VI. Religion

Da die Vereinigten Provinzen der Niederlande aus dem Widerstand gegen religiöse Unterdrückung entstanden waren, gewährten sie ihren Bürgern von Anfang an Religionsfreiheit. Das hieß aber nicht, dass andere Religionsgruppen als der vorherrschende Calvinismus offen in Erscheinung treten durften. (die ausführlichen Hintergründe finden Sie im Dossier Religion und Kirche in den Niederlanden). Um keinen Anstoß zu erregen, richteten „geduldete“ Religionsgruppen daraufhin Kirchen ein, die von außen nicht direkt als Kirchen zu erkennen waren. sogenannte schuilkerken (dt. Schlupfkirchen). Das berühmteste Beispiel ist Onsʼ Lieve Heer op Solder in Amsterdam, versteckt in einem Grachtenhaus.

Onsʼ Lieve heer op Solder , Amsterdam

Heute ist der Oudezijds Voorburgwal eine der bekanntesten Straßen im Amsterdamer Rotlichtviertel De Wallen. Hier findet man Sexshops, halbnackte Damen in roterleuchteten Fenstern, ein paar Coffeeshops und Kneiben aber eben auch versteckte Kirchen. Oudezijdse Voorburgwal Nummer 40 ist ein schlichtes Grachenhaus, nur vier Fenster breit mit einer kleinen Eingangstreppe. Kaum zu glauben, dass hier der liebe Herrgott auf dem Dachboden zu finden ist.

1661 wurde das Haus vom Kaufmann Jan Hartmann erworben. Er verband den Dachboden der Nummer 40 und den des dahinter gelegenen Hauses im Heintje Hoeksteeg und ließ eine römisch-katholische Kirche einrichten. Die Geschichte der Kirche und des Hauses können Besucher bei einer gratis Audiotour (auch auf Deutsch) erfahren. Gruppen ab zwölf Personen können auch eine Führung durch die Kirche bekommen – allerdings muss zwei Wochen zuvor reserviert werden. Auch an junge Besucher wurde gedacht: Kapoentje, ein Marienkäfer, weist den Weg durch das Museum. Eine Familiespeurtocht (dt. Familienschnitzeljagd) ist für Kinder zwischen fünf und zehn Jahren konzipiert und kann am Eingangstresen für einen Euro erworben werden.

Die Kirche wird außerdem immer noch als Kirche genutzt. 2015 finden die sogenannten Dachbodenmessen (nl.: soldermissen) an folgenden Tagen um 11.00 Uhr statt: 5. April, 3. Mai, 4. Oktober, 1. November, 6. Dezember.

Museum Adresse Website App
Onsʼ Lieve heer op Solder Oudezijdse Voorburgwal 40, Amsterdam opsolder.nl
Joods Historisch Museum Nieuwe Amstelstraat 1, Amsterdam jhm.nl
Hollandsche Schouwburg Plantage Middenlaan 24, Amsterdam hollandscheschouwburg.nl
Portugese Synagoge Mr. Visserplein 3, Amsterdam portugesesynagoge.nl

Joods Historisch Museum, Amsterdam

Die Relgion, Kultur und Geschichte der Juden in den Niederlanden sind die Themen, die im Joods Historisch Museum (JHM) behandelt werden. Die Sammlung unfasst mehr als 14.000 Kunstgegenstände, außerdem 12.000 Fotos und 15.000 historische Dokumente. Das sogenannte Kenniscentrum des Museums (ehemals Mediatheek) bietet den Besuchern darüberhinaus Zugang zu zahlreichen Büchern, Beiträgen, Zeitungen und Zeitschriften, sowie Audio- und Videomaterial.

Neben den ständigen Ausstellungen über die Geschichte der Juden in den Niederlanden – die sich in die Zeitabschnitte 1600-1900 und 1900 bis heute teilt sowie einer Ausstellung über jüdische Religion und Tradition, gibt es wechselnde Ausstellungen zum Beispiel über Juden in der Karibik, oder über zeitgenössische Kunst zu jüdischen Themen oder von Künstlern mit jüdischem Hintergrund. Innerhalb des JHM gibt es darüber hinaus ein Kindermuseum: Es besteht aus drei Etagen und ist eingerichtet wie das Haus einer jüdischen Familie. Im Musikzimmer dürfen die kleinen Besucher auf den Instrumenten spielen und in der Küche lernen sie, was koscheres Essen ist. Koscheres Essen bekommt man von 11.00 bis 17.00 Uhr übrigens auch im angeschlossenen Museumscafé.

Hollandse Schouwburg, Amsterdam

Eine ständige Ausstellung zum Thema Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg findet man in der Hollandsche Schouwburg, an der Plantage Middenlaan 24. Das Gebäude spielte als Sammelpunkt für Juden vor der Deportation in nationalsozialistische Vernichtungslager eine zentrale Rolle (siehe auch Dossier Judenverfolgung in den Niederlanden) in dieser Geschichte und ist somit indirekt Teil der Ausstellung (Mehr Museen zum Thema Zweiter Weltkrieg siehe auch Kapitel XI Zweiter Weltkrieg).

Wer vorhat, sowohl das JHM als auch die Hollandse Schouwburg zu besuchen, sollte über eine Eintrittskarte zum jüdisch kulturellen Viertel nachdenken. Für 15 Euro können Erwachsene dann das JHM, die Schouwburg und die Portugese Synagoge besuchen. Die Karte gilt einen Monat lang, man hat für die verschiedenen Besuche also ein wenig Zeit.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: August 2015