V. Klassische Musik

"Das beste Mittel, der Hässlichkeit und der Dummheit unserer Zeit zu entkommen, ist das Eintauchen in unsterblicher Musik von Vivaldi, Bach, Händel, Mozart, Beethoven und Brahms. Welch eine herrliche Welt der Schönheit.“ So sprach einst der flämische Theologe und Philosoph Max Wildiers. Einen Niederländer nennt er dabei nicht – macht aber ja nichts, außer Italien wird der Rest der Welt in diesem Zitat schließlich auch nicht bedacht. Aber gibt es überhaupt etwas ‚typisch Niederländisches‘, wenn es um klassische Musik geht? Immerhin steht das Land in diesem Musikfeld im Schatten der großen europäischen Nachbarn Deutschland und Frankreich, wie kann es sich da behaupten und womit kann es trumpfen?

De Nederlandsche Opera

Während die europäischen Nachbarn bereits eine ausgeprägte Musiktheaterkultur ausgebildet hatten, war dies in den Niederlanden eine eher exotische Angelegenheit. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gaben fast ausschließlich ausländische Gesellschaften Aufführungen zum Besten. Erst 1890 wurde in Amsterdam die erste niederländischsprachige Oper präsentiert. Die niederländische Wagnervereinigung war dabei der Hauptinitiator und übernahm die Vorreiterrolle bis zum Zweiten Weltkrieg. 1946 wurde die Niederländische Opernstiftung gegründet, die in den folgenden Jahren die üblichen Opern von Mozart, Verdi und Puccini, aber auch neue Werke von heimischen Komponisten wie Hendrik Andriessen und Ton de Leeuw zum Besten gab. Ab 1971 erweiterte man das Blickfeld und auch Monteverdi, Händel oder Bartok und Schostakowitsch wurden inszeniert – nach Meinungen Vieler fielen die Inszenierungen jedoch zu altmodisch und rückständig aus. Frischen Wind brachte das Jahr 1986, als die Nederlandse Opera, die mittlerweile De Nationale Opera heißt, endlich ein eigenes Gebäude bekam und nicht mehr zwischen Stadsschouwburg und dem Circustheater in Den Haag pendeln musste. 1988 wurde Pierre Audi als künstlerischer Leiter eingestellt und seine niederländische Premiere von Wagners komplettem ‚Ring des Nibelungen’ ist legendär. Seitdem hat sich die Nationale Opera durch zahlreiche weitere innovative wie gewagte Aufführungen internationaler und vor allem auch niederländischer Opern weltweit einen Namen gemacht und ist bekannt für ihr Bestreben, Musik und Theater in der Darstellung stets gleichwertig als eine Einheit verschmelzen zu lassen.

Glockennation

Wer schon einmal in den Niederlanden, Belgien oder Nordfrankreich ein paar Stunden in einem beschaulichen Städtchen verbracht hat, dem sollte eine musikalische Besonderheit begegnet sein: das Carillon (nl. ‚beiaard’). Die hoch oben in einem Turm beheimateten Glockenspiele, die über eine Klaviatur gespielt werden können, haben ihren Ursprung in den ‚Niederen Landen’. Die Brüder François und Pieter Hemony entdeckten im 17. Jahrhundert als erste, wie sauber aufeinander abgestimmte Glocken gegossen werden können und waren auch die ersten, die chromatische Instrumente zusammenstellen konnten. Das erste Glockenspiel war für die Stadt Zutphen bestimmt. Fortan standen die Städte Schlange, um ein sauberes Glockenspiel von den Brüdern gegossen zu bekommen. Über die Jahre wurden sie reich und berühmt. Insgesamt 51 Carillons stammen aus ihrer Werkstatt. Ihren Lehrlingen haben sie ihr Geheimnis für die saubere Stimmung scheinbar nicht beigebracht, so dass nach ihrem Tod satte zwei Jahrhunderte vergingen, bis Glockengießer wieder die Qualität der Hemony-Glocken erreichten. Die Niederlande sind weltweit die größte Glockennation, hier gibt es auch den Beruf des ‚stadbeiaardier’, des städtischen Glockenspielers und an drei Universitäten kann man das Glockenspiel professionell erlernen. Dem schwersten Instrument der Welt kann man bei Carillonkonzerten auf den offenen Plätzen der verschiedenen Städte lauschen.

Orgelkultur

Seit Jahrhunderten bestimmt die ‚Königin der Instrumente’ das Gesicht der niederländischen Musiklandschaft. Kein Land der Welt beherbergt so viele historische Orgeln wie die Niederlande. Orgelbauer wie Hendrik Niehoff oder die Familie Lampener van Mill sorgten um 1530 für eine kleine Revolution im Orgelbau, indem sie der Orgel völlig neue Register hinzufügten – etwa die Flöte, Terzzimbel, Quintadena – und Zungenwerke wie Trompete oder Schalmei zum ersten Mal mit voller Becherlänge bauten. Die Funktion des Pedals und dessen Tonumfang wurden ebenfalls erweitert. Bald wurden die niederländischen Orgelbauer auch ins Ausland berufen, um dort ihren neuen Orgelstil einzuführen. Nach der Reformation verbot Kirchenführer Calvin zwar die Orgelmusik während der Messe, jedoch hinderte dies die Organisten glücklicherweise nicht daran, während Fest- und Markttagen oder Jahrmärkten Konzerte zu spielen, sodass Organist und Komponist Jan Pieterszoon Sweelinck in dieser Zeit internationale Berühmtheit erlangte und der Nachwelt zahlreiche inspirierende Orgelstücke hinterlassen konnte. Dass es auch heute noch so viele historische Orgeln in den Niederlanden gibt, verdankt das Land seiner späten Industrialisierung. Bevor hier die Modernisierung Einzug hielt und die alten durch neue Orgeln ersetzt werden konnten, hatte man im europäischen Ausland selbige Aktion schon bereut und den Wert der historischen Orgelkunst erkannt. Die Orgelbewegung des frühen 20. Jahrhunderts wehte von Deutschland und Frankreich herüber: Statt Modernisierung war Restauration die Devise. Die niederländischen Orgelbauer erkannten die Gelegenheit, orientierten sich schnell zurück zur barocken Bauweise und exportieren heute wieder erfolgreich ihre Orgeln in die ganze Welt. Seit 1951 gibt es in Haarlem einen Internationalen Orgelimprovisationsconcours.

Historische Aufführungspraxis

Gepaart mit der Erkenntnis der Bedeutung der historischen Orgeln kam die ‚historische Aufführungspraxis’ auf. Der niederländische Blockflötist Fans Brüggen verkündete 1970: „Jede Note von Mozart, die das Concertgebouworkest spielt, ist von A bis Z gelogen!“ Brüggen war der Meinung, dass man klassische Musik so spielen müsse, wie sie vom Komponisten ursprünglich gedacht war, also auf Instrumenten aus der Zeit und gemäß den damaligen musikalischen Vorstellungen und Stilen. Vorläufer auf dem Gebiet waren Anfang des 20. Jahrhunderts Carel Leeuwen Boomkamp (Viola da gamba) und Hans Brandts Buys (Cembalo), die 1935 Musica Antiqua gründeten, das erste professionelle Ensemble für Alte Musik in den Niederlanden. Die Verwendung von historischen Instrumenten kam allerdings nur langsam vorwärts. 1955 brachte Gustav Leonhardt neuen Elan mit der Gründung von Leonhardt Consort. Der Gruppe entsprangen zahlreiche Talente, und ab 1968 nahm sie zusammen mit Nikolaus Harnoncourt – berühmter Pionier der historischen Aufführungspraxis – alle Bachkantaten neu auf. Langsam aber sicher nahm die Alte Musik einen festen Platz im Musikleben ein, zahlreiche neue Orchester und Ensembles wurden gegründet. Verschiedene Konservatorien führten Studiengänge für Alte Musik und deren Instrumente ein und die Liste weltberühmter Musiker, die dort gelernt haben, ist lang. Barockopern sind mittlerweile etablierte Bestandteile in der Programmplanung der Nationale Opera, alljährlich findet in Utrecht das Festival Alte Musik statt und in Leiden wird Monteverdis ‚Marienvesper’ aufgeführt. Ob strikte Authentizität überhaupt möglich ist, war in der Zwischenzeit Thema zahlreicher Diskussionen. Mittlerweile hat Frans Brüggen seine Aussage jedenfalls etwas abgeschwächt: „Sogar ein Brandenburgisches Konzert mit Karajan hat sein Gutes.“ 

Festivals

Als 1947 in Amsterdam das erste Holland Festival stattfand, war die Festivallandschaft der Niederlande noch recht überschaubar. Heutzutage kann man das wohl nicht mehr behaupten. Jährlich finden dutzende Festivals für alle Arten von klassischer Musik statt. Es gibt Festivals für Kammermusik und –oper, für Orgel, für Gitarre, für Amateure genau wie für Profis, für Alte und Neue Musik. Manchen mag die ‚Festivalisierung’ der Klassik misstrauisch machen, fest steht jedoch, dass ein Festival, selbst wenn es ein ‚spezialisiertes’ ist, mehr Besucher anzieht, als einzelne Konzerte dies können. Sie sind eine Bereicherung für das Musikleben und das nicht nur inhaltlich, sondern auch geografisch, denn schon lange spielt sich nicht mehr alles nur in den großen Städten der Randstad ab.


Holland Festival

Juni, Amsterdam
Das älteste und international bekannteste Musikfestival ist das Holland Festival, das seit 1947 jährlich in Amsterdam stattfindet. Es bringt alle Podiumskünste zusammen: Musik, Oper, Theater, Tanz, Film oder auch multidisziplinäre Vorstellungen. Da das Festival von Anfang an international ausgerichtet ist, liegt der Schwerpunkt auf der von Sprachbarrieren unabhängigen Musik und dabei vor allem auf der klassischen, doch auch Pop oder Weltmusik wird zu Gehör gebracht. Von Anfang an gelingt es den Organisatoren, große Künstler wie Benjamin Britten, Maria Callas oder Leonard Bernstein nach Amsterdam zu holen. Man legt Wert darauf, noch nicht in den Niederlanden aufgeführte Werke zu Gehör zu bringen und fortan ist das Festival Garant für zahlreiche Landes- oder gar Weltpremieren. Als in der Politik, in den Medien und bei den Zuschauern etablierte Veranstaltung mit Qualitätsgarantie kann sich das Festival künstlerische Risiken erlauben, die bei kleineren Einrichtungen undenkbar wären. Unter Jo Elsendoorn, künstlerischer Leiter von 1962-77, wird beispielsweise 1969 die anti-amerikanische Oper ‚Reconstructie‘ beim Holland Festival uraufgeführt und sorgt für großen Wirbel. Die einheimische Presse kritisiert, die ausländische jedoch lobt die gewagte Initiative, die ihnen zufolge in keinem anderen Land möglich gewesen wäre – ‚Reconstructie‘ wird ein großer Erfolg und ist Abend für Abend ausverkauft. In den 1990ern hat das Festival mit zurückgehenden Finanzmitteln und rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen. Prins Claus, Schirmherr des Holland Festivals, mischt sich ein und erinnert an den bahnbrechenden und vielseitigen Charakter sowie die Bedeutung des Festivals für das Kunstleben. Innovation sei stets die große Stärke des Holland Festivals gewesen. 1997 wird daher der Akzent Richtung Theater verschoben, um ein neues, jüngeres Publikum zu erreichen, doch auch das hat nur mäßigen Erfolg. 2005 übernimmt Pierre Audi das Ruder und schlägt wieder den alten Kurs ein. Seitdem klettern langsam wieder die Besucherzahlen von 65.000 (2005) auf immerhin über 73.000 im Juni 2009. Jährlich werden durchschnittlich 40 Produktionen in über 90 Vorstellungen aufgeführt. Auch der Raad voor Cultuur war weiterhin vom Festival überzeugt und erhöhte für die Periode 2009-2012 erneut die Subventionen auf 3.300.000 Euro. Für den Zeitraum 2017-2020 beläuft sich die Förderung auf die vom Holland Festival angefragten 3,18 Millionen Euro.


Festival Oude Muziek

Ende August/Anfang September, Utrecht
Seit 1982 wird in Utrecht zehn Tage im Jahr die alte Musik aus Mittelalter und Barock zelebriert. Das Festival nimmt dabei eine Vorreiterrolle für die historische Aufführungspraxis ein, denn wer nicht auf historischen Instrumenten spielt, steht vor geschlossenen Türen. Alles, was international Rang und Namen in der Alten-Musik-Szene hat, war bereits zu Gast, wie Künstler wie Musica Antiqua Köln, Gustav Leonhardt oder das Huelgas Ensemble bezeugen. So mancher Komponist wurde hier wiederentdeckt, Musikstile und –perioden zurück ins Bewusstsein gerückt und alte Instrumente und Spielpraktiken wieder aufgenommen. Ein ähnlich umfangreiches, detailgetreues und qualitativ hochwertiges Festival für Oude Muziek sucht man im Rest der Welt vergeblich. Etwa 60 Hauptkonzerte, zahlreiche Nebenkonzerte junger Talente, ein Markt, Lesungen und Meisterkurse ziehen regelmäßig 60.000 Besucher nach Utrecht, die den Konzerten in den historischen Kirchen der Stadt lauschen. Mittlerweile wurden vor allem unter dem neuen Direktor Jan van den Bossche auch spätere Perioden miteinbezogen, sodass auch Beethoven, Haydn oder Mozart präsentiert werden. Das Thema im Jahr 2017 lautet, passend zum 500. Jahrestag des Thesenanschlag durch Luther: Zing, Vecht, Huil, Bid – Muziek van de reformaties. Das Festival Alte Musik war und ist die erste Adresse für Renaissance- und Barockfans.


Grachtenfestival

Seit 1998 verwandeln sich in der Amsterdamer Innenstadt und an den Ufern des IJ besondere Orte und Höfe an neun Tagen im August zu Konzertschauplätzen. Ob auf dem Wasser, auf Stegen, in versteckten Innenhöfen, an architektonisch interessanten oder kulturell bedeutsamen Plätzen oder selbst im Wohnzimmer oder auf der Dachterrasse eines Bewohners – jedes Jahr kommen neue Aufführungsorte hinzu. Beim großen Abschlusskonzert in der Prinsengracht tummeln sich die Besucher nicht nur auf Straße und Bürgersteigen: Auf der Gracht selbst schunkelt ein vollgepacktes Boot neben dem anderen und Topmusiker bieten ihre Kunst in einer einmaligen Atmosphäre dar.


Nederlandse Muziekdagen

Bei den Nederlandse Muziekdagen handelt es sich um ein dreitägiges Festival für Neue niederländische Musik, das seit 1989 jährlich Anfang November stattfindet. Dieses Festival fand zunächst in Utrecht statt, wird seit 2008 allerdings im Muziekgebouw aan ’t IJ in Amsterdam veranstaltet. Ziel ist die Förderung niederländischer klassischer Musik und niederländischer Komponisten. Naturgemäß finden dort regelmäßig Weltpremieren statt. Seit 1994 wird im Rahmen der Musiktage der Henriette Bosmanspreis – benannt nach einer niederländischen Komponistin – als Förderpreis für junge Komponisten vergeben.


Wereld Muziek Concours

Größtes Blasmusikfestival der Welt im limburgischen Kerkrade. Findet seit 1951 alle vier Jahre statt, die Veranstaltungen sind über einen Monat (Juli bis August) verteilt. Es werden musikalische Wettbewerbe unter zahlreichen Amateurblasorchestern, Marsch- und Showbands (im Parkstad Limburg Stadion), Schlagwerkensembles und Dirigenten ausgetragen, die Teilnehmer kommen dabei aus allen Teilen der Welt. Daneben gibt es Konzerte von professionellen Orchestern. Es werden bei der 17. Ausgabe vom 4. bis 28. Juli 2013  wieder etliche Musikanten und mehrere Tausend Besucher aus verschiedenen Ländern erwartet.

Autorin: Verena Soldierer
Erstellt: August 2009
Aktualisiert: August 2017, Henrike Post