II. Historische Entwicklung der Presselandschaft

Vom 17. bis zum späten 19. Jahrhundert

Wann genau in den Niederlanden die erste Zeitung erschien, ist nicht mehr genau zu rekonstruieren. Fest steht, dass sie sich aus handgeschriebenen Nachrichtenbriefen und gedruckten Flugblättern entwickelt hat. Allen voran in Handelszentren wie Amsterdam in der Provinz Holland war man auf Informationen – besonders auf Wirtschaftsnachrichten und politische Neuigkeiten aus anderen Ländern – angewiesen. Die in Amsterdam erschienene Courante uyt Italien, Duytslandt, &c. ist wohl das erste Blatt, das die wesentlichen Merkmale einer Zeitung auf sich vereint: Es erscheint regelmäßig, ist aktuell, beinhaltet nicht spezialisierte Information und ist für jedermann erhältlich.

Die ältesten Exemplare gehen auf das Jahr 1618 zurück. Caspar van Hilten, der Herausgeber der oben erwähnten Courante uyt Italien, Duytslandts, &c., gab wöchentlich zwei Ausgaben heraus, um seiner Konkurrenz in puncto Aktualität einen Schritt voraus zu sein. Auch in anderen Städten – Haarlem, Den Haag, Utrecht, Rotterdam, Arnheim, Delft und Leiden – entstanden im 17. Jahrhundert die ersten Zeitungen. Dazu zählten auch Blätter französischer, spanischer und jüdischer Religionsflüchtlinge. Obwohl die Zahl der Leser zunächst klein war, stieg die Anzahl der Ausgaben mancher Blätter auf bis zu drei pro Woche. Von Pressefreiheit konnte allerdings noch keine Rede sein. Immerhin konnten Herausgeber nur mit Erlaubnis ihres Stadtmagistrats oder Landesfürsten ihre Arbeit tun. Dafür mussten sie auch noch eine Gebühr entrichten. Staatliche Autoritäten übten zudem präventive Zensur aus. Dies führte nicht zuletzt dazu, dass die Zeitungen hauptsächlich Nachrichten aus dem Ausland – zum Beispiel Berichte vom sogenannten Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) – abdruckten. Trotzdem sind zahlreiche Fälle vermeldet, in denen Verbote umgangen oder schlichtweg ignoriert wurden. In diesem Zusammenhang ist exemplarisch auf Frankreich zu verweisen: Dem Reich der katholischen Bourbonen waren die Zeitungen der in den Niederlanden lebenden protestantischen Hugenotten ein Dorn im Auge. Daraufhin verboten die Staten van Holland alle französischen Zeitungen. Allerdings setzte eine von ihnen in Leiden ihre Arbeit ohne strafrechtliche Konsequenzen fort.

Erste Veränderungen

Erste politische Auseinandersetzungen mit beziehungsweise in der Presse fanden erst am Ende des 18. Jahrhunderts statt. Im Zuge der Aufklärung gründeten Angehörige von Bürgertum und niederem Adel Blätter, in denen sie gegen die Royalisten polemisierten. Zum ersten Mal entstand das, was man heute als opiniebladen (im Deutschen: Meinungsblätter) bezeichnen würde. Diesen Anfängen einer unabhängigen Presse machte der Adel durch auflagenstarke Propagandablätter und Strafverfolgung ein Ende. Nun begann für die Presse eine dunkle Zeit. Vor allem unter König Lodewijk Napoléon (1806 bis 1810) wurde sie strenger Zensur unterworfen. Zwar versprach Artikel 16 der Verfassung von 1798 das Recht auf freie Meinungsäußerung. Praktisch waren die Zeitungen allerdings mundtot. Sie mussten ihre Nachrichten sogar zweisprachig publizieren. Offene Kritik konnte mit hohen Geldstrafen, Gefängnis und Auspeitschen geahndet werden. Hinzu kam eine Steuer (dagbladzegel) auf jede verkaufte Ausgabe. Darüber hinaus wurden die Kosten für Anzeigen durch die Autoritäten angehoben. Auch als Willem I (1813/15 bis 1840) die Herrschaft 1813 übernahm, änderte sich nicht viel für die Publizisten. Erst die Diskussion über die Unabhängigkeit Belgiens sorgte für ein offeneres Klima: Liberale und Konservative stritten in ihren Organen über die mögliche Abspaltung des Südens. Nach 1830 begann ein Emanzipationsprozess in den Niederlanden, der auch die Entwicklung der Presselandschaft prägte: Das Bürgertum wuchs und verlangte Mitspracherechte. Die bisher zurückhaltenden Katholiken schalteten sich in politische Diskussionen ein.

Auf dem Weg zur echten Pressefreiheit

Zwei entscheidende Jahre des 19. Jahrhunderts sind 1848 und 1869. Im Jahr 1848 wurde die Pressefreiheit nämlich endgültig Teil der Verfassung und des öffentlichen Lebens. Im Jahr 1869 wurde die oben erwähnte Zeitungssteuer abgeschafft. Zusammen mit der Einführung der Schulfreiheit (1848) bildeten sie das Fundament für die Geburt der Zeitung als Massenmedium. Rotterdam, Amsterdam und Den Haag wuchsen zu den wichtigsten Pressezentren des Landes heran. Doch auch in den Städten außerhalb der heutigen Randstad – man denke zum Beispiel an Groningen und Leeuwarden – wuchs eine politisch vielstimmige Presselandschaft heran.

Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt:
August 2005
Aktualisiert: Juni 2015, André Krause