IV. Das Portrait

Portrait der Aeltje Uylenburgh (1632) von Rembrandt
Portrait der Aeltje Uylenburgh (1632) von Rembrandt
© Rembrandt

Die Portraitmalerei erfährt in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts eine deutliche Veränderung im Vergleich zu vorangegangenen Jahrhunderten. Unter dem Begriff des Portraits sind für das 17. Jahrhundert etwas andere Idealvorstellungen zu denken, als für heute. Stehen in der Gegenwart vielleicht die Aspekte der Personenähnlichkeit oder doch zumindest die Augenfälligkeit des individuellen Charakters der dargestellten Person im Vordergrund, so müssen für das 17. Jahrhundert andere Prioritäten und Funktionen des Portraits angenommen werden. Noch im 16. Jahrhundert konnte ein Portrait tatsächlich die Funktion besitzen, die dargestellte Person in Abwesenheit geistig sozusagen zu vertreten. Daneben kam dem Bildnis außerdem die Funktion zu, den Status und auch die Bildung des Dargestellten vor denjenigen herauszustellen, die die Wirkstätte des Portraitierten besuchten. Dies konnte z.B. die gute Stube eines großbürgerlichen Wohnhauses sein, das Rathaus, ein Amtssitz, ein Handelshaus, ein Altenstift, der Versammlungssaal einer Gilde oder natürlich ein Adelssitz, in jedem Fall aber ein öffentlicher oder repräsentativer Ort. Je nach dem, welchen Zweck ein Auftraggeber mit seinem Bildnis verfolgen wollte, ließ er seine moralischen, materiellen, institutionellen, ideellen oder geistigen Vorzüge in den Vordergrund stellen. Eine gewisse Entscheidung hatte er dabei schon bei der Wahl seines Malers zu treffen, denn jeder war jeweils bekannt für bestimmte Darstellungsweisen. Stellte beispielsweise der eine ganz die Physiognomie und die Figur des Portraitierten in den Vordergrund, indem er auf Hintergründe beinah verzichtete, sie extrem reduzierte, den Figuren außer der Kleidung keine Attribute beigab und sie nur durch Mimik, Blickwendung und Gestik 'sprechen' ließ (z.B. Frans Hals oder Rembrandt), so war der andere darauf spezialisiert, den oder die Dargestellten in die üppigste Kulisse zu verfrachten oder ihn in prachtvollen und exotischen Kostümen zu präsentieren (z.B. van Dyck, Rubens, aber auch Rembrandt).

Bei den Portraits unterscheidet man in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts grob gesagt Einzel-, Ehe- und Gruppenportraits. Eine bedeutende Untergruppe der Einzelportraits stellen die Selbstbildnisse der Künstler dar, die oftmals als eine Art Versuchsfeld und auch eine 'Werbefläche' für prospektive Auftraggeber fungierten (zum Beispiel: radiertes Selbstportrait von Rembrandt und gemaltes Selbstportrait von Rembrandt) Auf der anderen Seite sind uns heute aber auch sehr charakteristische Bildnisse überliefert, die zwar sehr wohl eine physiognomische Personenähnlichkeit mit einem meist anonymen Modell aufweisen, aber offenbar nicht als Portraits intendiert waren. Vielmehr dienten die gemalten Personen z.B. einer Allegorie (z.B. die Floradarstellungen von Rembrandt, der Geograph von Vermeer, die 'Malle Babbe' von Frans Hals) oder als 'Studienobjekt' für einen bestimmten Gesichtsausdruck, für ein Kostüm, für einen bestimmten Figurentypus oder für ein Kompositionsensemble. Dies bedeutet nun nicht, dass die Maler ihre 'anonymen' Bildnisse nicht verkauft hätten, diese Gemälde konnten ebenso gut als 'ein echter Rembrandt' oder 'ein echter Frans Hals' beispielsweise den guten Geschmack ihrer Besitzer herausstellen wie andere Motive ihrer Schöpfer. Solche Bildnisse sind jedoch keine Portraits im eigentlichen Sinne und werden daher ausgeklammert.

Bildnis des Willem van Heythuysen (1625) von Frans Hals
Bildnis des Willem van Heythuysen (1625) von Frans Hals
© Frans Hals

Ganzfigurige Portraits, wie sie sowohl bei Frans Hals, Rembrandt und Anthonis van Dyck zu finden sind, (vgl. z.B. Frans Hals: Bildnis des Willem van Heythuysen) waren bis zum 17. Jahrhundert prinzipiell herrscherlichen Auftraggebern vorbehalten. Dass sich nun reiche Kaufleute und Mitglieder des niederen Adels in dieser Form und Pose darstellen ließen, zeugt vom wachsenden Selbstbewusstsein des gehobenen Bürgertums. Repräsentative und großformatige Bildnisse wie unser Beispiel von Frans Hals stellen sehr viel mehr als die individuelle Physiognomie den Reichtum und die gesellschaftliche Bedeutung des Dargestellten in den Vordergrund: Die herrscherliche Pose, die ruhende Rechte auf dem Schwertknauf, der breitkrempige Hut, der kostbar gewirkte schwarze Stoff der Kleidung und die feine Spitze an Ärmeln und Halskrause sind Zeichen des materiellen Reichtums und des gesellschaftlichen Einflusses. Die Darstellung der Figur in leichter Untersicht wirkt überdies monumental; der Ausblick in eine barocke, fast höfische Gartenanlage tut ein Übriges.

Mit ganz anderem Schwerpunkt portraitierte Rembrandt den Mennonitenprediger Cornelis Anslo mit seiner Frau Aeltje. Zwar wird die monumentale Größe des Gemäldes den Betrachter ebenfalls beeindruckt haben, und sicher hatte das Ehebildnis auch repräsentative Funktion, doch Rembrandt betont mit dem dunklen, zurückgenommenen Hintergrund die Gestik und Mimik der beiden einander zugewandten Ehepartner. Er reduziert das Bildinventar auf wenige entscheidende Gegenstände und zielt mit der Betonung der sprechenden Gestik des Mannes und der lauschenden Mimik der Frau auf den Beruf und die besondere persönliche Eigenschaft der Portraitierten: Anslo war bekannt für seine Rede- und Predigerkunst.

Anthonis van Dyck schließlich nimmt in zahlreichen seiner berühmten Brustbildnisse beinah jegliche Hintergrundgestaltung zurück und lässt die Gesichter der Portraitierten vor dunkler Farbe und von dunkler Kleidung umgeben hell und differenziert aufleuchten (z.B. bei dem Bildnis des Bildhauers François Duquesnoy).

Selbstportrait mit Isabella Brant in der Geißblattlaube (um 1609) von Peter Paul Rubens
Selbstportrait mit Isabella Brant in der Geißblattlaube (um 1609) von Peter Paul Rubens
© Peter Paul Rubens

Typisch für die niederländische Portraitmalerei sind die sogenannten Ehebildnisse, bei denen die beiden Ehegatten - zumeist auf zwei getrennten Tafeln - im Bezug aufeinander dargestellt werden. Die Gattung des Eheportraits gab es in den Niederlanden bereits früher, im 15. und 16. Jahrhundert (z.B. bei Quentin Massys: Portrait des Bankiers mit seiner Frau, 1514), aber sie gewann im 17. Jahrhundert an Bedeutung und wurde auch differenzierter ausgearbeitet. Das Bildnis den Mennonitenpredigers Anslo von Rembrandt ist bereits ein Beispiel dafür, dass die Ehepartner zunehmend auf einer Tafel bzw. einer Leinwand dargestellt wurden, denn so konnte die spezielle Beziehung zwischen den Eheleuten durch vielfältigere Möglichkeiten in der Darstellung der Körpersprache ausgedrückt werden. Berühmt geworden ist die sogenannte 'Geißblattlaube' von Peter Paul Rubens aus dem Jahr 1609. Dort stellt der Künstler sich selbst zusammen mit seiner Gemahlin dar. Das Gemälde zeigt die beiden Eheleute insofern der klassischen Form gehorchend, als der Mann zur Rechten der Frau und überdies leicht erhöht sitzt. Aber dadurch, dass die Frau diejenige Figur ist, die den Betrachter direkt anblickt, wird die Aufmerksamkeit auf beide Figuren gleichmäßig verteilt. Isabella senkt nicht den Blick demütig zu Boden, und sie blickt ihren Gatten auch nicht an (wie dies z.B. bei Rembrandts Bildnis der Eheleute Anslo der Fall ist), so dass sie - in der Statur noch durch den hellen Hut vergrößert - , neben ihrem Gemahl gleichrangig erscheint. Die Verbindung der beiden wird durch die ineinander gelegten Hände im Zentrum des Kreises, der sich durch die Körperumrisse der beiden Figuren ergibt, betont. Es ist das erste Ehebildnis in Europa, das eine emotionale Bindung zwischen den Eheleuten sichtbar macht. Rubens zeigt sich und seine Frau in vornehmer und kostbarer Kleidung, womit er sicher nicht nur seinen materiellen Reichtum und damit sein Selbstbewusstsein als Künstler herausstellen möchte - Rubens war längst in Italien gewesen und hatte dort für zahlreiche Fürstenfamilien lukrative Aufträge bearbeitet. Vermutlich hat auch dieses Gemälde, da es im Besitz der Familie verblieb, eine gewisse 'Werbefunktion' für die Werkstatt in Antwerpen gehabt.

Autorin: Beatrix Zumbült
Erstellt: Juni 2005