VII. Jazz goes Nederland

Jazz ist Leidenschaft, ist Improvisation, ist Ausdruck. Jazz ist eine Herausforderung für die Persönlichkeit, denn kaum eine andere Musik ist so dicht am Hörer, verlangt so viel Einfühlung. Geboren aus der Unterschicht der amerikanischen Gesellschaft ist sie eine autodidaktische Kunst geblieben, eine Musik, die von der Atmosphäre lebt, die der Musiker schafft. Kann man Jazz erlernen?

Oh ja, sagten sich viele junge niederländische Musiker in den 1970er Jahren und stürzten sich auf die Konservatorien. Mit der ersten Jazzschule, die 1971 in Zwolle gegründet wurde, sollte der Grundstein einer neuen Jazz-Kultur gelegt werden. Mit der Errichtung des Koninklijk Conservatorium in Den Haag, Schulen in Rotterdam und Amsterdam oder auch durch die Gründung des ArtEZ Conservatorium kristallisierte sich eine junge Jazz-Avantgarde heraus, die bis heute auf der ganzen Welt Zuhörer findet.

Die drei tonangebenden Schulen entwickelten ein breites Angebot, beziehen Pop- und Weltmusik in ihr Programm mit ein und liefern gute Jazzmusiker. In Rotterdam und Amsterdam gibt es 300 bzw. 250 Studenten. In Den Haag sind es 125. Jarmo Hoogendijk, Hein van de Geyn, Eric Vloeimans, Ben van den Dungen, Tony Overwater, Michiel Borstlap, Benjamin Hermann sind nur einige der bekannten Jazzer. Alle haben sie ihren Weg ins Jazz Orchestra of the Concertgebouw gefunden. Jazz hat in den vergangenen 20 Jahren enorm an Interesse und Qualität gewonnen. Das lässt sich gut am Jazz-Gesang ablesen. Als es noch keine Konservatorien gab, gab es kaum gute Jazz-Sänger. Ann Burton war ein Begriff, aber dann? Greetje Kauffeld ist zu nennen, die heute als ‚grand old lady‘ des niederländischen Jazz gilt. Anno 2004 ist das Bild vielschichtiger: Denise Jannah, Carmen Gomes, Soesja Citroen, Lydia van Dam, Ilsa Huizinga, Astrid Seriese oder Masha Bijlsma formen eine Gruppe junger Sängerinnen, die sich international messen kann. Als erste bekam Denise Jannah 2003 einen mehrjährigen Plattenvertrag bei Blue Note. Der Erfolg hat sich durchgesetzt: Alle zwei Monate erscheint eine neue CD niederländischer Sängerinnen.

„In Holland wimmelt es von guten Jazztalenten“, sagt Carmen Gomes. Die 38-jährige Sängerin aus Amsterdam gewann 1994 den ersten niederländischen Jazz Vocalisten Concours des Konservatoriums in Zwolle. Ihre CD Callin´ from K.C. wurde mehrmals neu aufgelegt und sie hat seitdem regelmäßig Auftritte im In- und Ausland. Auch Lydia van Dam, die in Hilversum studierte, hat Erfolg mit ihrer Musik. Ihre CD Star Jive ist ein Mix aus Jazz, Soul und Pop geworden.

Die Jazz-Konservatorien haben großen Einfluss auf die heutige niederländische Jazzlandschaft gehabt: „Konservatorien züchten überdurchschnittlich viele Jazztalente“, titelte das NRC Handelsblad 1997. Und der Erfolg gründet zum Teil auf den vielen ausländischen Studenten und den zahlreichen grenzüberschreitenden Aktivitäten. Tijtze Vogel ist ein gutes Beispiel. Der Bassist ist ein Vorstreiter auf dem Gebiet des Worldjazz, einer Kombination aus Jazz und Weltmusik. Vogel arbeitet systematisch mit Musikanten anderer Stilrichtungen zusammen.

Die Lust an Experimenten ist kennzeichnend für niederländische Jazzmusiker. Altsaxofonist Paul van Kemenade sucht seit Jahren afrikanische Einflüsse. Er lädt regelmäßig südafrikanische Musiker zu Tourneen ein und hat eine Form zwischen Jazz und der afrikanischen Tanzmusik ‚Kwela‘ gefunden. „Die Musik ist von einer bezaubernden Einfachheit. Ein paar Noten nur, aber die sitzen. Der Kwela ist ein wunderbar entspannender Swing. Man spielt auf einmal ganz relaxed“, so Kemenade. „Der Jazz“, so schreibt Rezensent Jeroen de Valk, „liegt an der Infusion und wird mit frischem Blut versorgt“.

Die niederländischen Jazzer haben sich international einen Namen gemacht. Selbst in New York, einer schier uneinnehmbaren Festung, verzeichnet man Erfolge. Zu nennen sind drei Jazzgrößen: Schlagzeuger Han Bennink, Pianist Misha Mengelberg und Cellist Ernst Reijseger. Bennink spielte lange Zeit mit Von Freeman und Soulsängerin Percy Sledge. Er war aktiv im Amsterdamer Saxophone Quartet und spielte mit Freejazz-Veteran Cecil Taylor. Mengelberg fand mit seiner CD Who´s Bridge Beachtung. Seit den 1990er Jahren wurde die Thelonious Monk Competition in Washington drei Mal durch Niederländer gewonnen: Gitarrensolist Jesse van Ruller, Pianist Michiel Borstlap und Posaunist Ilja Reijngoud.

Eine Sonderstellung in der Jazz-Szene nimmt Pianist Jasper van ´t Hof ein. In Deutschland, Frankreich und Belgien ist er bekannt, erzielte sogar mit der afrikanischen Band Pili-Pili einen Nummer-Eins-Hit (Ballads of Timbuktu). Er verkauft viele Platten, nur in den Niederlanden gilt er als Außenstehender. „Man weiß in Holland nie, woran man ist“, sagte er in einem Interview mit NRC Handelsblad.

Jasper van ´t Hof wurde in Enschede geboren und fand nie Zugang zu der Amsterdamer Jazzszene. Seiner Meinung nach ist das ein Grund für seinen ausbleibenden Erfolg in Holland. Van´t Hof analysiert nüchtern und mit Abstand die holländische Jazzszene: „Die Szene hat nie beweisen können, dass sie etwas mitzuteilen hat. In den 1970er Jahren fiel alles wie ein Kartenhaus zusammen und nur die guten Musiker wie Han Hennink und Willem Breuker sind übrig geblieben. Das sind Helden.“

Van ´t Hof hat sich vor allem in Deutschland einen Namen gemacht und schätzt das Publikum wegen seiner Treue. „Ganz anders als in Holland. Hier ist das Publikum viel schwieriger. Vorschusslorbeeren gibt es nicht.“ 

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: November 2004
Aktualisiert: August 2017, Henrike Post