IX. Radio während der Besatzungszeit

Natürlich hat es beim öffentlichen Rundfunk kritische Stimmen gegen die Nationalsozialisten gegeben. Dies war jedoch meist vor der Besatzung der Fall. Als kurz nach dem 10. Mai 1940 in Hilversum zum ersten Mal der neue Rundfunkverantwortliche Freudenberg auftauchte, wurde er vom Studioleiter der AVRO, Capelle, eigenhändig ins Gebäude geführt. Hier wie in allen Sendegemeinschaften herrschte die Hoffnung, man könne den Sendebetrieb so unbeeinträchtigt wie nur möglich weiterführen und seinen Posten behalten, wenn man so neutral wie möglich bliebe. Mit Zensur war man schließlich vertraut. Andere Verantwortliche wie AVRO-Vorstand Willem Vogt sprachen sich in Radio-Ansprachen offen für die Besatzer aus. Offene Kritik wurde nicht geübt. In den ersten Monaten nahm die VARA eine Sonderrolle ein, immerhin hatte sie sich seit Kriegsbeginn offen gegen die Nationalsozialisten ausgesprochen. In versteckten Andeutungen versuchten die Betreiber, – letztendlich erfolglos – ihr linkes Profil zu erhalten.

Concentratie

Im März 1941 wurden alle Sender aufgelöst, der zentralisierte Nederlandsche Omroep in seinen Schlüsselpositionen mit Gefolgsleuten besetzt, jüdische Mitarbeiter, die noch nicht entlassen worden waren, mussten nun die Studios in Hilversum verlassen. Die Nationalsozialisten waren es auch, die zum ersten Mal Rundfunkgebühren etablierten.

Der Nederlandsche Omroep (NO) wurde zum Propaganda-Instrument von Besatzern und der Nationalsozialistischen Bewegung (NSB). Es gab Reportagen über Kinderlandverschickungen ebenso wie antisemitisches Cabaret und Konzentration auf deutsche Musik. Zensur wurde zum alles bestimmenden Faktor von Sendbarkeit. Jedes Manuskript musste vorab genehmigt werden und sollte doch jemand einmal offene Kritik am Mikrofon wagen, wurde es sofort abgeschaltet. Kurios ist, dass auch Berichte über das Wetter und Wasserstandsmeldungen verboten waren. Dies sollte dem Schutz der Fronttruppen dienen. Das Problem der NO war das Übermaß an Propaganda – nur eingefleischte Nazis konnten überzeugt sein, ein solches Programm würde die skeptischen Niederländer in Anhänger des Nationalsozialismus verwandeln.

Radio Oranje

Man bevorzugte zu dieser Zeit eher den englischen Sender der BBC, und natürlich Radio Oranje, das ebenfalls aus London sendete. Radio Oranje war der Sender der Exilregierung, über ihn hielt Königin Wilhelmina Ansprachen an „ihr“ Volk. Seinen Sitz hatte er im Londoner Stratton House. Pro Tag bekam er von der BBC eine Viertelstunde Sendezeit, später eine halbe Stunde. Noch beliebter war allerdings ein Exil-Seesender, De Brandaris, der weniger formell war und auch Musik spielte.

Die Besatzer zogen nach zwei Jahren die Konsequenzen: Im Mai 1943 beschlagnahmten sie alle Radioempfänger. Das heißt, sie versuchten es: Gut ein Drittel der Geräte fand nie den Weg zu den Besatzern. Beim Rest handelte es sich in vielen Fällen um billige oder veraltete Zweitgeräte. Nur eine Minderheit von circa 100.000 Hörern blieb Hilversum I erhalten. Hilversum II stand von nun an unter direkter Kontrolle der Reichsrundfunkgesellschaft in Berlin.

Schon 1943 planten die ehemaligen Leiter von AVRO, KRO, NCRV und VARA, im Falle einer deutschen Niederlage, die zu diesem Zeitpunkt immer wahrscheinlicher schien, das versäulte System wieder zu etablieren. Dem standen sowohl die Regierung im Exil wie auch viele NO-Mitarbeiter kritisch gegenüber. Und in Eindhoven begann im September 1944 auch noch ein Konkurrenzsender seine Arbeit: Herrijzend Nederland sendete vom Philips-Gebäude unter der Leitung von H.J. van den Broek von Radio Oranje. Ein Sender für alle? Durch geschicktes Taktieren und Mobilisierung der ehemaligen Belegschaft wussten die Vertreter der Sendervereine dies zu verhindern.

Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt:
August 2005
Aktualisiert: Juni 2015, André Krause