III. Das Stillleben

Blumenstillleben (um 1619) von Ambrosius Bosschaert
Blumenstillleben (um 1619) von Ambrosius Bosschaert
© Ambrosius Bosschaert

Im Stillleben werden natürliche und künstliche Objekte durch unterschiedliche Anordnungen und Kombinationen quasi einer malerischen und zugleich moralischen Ausdeutung unterzogen. Die Themen der Stilllebenmalerei sind vielfältig, lassen jedoch folgende Gattungen erkennen: Blumensträuße, gedeckte Tische, Prunk und Raritäten, Vanitas (Vergänglichkeit und Tod), Jagdbeute, Fische mit Muscheln und Perlen. Diese Vielfalt geht unter anderem auf die Beliebtheit der Gattung zurück, denn sie erforderte wiederum eine Spezialisierung der Werkstätten.


Wie auch bei den anderen Bildgattungen der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts ist der Gedanke hinter dem Motiv die belehrende und sinnhafte Deutung des Bildgegenstandes. Die einzelnen Motive sind oft emblematisch zu lesen; ein Deutungsschwerpunkt liegt in der Mahnung an die Vergänglichkeit, was sich jedoch nicht selten als Feigenblatt für eine gewisse Freude am Luxus und am Prunk entpuppt.

Ambrosius Bosschaert (1573-1621) ist einer der herausragenden Blumenstillleben-Maler seiner Zeit. Blumenarrangements vereinen mehrere Aspekte, die in abgewandelter Form auch für die anderen Stilllebengattungen gelten: Von Bedeutung ist beispielsweise, welche Blumen in welcher Kombination angeordnet sind: Nelken (= kleine Nägel) können an die Kreuzigung und Passion Christi gemahnen, ebenso blutrote Rosen mit Dornen. In anderen Zusammenhängen kann die Rose aber auch Bezug auf mariologische Symbole nehmen. Von Belang ist, ob die abgebildeten Blumen überhaupt zur selben Zeit in Blüte stehen können. Wenn ja, deuten sie auf die Allegorie einer bestimmten Jahreszeit, wenn nein, deuten sie auf einen utopischen Zustand der Welt, womit gemeinhin das Paradies gemeint ist.

Großes Stillleben mit Vogelnest (2. Viertel 17. Jh.) von Jan Davidsz de Heem
Großes Stillleben mit Vogelnest (2. Viertel 17. Jh.) von Jan Davidsz de Heem
© Jan Davidsz de Heem

Exotische Blumen und Früchte deuten entweder auf Reichtum und Luxus (Raritäten) oder auf weitreichende Handelsbeziehungen in ferne Länder. Raupen und Schmetterlinge verstärken nicht nur den illusionistischen Effekt, sondern verkörpern die Metamorphose, den Wandel vom Hässlichen zum Schönen. Als Schmetterlinge verbildlichen sie zugleich Vergänglichkeit von Schönheit, aber auch Unstetigkeit und Wankelmut, denn unermüdlich gaukeln sie von einer Blüte zur Nächsten. Kleine Käferchen in feinsten und prächtigsten Ausführungen zeugen vom exzellenten Naturstudium des Künstlers, der sich überdies mit der botanischen Genauigkeit seiner Darstellung schmückt, und variieren das Thema des Schmetterlings. Ein Beispiel dieser feinmalerischen Kunstfertigkeit bietet Jan Davidsz. de Heem. Gräser und Ähren erinnern daran, dass die Natur die Menschen ernährt.

Jagdstillleben mit detailgetreu dargestelltem erlegten Wild - Hasen, Fasane -, Waldhorn und Büchse vermitteln im Prinzip die gleiche Botschaft von Vergänglichkeit und Luxus, jedoch in den Worten einer anderen Sprache, mit anderer Metaphorik.

Desgleichen sind Musikstillleben, Fisch- und Früchtestillleben und Darstellungen üppig gedeckter Tafeln zu lesen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts nimmt die Freude an der detailreichen und prunkvollen Darstellung der immer üppiger angeordneten Gegenstände zu. Dunkle Hintergründe und raffinierte Lichtführung auf das Arrangement von Kostbarkeiten zeugen davon, dass die sittliche Mahnung oft hinter die repräsentative Funktion des Gemäldes zurücktritt.

Autorin: Beatrix Zumbült
Erstellt: Juni 2005