VI. Der heutige Stellenwert der niederländischen Mode

Für viele Branchenfremde scheinen die Worte Mode und Niederlande in etwa so gut zusammenzupassen wie Elchzucht und Ghana. Dass sich die Niederlande recht unbemerkt, aber doch konsequent in den vergangenen Jahren zu einem hoch interessanten Modeland entwickelt haben, ist vielen entgangen. Dass man nicht viel über die niederländische Mode und ihre Designer weiß, liegt vor allem daran, dass dem Land ein starkes Zentrum wie Paris, Berlin oder Mailand fehlt – also im Grunde ein Modezentrum, das eine starke Tradition besitzt und sofort Assoziationen auslöst. Lange hatten die Niederländer allerdings auch kein allzu großes Interesse an Mode. Über Jahrhunderte sahen sie Mode als etwas Oberflächliches an.

Niederländer gelten als nüchtern. Geld für Kleidung auszugeben, die mehr als nur der Funktion dient, war nicht üblich – zumindest nicht bei der Masse. Niederländer kauften nicht für spezielle Momente, sie brauchten tragbare Kleidung für den ganzen Tag. Erst in den 1960er und 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts emanzipierte sich allmählich die Branche von ihren Vorurteilen. Sich modisch zu kleiden oder Modetrends nachzugehen wurde populärer. In den 1990er Jahren beschleunigt sich die Entwicklung. Viele talentierte Nachwuchsleute drängen auf den Markt. Vor allem im Ausland findet die neue Mode viele Fans und viel Applaus. Seit Anfang dieses Jahrhunderts werden die Mode und ihre Designer endlich auch von den niederländischen Konsumenten ernst genommen.

Natürlich steht Frankreich immer noch an der Spitze der Modewelt – oder zumindest blickt das Land auf die größte Modetradition zurück. Auch Deutschland – nach dem Zweiten Weltkrieg zerbombt und darauf fokussiert, das Land erst einmal wieder aufzubauen – hat in den 1980er Jahren gewaltig in Sachen Mode aufgeholt und mit Lagerfeld, Joop, Jil Sander und anderen wichtigen deutschen Designern dem internationalen Markt einen Stempel aufgedrückt.

Doch auch die Niederlande haben sich heute zu einem kleinen Juwel der Mode entwickelt. Deutschland ist der größte Markt für die niederländischen Designer. Gerade auf der Berlin Fashion Week sind sie willkommene Gäste. Designer werden zum einen wie Viktor & Rolf wegen ihrer kraftvollen Formensprache, zum anderen wie Iris van Herpen wegen der von ihr entwickelten außergewöhnlichen Ideen gefeiert.

Auch im Bereich Denim – vor allem mit der Marke G-Star – waren die Niederländer in Berlin zuletzt ebenfalls tonangebend. Internationale Modezeitschriften wie Elle haben mittlerweile regelmäßig niederländische Topmodells auf ihrer Titelseite und beschäftigen sich intensiv mit holländischem Schnitt und Design. Ein deutliches Zeichen für den wachsenden Markt setzte im März 2012 die Modezeitschrift Vogue: Sie brachte eine niederländischen Ausgabe auf den Markt. Chefredakteurin der niederländische Vogue-Ausgabe ist Karin Swerink, die das Magazin Glamour 2005 auf den Markt gebracht und es seitdem geführt hat. Die Chefredaktion von Glamour hat inzwischen Sabine Geurten übernommen. Geurten ist eine der führenden Stylistinnen in den Niederlanden und hat unter anderem für die Magazine Marie Claire und Grazia gearbeitet. Zudem lehrt sie seit zwei Jahren im Fach „Fashion Styling“ an der Artemis Academy, eine im Jahr 2010 vom niederländischen Wissenschaftsministerium initiierte kleine Hochschule für Style und Design in Amsterdam.

Mit dem erstmaligen Erscheinen einer niederländischen Vogue fand 2012 auch zum ersten Mal die Modeparty Fashion’s Night Out (FNO) in Amsterdam statt. Die FNO ist eine weltweite Initiative, um Mode zu zelebrieren. An dem Amsterdamer Event arbeiteten die besten niederländischen Designer, Modeverleger, Fotografen und Topmodells mit, um in verschiedenen Amsterdamer Boutiquen, Shops und Warenhäusern die Modewelt auf- und hochleben zu lassen.

Die niederländische Mode von heute hat also längst ihre calvinistisch-nüchterne Tradition überwunden. Das Mode - Design ist heute frisch, eigensinnig und manchmal sogar ziemlich ausdrucksstark – in jedem Fall aber hat es eine deutliche Handschrift.

Die Niederlande gelten ähnlich wie ihr außergewöhnliches „Dutch Design “ für die internationale Formenkunst als guter Nährboden für Ideen in der weltweiten Mode. Das mag gerade auch daran liegen, dass die Niederlande klein sind und sich deswegen von überallher Inspirationen holen. Das Ergebnis ist oft überraschend – wie beispielsweise bei Viktor & Rolf oder Iris van Herpen gut zu sehen ist.

Ein Modeland wie Frankreich, Italien oder Deutschland sind die Niederlande noch lange nicht – und werden es wohl auch so bald nicht werden. „Den Niederlanden fehlt die breite Basis. Die Infrastruktur und die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen und den Hochschulen ist immer noch nicht effektiv genug. Wenn man heute von der Modehochschule kommt, hat man von der Praxis im Grunde keine Ahnung“, bemängeln etwa Viktor & Rolf.

Ganz unberechtigt ist diese Kritik nicht – dennoch gibt es bereits einige Institutionen in den Niederlanden, die sich um eine systematische Förderung der Modedesigner und ihrer Mode kümmern. Beispielsweise die Dutch Fashion Foundation (DFF) in Amsterdam. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die soziale, ökonomische und kulturelle Rolle der niederländischen Mode national und international zu stärken. So unterstützt die Stiftung die talentiertesten Modefotografen, Modedesigner und Grafiker des Landes.

Auch unternehmerisch kann man zumindest den großen Modemarken der Niederlande nichts vorwerden. Sie haben enormes wirtschaftliches Potenzial. „Weil wir ein kleines Land sind, waren die Niederländer als Handelsnation immer schon darauf angewiesen, guten Kontakt mit dem Ausland zu haben“, sagt Modeillustrator Piet Paris, Konservator der Arnheimer Modebiennale, im Gespräch mit Het Financieele Dagblad über die Stärke der niederländischen Modemarken. „Für diese Handelsmentalität werden wir auch in der Modewelt international sehr geschätzt“, meint Piet Paris.

Ebenso kann die niederländische Haute Couture schon länger von sich behaupten, dass sie auf hohem Niveau sehr gut mithalten kann. Die Qualität, die niederländische Designer bieten, wird in der Branche in aller Welt geschätzt. Sie muss nur noch bekannter werden. Da ist es gut, dass das niederländische Wirtschaftsministerium der Kreativindustrie nun Subventionen in Höhe von sechs Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat. Dieses Geld kann die Modebranche zum einen nutzen, um für die niederländische Modeindustrie in Paris oder Mailand zu werben. Zum anderen können damit die etwa 1.300 jungen niederländischen Modedesigner unterstützt werden, um sich außerhalb des Landes einen Namen zu machen.

Trotz aller weltweiten Bestrebungen wird es aber sicher sinnvoller sein, wenn sich die Niederländer weiterhin auf sich selbst konzentrieren und nicht so sehr auf den globalen Erfolg fixiert sind. Ihre Produkte haben eine große Qualität. Sie müssen nur noch besser vermarktet werden.

Autor: Martin Roos
Erstellt:
Februar 2013