II. Der Einfluss der französischen Mode in der ersten Hälfte des 20. Jh.

Mode ab 1900

Die Niederländer haben keine große Modetradition – zumindest nicht bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Bis dahin ließ in dem calvinistisch beeinflussten Land der Trachten-Look kaum Platz für andere Textil-Traditionen oder auffällige Modestile. Es gab auch keinen wirklichen Bedarf, neue individuelle Kleidung zu entwerfen. Die Nachfrage bestand einfach nicht. So wie ein Auto nicht schön auszusehen hat, sondern vor allem fahren und funktionieren muss, war auch Kleidung in aller erster Linie ein Mittel, um sich warm und funktionell anzuziehen. Starke Individualität und exaltiertes Aussehen waren nicht gefragt – gemäß der noch heute geltenden Maxime: „Doe maar gewoon, dan doe je al gek genoeg“ (dt. „Verhalte dich mal ganz normal – dann bist du schon verrückt genug“). Erst in den vergangenen 60 Jahren sind die Niederlande zu einem modebewussteren Land herangereift, besondere in den vergangenen 20 Jahren.

Modesalon in Paris 1910
Modesalon in Paris 1910
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Doch zunächst zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Um 1900 spielte die niederländische Mode so gut wie keine Rolle, weder in den Niederlanden selbst, noch irgendwo anders auf der Welt. Paris war eindeutig das Zentrum der Mode. Wer sich in den Niederlanden für Mode interessierte, schaute also automatisch in den Süden hinunter nach Frankreich, kaufte direkt in Paris oder importierte die Mode in die Heimat. Zu dieser Zeit entstanden in den Metropolen in ganz Europa große Warenhäuser, die mit ihrem breiten Stoff- und Kleidungsangebot die Konsumenten aller Gesellschaftsschichten lockten und Zugang zum Modekonsum ermöglichten. Vor allem in Paris waren die großen Designer zu Hause, dort befanden sich schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts die großen Modehäuser.

Hirsch&Cie Filiale in Amsterdam: das erste Kaufhaus der Niederlande 1912
Hirsch&Cie Filiale in Amsterdam: das erste Kaufhaus der Niederlande 1912
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In den Niederlanden dauerte es ein wenig, bis die ersten großen Kaufhäuser die Hauptstadt eroberten. So eröffnete 1912 mit Hirsch & Cie ein großes Warenhaus am Leidseplein in Amsterdam – das glich damals einer kleinen Sensation, denn damit war für viele, die es sich leisten wollten und konnten, die französische Mode endlich auch im eigenen Land in großer Auswahl zugänglich. Bald folgten andere Warenhäuser – allerdings immer noch für den Kunden mit gut gefülltem Geldbeutel. Erst Unternehmen wie Peek & Cloppenburg sorgten in den Niederlanden in Laufe der Zeit (bis 1930) dafür, dass bald auch die „normalen Bürger“ Mode aus Frankreich oder auch aus Italien zu erschwinglichen Preisen kaufen konnten.

Die französische Mode blieb für lange Zeit das Ideal für die niederländischen Designer. Auch der erste niederländische Couturier, Joan Praetorius aus Den Haag, entwarf Kleidung nach französischem Vorbild. Er war auch der erste Designer, der unter seinem Namen ein eigenes Modehaus aufmachte. Er arbeitete in Amsterdam, Den Haag und Paris. Allerdings dauerte seine Karriere nur vier Jahre – die Umstände der Zeit spielten gegen ihn: In der Wirtschaftskrise Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre und dann auch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs hatten die Niederländer vorläufig und verständlicherweise erst einmal keinen Bedarf mehr an schicker Kleidung.

Ein relativ großes Highlight für das zaghaft erwachende Modebewusstsein der Niederländer ereignete sich dennoch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges: Es war das Brautkleid für Königin Juliana, das Maison Kühne 1937 entworfen hatte. Zwei Jahre später entwarf auch der für die niederländische Modeentwicklung wichtige Designer Karel Meuwese unter der Marke Charles Montaigne seine Mode. Trotz der schwierigen politischen und konjunkturellen Bedingungen gelang es ihm, ein internationales Label aufzubauen. Die Marke gehörte zwar nicht zu den größeren der Branche, aber immerhin war Karel Meuwese der erste Niederländer, der es zu einer gewissen internationalen Bekanntheit im Modemarkt geschafft hatte.

Textil-Design nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre

Nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte es Karel Meuwese als einer der wenigen niederländischen Designer sogar, in Paris Fuß zu fassen. Allmählich kamen immer mehr Designer auf den niederländischen Modemarkt – Leute wie Ferry Offerman oder Max Heymans. Alle waren aber nach wie vor stark von den französischen Trends beeinflusst. Dass der niederländische Nachwuchs sich plötzlich so stark entwickelte, lag an den Ausbildungsstätten und Nachwuchsschulen, die mittlerweile gegründet wurden: 1953 half Karel Meuwese, die Modeschule École de Couture Charles Montaigne in Amsterdam zu eröffnen. Im gleichen Jahr eröffnet Elly Lamaker in Arnheim eine Modeabteilung in der Arnheimer Akademie – heute die ArtEZ Hogeschool voor de Kunsten Arnhem. Sie blieb an der Akademie bis 1983. Unter ihrer Regie ist diese Modeschule heute zur wichtigsten in den Niederlanden geworden. Keine andere Schule brachte ab den 1960er Jahren so viele erfolgreicher Designer hervor wie Arnheim.[1]

In den 1950er Jahren wird auch London zunehmend für die Modewelt wichtiger. Vor allem die Popmusik sorgt für eine neue Kleidungskultur und ein neues Modebewusstsein. In den 1960er Jahren wächst auch die Zahl der Boutiquen und Modemacher in Amsterdam – angefangen von der Modeillustratorin Marijke Kroger und der Modedesignerin Josje Leeger bis zu Hollands wohl vielseitigstem Schuhdesigner Jan Jansen und der Bademodenspezialistin Marielle Bolier oder auch Puck & Hans – ein geniales Duo, das aus der gelernten Textilschneiderin Puck Kroon und dem Designer Hans Kemmink bestand.

Frans Molenaar bringt die Wende

Ausschlaggebend für ein ganz neues und eigenes niederländisches Modebewusstsein wird Frans Molenaar. Mit 19 Jahren ging er nach Paris und arbeitete für Nina Ricci und Guy Laroche. Er ließ sich von Yves Saint Laurent und André Courrèges inspirieren. Diese Erfahrungen brachten ihn schließlich zu der Überzeugung, Mode als eine Form von Architektur zu begreifen. So knüpfte Molenaar nach seiner Rückkehr in die Niederlande an die geometrischen Formen von Künstlern wie Bob Bonnies oder Ad Dekkers an, die in den 1960er Jahren ihre Glanzzeit hatten. 1967 begann er mit seiner eigenen Kollektion: die Frans Molenaar Couture. Molenaar wurde damit der erste Designer, der sich nicht an dem französischen Vorbild orientierte, sondern einen ganz eigenen Stil entwickelte. Als unabhängiger und freier Geist wurde er nicht nur von der Modeindustrie geschätzt: In den 1990er Jahren galt seine Passion auch weiteren Geschäftsfeldern, die sein Design wollten: die Autoindustrie, die Fahrradbranche oder auch die Glaskunst. Seit 1995 gibt es den Frans Molenaar-Preis, der junge Modedesigner in ihrer Suche nach Eigenem und Neuem auszeichnet.

Koos van den Akker sorgte ebenfalls für Moderuhm, der über die Grenzen der Niederlande hinausreichte. 1968 ging er nach New York und wurde dort bald der „Meister der Kollage“ genannt. Sein Durchbruch gelang ihm, als er die Darsteller der TV-Serie „Die Bill Cosby Show“ einkleiden durfte. Zu seinen Kunden gehörten die frühere First-Lady Betty Ford, die Schauspielerinnen Cher, Elisabeth Taylor, Meryl Streep und der Sänger Harry Belafonte.

Die Flower-Power-Zeit dominiert die 1970er Jahren: Es war die Zeit der chinesisch-niederländischen Designerin Fong-Leng. Sie gab den Niederlanden einen neuen, farbenreichen und asiatisch anmutenden Style. Die Designerin arbeitete zunächst als Fotografin. Zehn Jahre präsentierte Fong-Leng in Amsterdam in der P.C. Hooftstraat ihre Haute-Couture-Kollektion. Vor allem Motive wie Blumen, Früchte, Sonnenschirme, Paradiesvögel oder auch chinesische Liebespaare spielten eine große Rolle. Leider fand die außergewöhnliche und auch teure Mode von Fong-Leng in den kleinen Niederlanden nicht genügend Abnehmer, sodass sich Fong-Leng seit den 1990er Jahren mehr auf Innenarchitektur spezialisierte.

Der Talente-Boom der 1980er Jahre – bis heute

In den 1980er und 1990er Jahren blieb zwar der Einfluss der französischen Mode in den Niederlanden ähnlich groß wie in anderen europäischen Ländern, aber das Polderland wurde allmählich eine eigene kleine, durchaus selbstbewusste Modenation. Für die jungen Textil-Designer geht es nun immer mehr um Konzepte und durchdachte Entwürfe. Viele niederländische Talente strömen auf den Modemarkt, darunter Gletcher (Ruud van der Peijl und Hans van Kooten), Lawina, Illustrious Imps und die Schuhmarke Lola Pagola. Auch Martha de Wit, Peter George d’Angelino Tap, Humanoid, Trix & Rees und The People of the Labyrinths entwerfen neue und eigensinnige Mode. Modereportagen in Avenue oder Marie Claire machen niederländische Designer genauso bekannt wie das niederländische Top-Model Karen Mulder, die als „Beauty-Marke“ viel dazu beiträgt, die Niederlande als schönheits- und modebewusstes Land bekannt zu machen.

Anfang der 1990er Jahre erscheint mit Dutch auch eine neue niederländische Modezeitschrift. Sie wird zu einem avantgardistischen Instrument niederländischer Mode, für das bald viele international angesehene Fotografen und Stylisten arbeiten. Und auch niederländische Modemarken Oilily, Mexx und viele andere bereichern die Warenhäuser, Boutiquen und Shops – in ganz Europa. Ende der 1990er Jahre wächst schließlich eine neue Generation von Designern, Modemachern und Experten heran, die auch heute noch Einfluss hat – darunter Niels Klavers, G+N, Oscar Suleyman, KEUPR/vanBENTM oder Rozema/Teunissen.

Mode in den Niederlanden ist heute ein florierender, industrieller Geschäftsbereich. Der ökonomische Schwerpunkt der Modeindustrie ist Amsterdam. Die niederländische Mode besitzt jedoch nicht nur unternehmerische Intelligenz, sondern auch exzentrische und international höchst angesehene Events: 2004 organisierten James Veenhoff und Steve te Pas mit ihrem Unternehmen Moshi Moshi zum ersten Mal die Amsterdam International Fashion Week – bis heute die Plattform für niederländische Mode. 2005 fand dann in Arnheim die erste Modebiennale statt.

Zusammenfassen kann man sagen, dass die Modeentwicklung in den Niederlanden in den vergangenen hundert Jahren immer etwas langsamer als in den europäischen Nachbarländern verlief. Doch hat das Land gewaltig aufgeholt und wird mittlerweile für sein individuelles und spezielles Design hoch geschätzt. Es wird noch viele neue Trends aus den Niederlanden geben – darüber ist sich zumindest die niederländische Fachwelt einig. In jedem Fall haben sich die Niederlande zu einem Land entwickelt, in dem mittlerweile Jahr für Jahr überdurchschnittlich gute Talente nachkommen, die sehr großes Potenzial mitbringen und international Einfluss nehmen.[2]


[1] Vgl. Modeakademie Arnheim: www.modearnhem.nl
[2] Vgl. Teunissen, José: Mode in Nederland, Arnheim 2006.

Autor: Martin Roos
Erstellt:
Februar 2013