V. Landschaftsmalerei und Seestücke

Ansicht von Delft (um 1660) von Jan Vermeer
Ansicht von Delft (um 1660) von Jan Vermeer
© Jan Vermeer

Ähnlich wie bei den Gattungen Portrait und Genre kommt es den Künstlern in der niederländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts zunächst nicht darauf an, einen gegebenen Landstrich naturgetreu abzubilden. Auch der Landschaft kommt eine bestimmte symbolische Bedeutung zu, und sie ist, ähnlich wie ein Stillleben, zu lesen und zu entschlüsseln. Eine tatsächlich vorhandene Topographie kann allerdings die Grundlage für die tiefer greifende 'Botschaft' eines Gemäldes darstellen. Erst vor Ende des dreißigjährigen Krieges wurde die typische flache niederländische Landschaft, auch Rheinlandschaften, bildwürdig, u.a. weil sie ein Thema von 'nationalem' Interesse darstellte und nicht selten vom Stolz auf einheimische technische Errungenschaften kündet, wie vom Deichbau, den Poldergebieten und den Entwässerungsgräben. Ähnliches gilt für Stadtansichten - sie sind in gewisser Weise ebenfalls als 'Landschaften' anzusehen - , die, wie aus der Ferne betrachtet, unter tiefem Horizont in eine weite Landschaft eingebettet sind, oft von der See aus oder über einen Fluss hinweg betrachtet (z.B. Jan Vermeers: Ansicht von Delft). Diese zeugen vom Stolz der Stadtbürger auf die Prosperität ihrer Stadt; ein gewisses Eigenlob ist dabei nicht zu leugnen, denn es waren ja die Händler und Kaufleute, die ihre Städte zu dieser Blüte führten. Da aber im Glauben des Calvinismus der Wohlgefallen Gottes durch Reichtum der Gläubigen, also die Früchte harter Arbeit, offenbar wird, fanden die Auftraggeber dieser Bilder sicher nichts Hochmütiges dabei, den Reichtum ihrer Städte in Gemälden darstellen zu lassen, denn auch dieser musste von der Gnade des Herrn künden.

Das Besondere der Landschaftsmalerei ist im 17. Jahrhundert nicht so sehr die Gestaltung der Gattung - wenngleich auch diese nicht unbedeutend ist - als vielmehr die Gattung selbst: Dass die einheimische Landschaft oder die See eines eigenständigen Bildmotivs nämlich überhaupt für würdig erachtet wird, ist eigentlich erst eine Errungenschaft des 17. Jahrhunderts. Trotz allem war im 17. Jahrhundert selbst die Landschaftsmalerei nicht so hoch angesehen wie die anderen Bildergattungen. Sie rangierte auf einer der unteren Stufen. Für diejenigen Künstler, die sich auf die Gestaltung von Landschaften spezialisiert hatten, war es daher schwierig an Aufträge aus hochgestellten Gesellschaftsschichten zu kommen. Dazu Hans-Joachim Raupp: "Gerade für Landschaftsmaler waren Mäzene und offizielle Aufträge in der Regel unerreichbar. Der Statthalterhof, die Generalstaten, die Kommunen und die öffentlichen Institutionen bestellten für ihre Residenzen und Amtssitze oder als Staatsgeschenke Historienbilder, gerne auch Bilder heroischer Ereignisse zur See, von denen die Marinemaler sehr profitierten, desgleichen Blumenstilleben und Architekturbilder mit kunstvoller Perspektive, aber kaum Landschaften. [...] Durchschnittlich waren die Bilder einheimischer Landschaften am billigsten, während man für Seestücke im Durchschnitt das Doppelte, für italienische Landschaften sogar das Dreifache zu zahlen hatte, wobei natürlich Format und Künstlername eine Rolle spielten."[1]

Berglandschaft (1601) von Joos de Momper
Berglandschaft (1601) von Joos de Momper
© Joos de Momper

Es hängt mit der Zeichnung, der Druckgraphik und der Reiseliteratur zusammen, dass die Landschaft als Bildthema in die Malerei Einzug hielt. Zunächst galten italienische bzw. italianisierende Landschaften (Berge, Ruinen, südliches warmes Licht; Vertreter: z.B. Claes van Berchem 1620-1683) als heroischer und damit bildwürdiger, weil darin Reisende und Pilger untergebracht werden konnten, die der oft idealisierten Landschaft ihr Deutungsmuster gaben: Vereinfachend ausgedrückt war es das alte Thema der 'Pélérinage de la vie humaine', das heißt die Reise, die Pilgerfahrt des Menschen durch die Fährnisse des Lebens, bei der die Versatzstücke der Landschaft symbolisch zu deuten sind. Ruinen, abgestorbene Baumstümpfe, zerklüftete Felsen, Wolkenbilder, Schluchten und grüne Täler waren moralische Sinnbilder des Werdens und Vergehens. Durch raffinierte Farbgebung - erdige Töne im Vordergrund, grüne und blaue Töne in Mittel- und Hintergrund - suggerieren die Maler große Raumtiefe und gestalten mit dieser sog. Luftperspektive starke Sogwirkung bis zum Horizont. Der Blick des Betrachters wird durch die Komposition der Landschaft in leichter Aufsicht und durch die Farbgebung in die Tiefe des Raumes gelenkt (z.B. Joos de Momper, Landschaft, Madrid, Prado). Sowohl in der flämischen als auch in der holländischen Landschaftsmalerei zeigt sich ein heute sonderbar anmutendes Phänomen: Die Figurenstaffage in der Landschaft wurde oft von einem zweiten Künstler gemalt, der sich eben auf Figurenmalerei spezialisiert hatte. (So z.B. in der Landschaft von Jacob Ruisdael, in der die Figuren von Adriaen van de Velde stammen.) Besonders Peter Paul Rubens ist für seine 'Gemeinschaftswerke' mit anderen Künstlern (z.B. dem sog. 'Samt-Brueghel' bzw. 'Blumen-Brueghel' (Jan Brueghel d.Ä.) bekannt, in deren Landschaften er seine Figuren integrierte.

Längst nicht alle Maler, die italienische Landschaften darstellten, waren selbst in Italien gewesen; Landschaftsgemälde entstanden bis in das 19. Jahrhundert hinein - abgesehen von den vorbereitenden Zeichnungen - im Atelier des Malers. Es war gerade die topographische Vielfalt, die diesem Bedürfnis nach Deutung Grundlage bot; wieviel schwieriger in Deutung und Gestaltung mussten sich da niederländische und flämische Landschaften ausnehmen, die doch 'nur' flach und wolkenverhangen waren. Jan van Goyen (1596-1656) jedoch schuf dramatische und stimmungsvolle Kompositionen mit tiefem Horizont und aufgewühlten Wolkenformationen.

Schiffe im Sturm (1667) von Ludolf Bakhuizen
Schiffe im Sturm (1667) von Ludolf Bakhuizen
© Ludolf Bakhuizen

'Dankbarer' im Hinblick sowohl auf Bedeutungstiefe als auch auf Prestigeträchtigkeit konnten da Seestücke sein. Bot die aufgewühlte oder spiegelglatte See dem Maler die Möglichkeit, sein ganzes Können im Hinblick auf Lichtreflexe, Himmelsspiegelungen, Gischt und sanfte Wogen zu demonstrieren, konnten die auf dem Wasser befindlichen Schiffe - oft Kriegsfregatten, aber auch große Segelschiffe - detailgetreu und üppig ausgestattet werden, um die niederländische Vorreiterrolle in der Seefahrt, Marine wie Handelsmarine, herauszustellen. Wie schon in der Landschaftsmalerei konnte die Wetterlage, der Seegang Sinnbild für stürmische oder ruhige Lebensabschnitte oder Situationen sein, wobei dem Schiff oder den Schiffen die Rolle derjenigen zukam, die sich in der Situation wie auch immer zu bewähren hatten (z.B. Ludolf Bakhuizens Sturm an der Küste Norwegens; Brussel) Selbst wenn die Bilder dabei historische Seeschlachten darstellen, kann ihnen kaum dokumentarischer Charakter beigemessen werden, denn die Szenen sind, wie jedes Bild des 'Gouden Eeuw' kunstvoll inszeniert, auch um z.B. den Vorstellungen des Auftraggebers gerecht zu werden. Wie für alle anderen Bildgattungen betätigten sich ebenfalls für die Marinemalerei Spezialisten auf dem Kunstmarkt.


[1] Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Landschaften und Seestücke, Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung, Münster 2001, S. 4.

Autorin: Beatrix Zumbült
Erstellt: Juni 2005