VI. Royal Concertgebouw Orchestra

Das Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam (RCO) ist kein gewöhnliches Konzertgebäude, ebenso wenig wie das nach ihm benannte Orchester einfach nur ein Sinfonieorchester ist. Bernard Haitink rühmte seinerzeit das Concertgebouw als das beste Instrument des Orchesters: Die Akustik des Konzertsaals zählt zusammen mit dem Musikvereinssaal in Wien und der Symphony Hall in Boston zu den drei besten Konzertsälen für symphonische Musik weltweit. Kein Wunder also, dass das Orchester nicht nur den Namen sondern auch den Ruhm des Gebäudes übernommen hat.

Indirekt kann man wohl Johannes Brahms für das Concertgebouworkest danken, der bei einem Besuch in Amsterdam 1879 das Fazit zieht „Nette Menschen, schlechte Musiker“. Um diesen für eine Hauptstadt beschämenden Zustand zu ändern, beschließt man 1881 den Neubau eines großen Konzertsaals, der zwar bereits Ende 1886 fertig gebaut ist, wegen kleinen Streitereien zwischen den Gemeinden jedoch erst am 11. April 1888 feierlich eröffnet werden konnte. Das Orchester selbst wurde erst etwas später gegründet und gab sein erstes Konzert am 3. November 1888 unter Dirigent Willem Kes. Dank der hervorragenden Akustik des Saales und Kes’ strenger Disziplin erarbeitet sich das Orchester bald internationales Niveau.

Ära Mengelberg

Sieben Jahre nach Kes übernimmt Willem Mengelberg die Leitung, die er 50 Jahre lang innehaben wird. Unter ihm erlangt das Orchester Weltruhm. Während er „zu Hause“ bereits 1899 die niederländische Tradition der Matthäuspassion begründet, kommen regelmäßig Komponisten aus aller Welt, um das Concertgebouworkest zu dirigieren, darunter Strawinsky, Ravel, Debussy, Hindemith, Respighi, Strauß – der die „Jugendfrische und Begeisterung“ des Orchesters lobt – und vor allem Mahler. Letzterer dirigiert von 1903 bis 1911 insgesamt elf Mal seine eigenen Sinfonien, ihm zu Ehren veranstaltet Mengelberg zu seinem silbernen Jubiläum 1920 ein Mahlerfestival. Während der deutschen Besatzung schließlich dürfen Werke von Mahler und anderen ‚entarteten’ Komponisten nicht mehr gespielt werden. War Mengelberg vor dem Krieg noch heiß geliebt, so schwingt die öffentliche Meinung schnell um, als Mengelberg sich nicht klar gegen den Nationalsozialismus stellt, um weiter dirigieren zu können. 1945 wird er entlassen und mit einem sechsjährigen Dirigierverbot belegt. 1951 – kurz vor Ende des Verbots – stirbt Mengelberg und hinterlässt ein großes Erbe, das den Aufführungen des Orchesters bis heute seinen Stempel aufdrückt: Noch immer werden Strauß und Mahler aus Partituren Mengelbergs dirigiert, in denen der Dirigent dicke blaue und rote Markierungen hinterlassen hat.

Van Beinum und Haitink

Eduard van Beinum, bereits seit 1931 zweiter Dirigent unter Mengelberg, wird 1945 dessen Nachfolger. Nach den Kriegsjahren schätzen die Musiker des Orchesters Van Beinums lockerere und sanftere Leitung. Er bereichert das Repertoire des Orchesters vor allem mit französischer Musik und den Sinfonien von Anton Bruckner. Unter ihm reist das Orchester zum ersten Mal nach Amerika und erlangt dadurch wieder internationale Aufmerksamkeit. 1959 stirbt Van Beinum unerwartet während einer Probe mit dem Orchester an einem Herzinfarkt.

Nach ihm übernehmen gleich zwei Chefdirigenten die Leitung des Orchesters: der erfahrene Eugen Jochum und der gerade einmal 32 Jahre junge Bernard Haitink, der bereits nach dem Krieg fast alle Konzerte Van Beinums besucht hatte und ein großer Bewunderer seines Vorgängers war. Zusammen nehmen sie das Orchester mit auf große Tourneen durch die USA und Japan. Ab 1963 führt Haitink den Taktstock alleine und das Orchester kann sich unter ihm noch weiter entwickeln und verbessern. Haitink verfeinert den Orchesterklang und verhilft den Traditionen seiner Vorgänger zu neuen Höhen. Zahlreiche Welttourneen und preisgekrönte CD-Aufnahmen zeugen vom Erfolg des Orchesters und Mahler, Bruckner und die Franzosen erhalten durch Haitinks Interpretation eine neue Dimension, die in der Musikwelt Bewunderung hervorruft. Als die Regierung Anfang der 1980er die Subventionen für das Orchester kürzen will, was Stellenstreichungen im Orchester zur Folge gehabt hätte, droht Haitink aus Protest mit der Kündigung – und die Regierung lenkt ein. Doch das ist der Anfang vom Ende, bereits 1983 sagt Haitink für 1988 einen Posten beim Royal Opera House in London zu. Erst steht jedoch 1988 die 100-Jahr-Feier des Concertgebouworkests an, zu dessen Ehrentag Königin Beatrix ihm den Titel „Königlich“ verleiht.

Chailly und Jansons

Ab 1988 wird das RCO von einem Italiener geleitet: Riccardo Chailly. Mit italienischem Charme und dem nötigen Perfektionismus führt er das Orchester zu neuer Virtuosität und lässt es neue Gebiete der Musik entdecken: die moderne Musik und die Oper. Eine weitere Neuerung sind vermehrte Auftritte des Orchesters außerhalb des Concertgebouws in Amsterdam, z. B. während der Sail 2000. Mit dieser offeneren Präsentation klassischer Musik kann er ein jüngeres Publikum erreichen. Eine Initiative des Concertgebouws mit Rabatten und Projekten für junge Zuhörer unterstützt währenddessen die Bemühungen, mehr junge Leute auch ins Concertgebouw selbst zu ziehen. 2004 verabschiedet sich Chailly vom KCO. Das Orchester bedankt sich bei dem charismatischen Maestro mit dem Titel des Conductor Emeritus.

Bislang war das KCO stets von anfangs recht unbekannten Dirigenten geleitet worden, die mit dem Orchester mitwuchsen. 2004 fällt die Wahl jedoch auf ein weltberühmtes Talent: den Letten Mariss Jansons. Als Gastdirigent hatte er das mittlerweile verjüngte Orchester überzeugen können und auch unter ihm kann es seinen magischen Klang noch weiter ausbauen. Weltweit werden Orchester und Dirigent als eine der schönsten denkbaren Kombinationen in der symphonischen Musik betrachtet. Jansons über das KCO: „Das Orchester hungert danach, zu verstehen, was hinter den Noten ist. Sehr wenige Orchester besitzen die Fähigkeit, die Tiefe und den Charakter der Musik zu kennen. Es gibt heutzutage viele technisch gute Orchester. Aber diese musikalische Intelligenz gepaart mit dem sehr persönlichen Klang des Orchesters, lässt das Concertgebouw hervorstechen.“

Auch Jansons bleibt dem bewährten Repertoire treu – 2009 bis 2011 stehen alle zehn Sinfonien Mahlers auf dem Programm – und hält die Zusammenarbeit mit der Nederlandse Opera aufrecht. Aber auch wichtige Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Schostakowitsch und Messiaen oder zeitgenössische niederländische Werke werden aufgeführt.
Seit 2016 steht mit Daniele Gatti wieder ein Italiener an der Spitze des Orchesters.

Das beste der Welt

Nur sechs Chefdirigenten in über 120 Jahren, zahlreiche Komponisten und Gastdirigenten, darunter Berühmtheiten wie Strauss, Mahler, Stravinsky, Kubelik, Karajan, Kondrashin, Bernstein, Masur, Gardiner und Honorardirigent Nikolaus Harnoncourt – der das klassische und frühromantische Repertoire des KCO bereicherte – Größen wie Prokofjew, Rachmaninow oder Bartok, die als Solisten ihrer eigenen Werke im Concertgebouw auftraten und die enge Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten wie Bruno Maderna, Peter Schat, Luciano Berio, Hans Werner Henze oder John Adams, Welttourneen, CD-, Radio und Filmaufnahmen und Präsenz in der Amsterdamer Festivalszene – das alles sind die Zutaten für den Welterfolg des Royal Concertgebouw Orchestra. 2006 ermittelten sieben europäische Fachzeitschriften, zwei Radiosender und eine Tageszeitung mittels eines Punktevergabesystems die zehn besten Orchester Europas. Mit nur einen Punkt Rückstand landete das KCO hinter den Wiener Philharmonikern auf Platz 2. Im Dezember 2008 folgte dann das Sahnehäubchen: Für die britische Klassikzeitschrift Gramophone hatten international führende Musikkritiker eine weitere Rangliste aufgestellt und das Concertgebouw Orchestra zum besten Orchester der Welt gekürt.
Brahms wäre sicher zufrieden.

Autorin: Verena Soldierer
Erstellt: August 2009
Aktualisiert: August 2007, Henrike Post