I. Einführung: Das Erwachen des niederländischen Modebewusstseins

Am Anfang war die Tracht

Wie in allen Kulturen, in denen Trachten getragen wurden und werden, ist die Tracht ein Zeichen sozialer und regionaler Zugehörigkeit. Ihre Funktion als Tageskleidung hat sie natürlich längst verloren – auch in den Niederlanden. Mit dem Beginn der Industrialisierung und den technischen Reproduktionsmöglichkeiten zu Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich auch in der Textilindustrie der Massenkonsum. Mit der steigenden Nachfrage veränderte sich zudem das Verhaltensmuster der Konsumenten. Das Bewahrende und das Uniforme der Tracht hatte kaum noch eine Chance gegen die Individualität, mit der die Mode, insbesondere aus Frankreich, faszinierte. Die Tracht verlor zunehmend an Attraktivität. Doch zu einem reinen Relikt aus der Vergangenheit wurde sie nie – auch heute noch hat sie ihre Fans. Gerade das Traditionelle und scheinbar Konforme machen für viele Trachten-Fetischisten den besonderen Esprit aus – gemäß dem Motto: Die Tracht ist das Bewahrende, gegen den Wandel der Zeit hütet sie das kostbare Gut der Tradition – während die Mode sich und alles verändert.

Mädchen in einer niederländischen Tracht in den 1920er Jahren
Mädchen in einer niederländischen Tracht in den 1920er Jahren
© Wikimedia Commons/cc-by-sa

Noch heute symbolisiert die niederländische Tracht das Konstante und Traditionelle, aber auch Mut und Tapferkeit, insbesondere für die Frau. Denn diese Eigenschaften gehen auf die „Vrijheidsmaagd“ zurück – das Symbol der Vereinigten Niederlande im 18. Jahrhundert. Dieses Symbol war so eindrucksvoll und ausdrucksstark, dass Anfang des 20. Jahrhunderts die Tracht auch für Feministinnen die ideale Kleidung darstellte, um Stärke zu demonstrieren.[1]

Heute hat auch in den Niederlanden die Tracht fast nur noch an Fest-, Volks- und Brauchtumstagen Konjunktur. Von der einst außergewöhnlichen Trachtenvielfalt des niederländischen Königreichs ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben. In manchen niederländischen Regionen lebt die Tracht – vor allem zur Freude der Touristen – allerdings noch regelmäßig wieder auf: zum Beispiel in Volendam in der Provinz Nordholland oder im Südwesten des Landes in Zeeland. Dort, auf Walcheren und Zuid-Beveland, ging noch in den 1970er Jahren die Liebe zu traditionellen Kleidern und Kopfbedeckungen so weit, dass sich die Frauen 1975 sogar gegen die Helmpflicht für Mopedfahrer auflehnten.[2]

Markenbotschafterinnen in Spitzenhäubchen

Anders als in beispielsweise Süddeutschland, wo die Tracht vor allem auch für junge Leute auf Traditionsfesten – wie dem Oktoberfest oder dem Cannstatter Wasen – zur absoluten Etikette und zum Freizeitspaß gehören, sind es in den Niederlanden die alten Frauen, die bevorzugt zu bestimmten Anlässen Trachten tragen. Das Kostüm der Frauen besteht aus einem Rock, einer Schürze und einem vorne geschlossenen, meist kurzärmligen kleinen Mantel – einer so genannten „Kasacke“. Sie besteht meistens aus Baumwolle und ist mit Streifen-, Karo- oder Blumenmuster verziert. Die Stoffe mit den geblümten Mustern wurden ab dem frühen 17. Jahrhundert von der Ostindischen Handelskompanie eingeführt.

Über der Kasacke trägt die Frau traditionellerweise ein Schultertuch – dazu trägt sie Holzschuhe (nl. Klompen) und auf dem Kopf natürlich das Spitzenhäubchen. Die Häubchen werden über einem breiten silbernen Reif, dem „oorijzer”, getragen.[3] Er ist je nach Region an beiden Enden unterschiedlich und wird über den Ohren mit zwei goldenen, perlenverzierten Haarnadeln befestigt.

Folkloregruppe mit niederländischen Trachten
Folkloregruppe mit niederländischen Trachten
© Wikimedia Commons/cc-by-sa

Aber auch Männer tragen an Brauchtumstagen noch Tracht. Im Gegensatz zu der farbenfrohen Tracht ihrer Vorfahren ist sie jedoch heute sehr dunkel, fast schwarz. Sie besteht aus einer zweireihigen Jacke und einer weiten Hose oder Pumphose. Das gestreifte oder karierte Baumwollhemd in kräftigen Farben ist unter der Jacke versteckt. Die beiden Goldknöpfe, die den Stehkragen schließen, sind oft das einzige Schmuckelement.[4]

Wenn die Trachten auch heute aus dem Alltagsbild der Niederländer mehr oder weniger verschwunden sind, gehört doch das Bild der traditionell gekleidete Holländerin nach wie vor zum beliebtesten Klischee in der Außendarstellung. Das „meisje“ in Tracht ist eines der stärksten Images und gilt – vermutlich gleich nach der Königin – als die stärkste Markenbotschafterin der Niederlande. Gerade der deutsche Markt war und ist immer noch sehr empfänglich für dieses Klischee: zum Beispiel in der Werbung mit „Bintje“ aus Holland, bei der eine Frau in Tracht hinter einem Sack Kartoffeln liegt und diese anpreist. Oder die berühmte Frau Antje, die für Butter und Käse im deutschen TV wirbt.[5]


[1] Vgl. Elpers, Sophie: Frau Antje bringt Holland – Kulturwissenschaftliche Betrachtungen einer Werbefigur im Wandel, Münster 2005, S. 85f.
[2] Heute darf man in den Niederlanden auf einem 25 km/h-Mofa ohne Helm auf dem Radweg fahren, mit einem 45 km/h-Mofa nur mit Helm auf der Straße.
[3] Mehr zur tradiotinellen niederländischen Tracht in unserem Dossier Volkskultur und Traditionen.
[4] Vgl. Michelin Reiseführer: Brauchtum und Traditionen, Onlineversion sowie NBTC: Holland Tracht, Onlineversion.
[5] Vgl. Silvia Tewes: Frau Antje, in: NiederlandeNet, Onlineversion; NiedelandeNet: Frau Antje – „Eine unverwechselbare, einmalige Kampagne“, Onlineversion.

Autor: Martin Roos
Erstellt:
Februar 2013