I. Einführung

„Es ist nicht erforderlich, Musik zu verstehen. Man braucht sie nur zu genießen“, besagt ein Zitat des amerikanischen Dirigenten Leopold Stokowski und damit hat er nur allzu recht. Aber man braucht nicht nur Menschen, die Musik hören, sondern auch solche, die Musik machen und davon gibt es in den Niederlanden erstaunlich viele.
Mehr als eine Million Menschen singen in Amateurchören, zahlreiche Instrumentalisten versammeln sich in kleinen Ensembles oder größeren Orchestern, in Limburg gibt es in jedem noch so kleinen Dorf ein oder zwei Blasorchester, viele Pop-Bühnen in Jugendzentren und anderswo bieten zahlreichen ‚Garagenbands’ die Möglichkeit für erste Auftritte und an diversen Konservatorien kann man zum Profi-Musiker ausgebildet werden. Genug Angebote also für den geneigten Zuhörer. Und auch zuhören tun die Niederländer gern – die Besucherzahlen bei Festivals, Musicals und Konzerten nehmen in den Niederlanden weiterhin zu.

Popmusik

Wie in den meisten europäischen Ländern findet auch in den Niederlanden Musik aus Übersee große Bedeutung. Popmusik in all ihren Varianten boomt in den Niederlanden. Neben internationalen Künstlern besitzen die Niederlande aber auch ihre ‚eigene' Musikindustrie und sind damit zum Teil auch im (außereuropäischen) Ausland erfolgreich. Innerhalb der Darstellenden Künste war und ist die Popmusik die beliebteste Kunstform. Seit den 1970er Jahren steigt die Anzahl der Besucher von Popkonzerten im Vergleich zu anderen Kulturangeboten am schnellsten. 1979 gingen 12 Prozent der Bevölkerung in ein Popkonzert, 1987 waren es bereits 22 Prozent. Bis 2003 kletterten die Besucherzahlen auf 31 Prozent und 2006 war die Popmusik die beliebteste Kunstform innerhalb der Darstellenden Künste, mit einem Besucheranteil von 40 Prozent. Fruchtbaren Boden gibt es hier auch für TV-Talent-Formate. Starmaker schmiedete 2001 vor laufender Kamera im alten Big Brother Haus eine neue Teenie-Band. Seit 2002 kämpfen bei Idols jährlich 10-13 neue Talente um einen Plattenvertrag, zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Zuschauer belegen den Erfolg der Sendung und das Interesse an der Musik. Auch die niederländische Ausgabe von The Voice of Holland ist unter den niederländischen Fernsehzuschauern mit über 2 Millionen Zuschauern ein beliebtes Format, wobei die Gewinner in der Regel keinen dauerhaften Erfolg verzeichnen konnten. Auch ein Blick auf die Beliebtheit von niederländischen Radiosendern zeigt, dass Popmusik ein ,Dauerbrenner' ist. Man singt und tanzt am liebsten zu Charts und Dance. Der über die Grenzen der Niederlande hinaus bekannte Radiosender Skyradio, der beinahe non-stop Popmusik spielt, war in den Jahren 1997-2004 der meistgehörte niederländische Radiosender. Seit 2004 hat Radio 538 diese Position inne – ein Sender für jüngere Hörer mit Schwerpunkt auf Charthits mit dem international bekannten Programm Dance Department. In dieser Sendung legen die bekanntesten Dance-DJs der Welt auf, immerhin sind die Niederlande im Dance-Sektor mittlerweile international gesehen eines der größten Exportländer. International bekannt sind neben diversen DJs wie Martin Garrax, Oliver Heldens oder Armon van Buren auch die Musikfestivals. Sowohl kleinere, alternativere Festivals wie beispielsweise Down the Rabbit Hole als auch große Festivals mit über 50.000 Besuchern pro Jahr (wie Paaspop, Pinkpop oder Lowlands) ziehen immer wieder Stars aus der Musikbranche an.

Klassische Musik

Laut dem niederländischen Raad voor Cultuur kommt der größte Teil der Musikbranche ohne Subventionierungen aus. Dass sich Popmusik und Musicals gut über den freien Markt finanzieren, leuchtet ein, doch, dass auch bei der Klassik nur ein kleiner Teil subventioniert wird, überrascht. Im Verhältnis zu den zahlreichen staatlichen Orchestern Deutschlands erhalten in den Niederlanden nur zehn Orchester und drei Opern staatliche Fördermittel. Wirtschaftlich arbeiten und von eigenen Aktivitäten wie Festivals oder musikpädagogischen Initiativen direkt oder indirekt profitieren, lautet die Devise. Dabei muss eine gewisse Diversität im Angebot jedoch im Auge behalten werden. Damit nicht irgendwann nur noch kommerzielle Auftritte mit immer den gleichen populären Werken gespielt werden, springt der Staat besonders bei Produktionen, die nicht vom Markt getragen werden können, ein – so z. B. bei großen Opernproduktionen oder Kompositionen Neuer Musik.
Was das alles angesichts eines aussterbenden Publikums nützt, bleibt noch abzuwarten. Einer Studie des Sociaal Cultureel Planbureaus (SCP) zufolge wird der typische Konzertbesucher immer älter. Zwar blieben die Besucherzahlen in den letzten Jahrzehnten recht stabil – 1983 und 2003 lag der Anteil bei 12 Prozent 1999 kurz bei 13 Prozent 2006 sank er auf 11Prozent – doch ein immer größerer Teil der Besucher wird älter: In den 1980ern waren etwa 20 Prozent der Konzertbesucher über 65, 2004 sind es hingegen bereits 45 Prozent Die ‚Stammkunden’ sterben langsam aber sicher aus und es kommen nicht genügend junge Interessierte nach. Bemühungen, das junge Publikum zu animieren und für Klassik zu begeistern, gibt es seit Jahren und das Interesse an großen Festivals wie dem Holland Festival zeigt, dass das Potential trotz dominierender Popkultur vorhanden ist. Den sporadischen Festivalgänger allerdings in einen semi-regelmäßigen Konzertbesucher zu verwandeln, ist und bleibt die Herausforderung der nächsten Jahre.

Jazz

Erst seit einigen Jahrzehnten fällt die nicht-symphonische Musik - Popmusik, Jazz und Weltmusik – unter die Obhut der Kulturpolitik. Die enorm gestiegenen Subventionsströme zeigen ein Spiegelbild der Probleme. Die Zahl der unterstützten Jazzgruppen stieg stark an. Seit 1970 vergibt das Ministerium daher eine strukturelle Förderung. Die Stichting Jazz in Nederland (SJIN) bekam seinerzeit einen bescheidenen Betrag, mit dem sie das Dutch Jazz Orchester finanzierte. 2002 bis 2007 wurden die Jazzorchester und Bands aus dem Fonds voor Podiumprogrammering en Marketing (FPPM) finanziert. 2007 fusionierte der FPPM mit zwei anderen Fonds zum Fonds Podiumkunsten, der nun im Namen der rijksoverheid die Bereiche Musik, Musiktheater, Tanz, Theater und Festivals in den Niederlanden unterstützt. Für die Periode 2017 – 2020 stellt der Fonds insgesamt 25,3 Millionen Euro an Fördergeldern zur Verfügung. Davon entfallen 6 Millionen auf den Sektor Musik und 2,1 Millionen auf den  Sektor Musiktheater.

Niederländische Jazzmusiker haben sich international einen Namen gemacht. Altsaxofonist Paul Kemenade, das Surinam Music Ensemble, der Pianist Misha Mengelberg, Schlagzeuger Han Bennink oder Jazz-Sängerin Denise Jannah sind bekannte Größen. Auch Hans Dulfer und seine Tochter Candy Dulfer sind mit ihrer Mischung aus Jazz, Pop und Funk auf niederländischen ebenso wie ausländischen Jazzfestivals bekannte Gäste. Es gibt in den Niederlanden allerdings viele  Jazzrichtungen: vom traditionellen Jazz bis zu innovativem Freejazz der Protestgeneration um Misha Mengelberg. Das aktuelle Angebot wird von Cross-Over-Projekten und Jazzimprovisationen bestimmt.
Zu dieser Bekanntheit niederländischen Jazz‘ hat unter anderem das North Sea Jazz Festival erheblich beigetragen. Es gehört zu den weltweit größten Jazzfestivals und findet, nachdem es zunächst seit 1976 in Den Haag angesiedelt war, mittlerweile jährlich im Rotterdam Ahoy statt. Größen der Jazzszene haben dort bereits gespielt: von Wynton Marsalis bis Ibrahim Ferrer. Aber auch Nachwuchstalente bekommen die Möglichkeit, sich einem großen Publikum zu präsentieren. Jährlich besuchen über 100.000 Jazzliebhaber das dreitägige Festival. Auch auf der niederländischen Karibik-Insel Curacao findet eine zweite Version des Festivals statt: das Curacao North Sea Jazz Festival.

So gut die Jazzmusiker auch sein mögen, die Anzahl der Jazzpodien sind drastisch zurückgegangen. Als Ursachen werden kommunale Kürzungen angeführt und die gestrichenen Subventionen für Auftritte in Theatern und Konzerthäusern. Der Raad voor Cultuur sieht einen Zuwachs der Jazzpodien als wünschenswert.

Autoren: Verena Soldierer und Andreas Gebbink
Erstellt: August 2009
Aktualisiert: August 2017, Henrike Post