IV. Zwischenperiode: Zeitungen in der Besatzungszeit

Der Großteil der schreibenden Journalisten ist in der Besatzungszeit von 1940 bis 1945 nicht in den Untergrund gegangen. Sie arrangierten sich nämlich mehrheitlich mit der neuen Situation. Zu dieser Haltung mag der Umstand, dass die Deutschen erst schrittweise eine repressive Pressepolitik einführten, beigetragen haben. Im ersten Jahr bestand weder eine präventive Zensur noch Zwang zur Propaganda. Im Jahr 1941 legten die Deutschen Verbote und Gebote für die Presse in einem Beschluss (Journalistenbesluit, im Deutschen: Journalisten-Beschluss) fest. Dazu zählten:

  • die Pflicht zur Mitgliedschaft im Verbond van Nederlandsche Journalisten (dt.: Verband niederländischer Journalisten)
  • die Androhung von Geldstrafe oder Berufsverbot bei Verstoß gegen die „guten Sitten“
  • die Verpflichtung der Presse, nun ausschließlich den Interessen der „Volksgemeinschaft“ zu dienen.

Da die Presselandschaft der Niederlande dezentral strukturiert war, verboten die Deutschen die meisten Zeitungen. Sie waren nämlich schlichtweg nicht kontrollierbar. Vertreter deutscher Instanzen versuchten, in täglichen Konferenzen mit den Chefredakteuren der großen Zeitungen deren politische Ausrichtung zu beeinflussen. Viele Chefredakteure leisteten Widerstand, wurden aber nach dem Jahr 1941 durch Mitglieder des NSB, der niederländischen nationalsozialistischen Partei, ersetzt. Die Gleichschaltung ließ sich nicht aufhalten.

Die illegale Presse

Auffallend ist, dass sich schon im Jahr 1940 eine ideologisch breitgefächerte, illegale Presselandschaft bildete. Daran waren nicht nur Zeitungsautoren beteiligt, sondern auch junge Idealisten, die die Bevölkerung warnen und aufrütteln wollten. Zu großen Auflagen von 100.000 und mehr gelangte sie aber erst nach dem Jahr 1942, als das Bild der Deutschen endgültig ins Negative kippte. Der Russlandfeldzug, Verfolgung und Deportation der Juden, die blutige Niederschlagung von Protesten – das alles prägte sich ins öffentliche Gedächtnis ein und verschaffte den illegalen Zeitungen neue Leser. Hilfe erhielten ihre Macher zum Teil aus der legalen Presse, die Teile der Auflagen nachts druckte, aber auch aus einem Netz von Sympathisanten und freiwilligen Helfern, die für die Verbreitung sorgten. In den Zeitungen berichteten die Journalisten über Entwicklungen an der Front und Pläne der Exilregierung. Daneben entsprang sich eine Diskussion über die Zukunft der niederländischen Gesellschaft nach dem Krieg. Drei Titel aus dieser Zeit sind noch heute an jedem Kiosk erhältlich: Vrij Nederland, Trouw und Het Parool.

Bei den Lesern erfreuten sich beide Seiten großer Beliebtheit. Die Treue zu ihrem „Hausblatt“, sofern es nicht durch die Nationalsozialisten verboten worden war, sorgte für hohe Abonnentenzahlen bis zum Kriegsende – sogar in Zeiten der Papierknappheit. Schließlich fand sich in der gleichgeschalteten Presse neben offizieller Propaganda auch normale Lokal- und Sportberichterstattung sowie Tauschbörsen und Information über Rationalisierung von Lebensmitteln. Nur de Volkskrant, die nach der Gleichschaltung 1941 über 95 Prozent ihrer Abonnenten verlor, musste den Betrieb zunächst einstellen.

Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt:
August 2005
Aktualisiert: Juni 2015, André Krause