr hören“, erinnert sich die 82-jährige Puck Dijkstra aus Amsterdam. Jeden Abend übte ihre Schwester im Wohnzimmer die Choräle für ihren Auftritt in Hilversum. Immer wieder unterbrach sie ihren Gesang: Und noch einmal von vorne. „Immer und immer wieder. So lange bis es saß“, sagt Dijkstra. Die Matthäus-Passion ist eine der größten Herausforderungen für Sänger und Chor.

Der Bachchor Nimwegen macht da keine Ausnahme: „Wer hat dich so geschlagen? Von Missetaten weißt du nicht.“ Eine Matthäus-Passion muss auf Deutsch gesungen werden. Zwar gibt es eine niederländische Fassung: „Aber das klingt doch gar nicht“, sagt die Alt-Stimme Marianne Schuller. Nur der „echte“ Bach wird akzeptiert. Und das ist für Niederländer mit ihrer kehligen Aussprache eine Höchstleistung: „Wir versuchen ständig die Kehlklänge heraus zu filtern. Das „L“ ist für uns sehr schwierig. „Übel“ ist so ein Wort, über das wir gerne stolpern“, erzählt Bassist Frank Hendriks. Während der dreistündigen Probe sitzt auch niemand entspannt im Stuhl. Der Brustkorb ist gehoben, der Mund weit geöffnet. Die totale Anspannung ist vom Gesicht abzulesen, ein wunderbar voller Ton erfüllt das Schulgebäude: „Lass ihn kreuzigen!“

Die Vorliebe für die Matthäus-Passion ist tief verwurzelt. „Eine lange Tradition“, sagt Marianne Schuller. Die erste Passion wurde 1926 aufgeführt. „Wir haben keine Opernkultur, daher sagen sich viele: Ich gehe zu einer Passion“. Für Autor Martin van Amerongen ist das Schuldgefühl, das aus der Passion spricht („Aus tiefer Not schrei ich zu dir...“, „Ich armer Mensch, ich Sündenknecht“), ein zentraler Ausdruck des Protestantismus und der reformatorischen Kirche in den Niederlanden. Heute, im weitgehend säkularisierten Holland, ist die Passion eine Art Ersatzreligion geworden: „Sie ist eine Alternative zum Osterfest“, sagt Bassist Huub Rennen. Und eine schöne dazu. Auch nach zig Aufführungen schwärmt Dirigent Vermeulen vom Choral 46: „Wie wunderbarlich ist doch die Strafe! Der gute Hirte leidet für die Schafe.“

Die Jugend ist für das deutsche Meisterwerk kaum noch zu begeistern: „Die muss man mit der Lampe suchen“, sagt Frank Hendriks. Drei Stunden lang in der Kirche sitzen und aufmerksam zuhören schreckt viele ab, erscheint langweilig: „Die Matthäus-Passion ist eine lang erprobte Methode, um genüsslich einzuschlafen“, schreibt van Amerongen. Und – ganz ehrlich - darin erkennt sich auch Frank Hendriks: „Mein Vater war einmal in seinem Leben in einer Matthäus-Passion. Und dieses eine Mal ist er auch noch eingeschlafen.“ Das hören die Mitglieder des Bachchores natürlich gar nicht gerne. Und fahren fort mit Choral 46: „Die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, Für seine Knechte.“

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: November 2004