V. Nach 1945: Konzentration und Modernisierung

Obwohl sich die Nachkriegsregierung um eine „Säuberung“ der Presselandschaft, das heißt die Entlassung von Kollaborateuren und das Verbot nazifizierter Zeitungen bemühte, war diese im Jahr 1950 ein fast identisches Spiegelbild der Presselandschaft in den 1930er Jahren. Mit einer Ausnahme: Die Zeitungen mussten sich entscheiden, ob sie morgens oder abends erscheinen wollten. Vor dem Krieg hatten viele eine Morgen- und eine Abendausgabe gehabt. Sogar De Telegraaf, der unter dem Druck der Besatzer allmählich auf strenge SS-Linie gebracht worden war, durfte 1949 wieder den Betrieb aufnehmen. Da die Nachkriegsjahre von großem Mangel geprägt waren, starben viele kleine Zeitungen, vor allem die vormals illegalen Blätter. War während des Krieges noch von mehr nationaler Einheit die Rede gewesen, kehrte die Gesellschaft und mit ihr die Zeitungen bald zum versäulten System zurück.

Während des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 1950er Jahren erfuhr die Presse ihre letzte große Blütezeit. Umfang der Zeitungen und Werbeaufkommen nahmen zu und mit Letzterem auch die Abhängigkeit von Anzeigen. Auf Grund des Baby-Booms stiegen die Abonnentenzahlen bis in die 1970er Jahre. Aber es gab auch die erste aufsehenerregende Fusion: De Tijd und De Maasbode mussten wegen sinkender Auflage zusammengelegt werden.

1960 und danach: Die „Entsäulung“ beginnt

Mitte der 1960er Jahre durchlief die niederländische Gesellschaft große Veränderungen. Jugendbewegungen, die Abkehr vom religiös bestimmten Leben (Säkularisierung), Individualisierung, offener Protest gegen die etablierten Gruppen und Parteien führten langsam aber sicher zur „Entsäulung“. Eine der Konsequenzen für die Zeitungen war, dass Färbungen wie reformatorisch, katholisch oder calvinistisch an Bedeutung verloren. Zum anderen gewannen die Meinungsmagazine (opinieweekbladen), die sich in die politischen Diskussionen einmischten, Einfluss und Leser. Die Meinungsseite, die heute zum Profil jeder Zeitung gehört, wurde damals geboren. Nicht unterschätzt werden darf auch die Konkurrenz des Mediums Fernsehen. Seit 1967 entzog es der Zeitung Werbekunden durch die Einführung der Stichting Ether Reclame (Ster), sein Status als Unterhaltungsmedium Nummer eins hatte (und hat) negativen Einfluss auf das Leseverhalten.

Im Gegenzug führten die Zeitungen Marktforschung in größerem Maßstab ein und konzentrierten sich auf die Bedürfnisse ihrer Leser. Aufgegangen ist diese Strategie vor allem bei den regionalen Zeitungen, bei denen Regionalnachrichten nun den Sprung auf die Titelseite schafften. Zudem etablierte sich die Zeitung als das Medium, das die Hintergründe des aktuellen politischen Geschehens beleuchtet. Der wirtschaftliche Druck sollte dennoch bald Auswirkungen auf die Vielfalt der Presselandschaft haben. Ende der 1960er Jahre fand eine erste Fusionswelle unter den Tageszeitungen statt, der bekannteste Fall sind hier Trouw und Het Kwartet (1966). Einst erfolgreiche Titel wie Het Vrije Volk und De Tijd verschwanden vom Markt.

Auch gab es Konzentrationen unter den Zeitungsverlagen (Stichwort: persconcentratie, dt.: Konzentration der Presse): Hielten im Jahr 1955 die vier größten Verlage 25 Prozent des nationalen Zeitungsmarktes, so stieg ihr Anteil bis 1977 auf 56 Prozent.

Neue Steuerungsinstrumente

Um diese Entwicklung zumindest zu verlangsamen und die Meinungsvielfalt zu stützen, wurde im Jahr 1974 der Bedrijsfonds voor de pers (dt.: Betriebsfonds für die Presse) gegründet. Er sollte Zeitungen, deren Existenz akut bedroht ist, unterstützen. Das in den 1970ern eingeführte Redaktionsstatut leistete ebenfalls einen Beitrag zur journalistischen Unabhängigkeit der Redaktionen vom Verlag. Es legte das Profil der Zeitung beziehungsweise des Magazins sowie die Nichteinmischung des Verlags in redaktionsinterne Angelegenheiten und das Mitspracherecht der Redaktion bei der Wahl eines neuen Chefredakteurs fest. Den Trend zu immer größeren Medienkonzernen haben die Maßnahmen nicht stoppen können. Die größten Konzentrationsbewegungen hat es in den letzten 20 Jahren gegeben.

Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt:
August 2005
Aktualisiert: Juni 2015, André Krause