IV. Polderpop: Unter uns

Interview mit BLØF, niederländische Rockband.

BLØF ist die erfolgreichste Rockgruppe - in den Niederlanden. Ist eigentlich schade drum.
„Bitte keine dummen Fragen stellen.“ Peter Slager ist schlecht gelaunt. Der Songschreiber und Bassist der erfolgreichsten niederländischen Popband „BLØF“ hat gerade ein anstrengendes Interview hinter sich. Ein anderer Journalist zwang ihm ein philosophisches Gespräch über den Gehalt seiner Texte auf. Tiefschürfende Reden über seine Zeilen mag Peter Slager nicht: „Ich weiß nicht, was das soll.“ Und jetzt fürchtet er noch ein Interview mit einem deutschen Schreiberling, der keine Ahnung von holländischer Musik hat. Kein idealer Beginn fürs Gespräch. Wir versuchen es trotzdem. Ich sitze mit BLØF in einem Hotel der Universität Twente in Enschede. Ein fürchterlich nüchterner Konferenzraum dient als Kulisse. Wir wollen uns über holländische Popmusik und natürlich über das Leben als Star im kleinen Holland unterhalten.

Handtücher liegen auf dem Tisch, Obst, Orangensaft, Wasser. Selbstbedienung. Man kann nicht sagen, dass der rote Teppich ausgerollt wird. Bassgitarrist und Sänger Peter Slager, Sänger und Keyboarder Bas Kennis und Sänger und Gitarrist Paskal Jakobsen setzen sich an den Tisch. Drummer Norman Bonink fehlt. Peter wischt mit der Hand über die Tischplatte, als wolle er das vorige Gespräch aus seinem Kopf streichen. „Zo, nu Duitsland ». Es geht los:

Gebbink: Deutsche Internet-Suchmaschinen spucken beim Namen BLØF nur einen Eintrag aus. Ihr seid außerhalb der Niederlande völlig unbekannt. Das muss frustrierend sein.
Bas Kennis: Absolut. Selbst in Belgien will es mit uns nicht klappen. Aber wir haben diese Frustration schon beiseite geschoben. Wir versuchen zwar einiges, aber zurzeit hat für uns der Gedanke, Erfolg im Ausland zu haben, keine Priorität mehr. Die neue CD "Omarm" wird zwar auch in Belgien erscheinen, aber unsere Erwartungen sind nicht sehr hoch.

Gebbink: Hmm. So klingen nicht gerade selbstbewusste Stars. Eure Sprache bestimmt euren Horizont?
Peter Slager: Popmusik aus Holland scheint ein Image zu haben, das es uns schwer macht. Das hat sicherlich etwas mit dem Klang unserer Sprache zu tun, sie ist zu hart. Deutsche haben im Ausland mit deutscher Musik übrigens auch keinen Erfolg.

Paskal Jakobsen: Es kommt hinzu, dass unsere Musik sehr international ist; eigentlich amerikanisch orientierter Rock-Pop. Wenn man dann einen nationalen Stempel durch die Sprache aufdrückt, ist das für Ausländer nicht so exotisch, wie etwa bei Eros Ramazzotti.

Gebbink: Die niederländischen Texte sind aber euer Kapital.
Paskal Jakobsen: Ja, das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Ich denke, dass ich in meiner Muttersprache authentischer singen kann. Das hängt mit meiner Stimmtechnik, mit meiner Art des Singens zusammen. Das hat bei mir auch eine Entwicklung durchlaufen.

Gebbink: Wie viele Zigaretten waren nötig?
Paskal Jakobsen (lacht): Einige.

Peter Slager: Wir verpflichten ihn, jeden Tag zwei Päckchen zu rauchen.

Gebbink: Kommen wir auf die niederländische Popszene zu sprechen. Die ist klein. Jeder kennt jeden?
Peter Slager: Ja. Eigentlich gibt es sehr viele Gruppen. Aber richtig erfolgreich sind vielleicht nur zehn oder 20.

Gebbink: Wieviele CDs verkauft ihr? Im vergangenen Jahr wurden eure Lieder am häufigsten im Radio gespielt.
Peter Slager: Von unserer letzten CD „Blauwe Ruis“ wurden 180 000 Exemplare verkauft. Das ist in Holland Doppelt-Platin. Zusammen mit Marco Borsato und Acda en de Munnik verkaufen wir die meisten Platten.Wir waren selbst überrascht. Sonst hatte diese Position immer Marco Borsato inne.

Gebbink: Ihr kommt aus der Provinz Zeeland und werdet von den Medien immer gerne als regionale Band hingestellt. Das macht man mit anderen Bands auch schnell. Typisch holländisch?
Paskal Jakobsen: Zum einen: Ich singe nicht im zeeländischen Dialekt, ich habe keinen zeeländischen Akzent. "Zeeländische Band" sagt nichts aus. Aber richtig ist: Vor vier Jahren gab es Bands wie "De Kast", die kamen aus Friesland. Volumia, die kamen aus Limburg und Skik aus Twente und wir aus Zeeland. Das nannte man dann Polderpop. Das wurde als eigenes Genre angesehen. Nun ja, nenns wie Du willst.

Geld verdiente BLØF erst mit der CD „Helder“. Ihr Hit „Aan de kust“ ist auch heute noch Volkshymne Zeelands. Bekannt wurde die Band durch die markant rauchige Stimme von Bas Kennis und die melancholischen Texte. Seitdem folgt jedes Jahr ein Top-Hit: Mooie Dag, Ze is er niet, Dansen aan zee, Hier. BLØF genießt den Ruf intellektuell zu sein, poetische Lieder zu schreiben. Das neue Album "Omarm" ist gerade raus gekommen.

Gebbink: Hört ihr eigentlich gerne niederländische Musik?
Peter Slager: Um ehrlich zu sein, ist es nicht die Musik, die uns inspiriert.

Das Gespräch ist zu Ende. In einer Stunde beginnt das Konzert. Ein wunderbarer Abend. Regen. 7.000 Fans rücken zusammen und singen mit einer Stimme: Aan de kust! Man ist unter sich. Nach dem Konzert sehe ich auf dem Parkplatz nur ein Auto mit ausländischem Nummernschild: meins.

Autor: Andreas Gebbink
Erschienen: NRZ, 03. Juni 2003