IX. Reichtum und Luxus

Die niederländische Gesellschaft ist durch ein starkes Gleichheitsbewusstsein geprägt. Wenn man über besondere Begabungen, Qualifikationen oder einen Haufen Geld verfügt, ist es nicht üblich, dies zu zeigen. Ein Abschluss an einer  berühmten Universität? Da wird man doch gleich misstrauisch. Mal sehen, ob der kluge „Student“ auch wirklich soviel drauf hat. Ist der Student jedoch klug genug, nicht mit seinem Diplom hausieren zu gehen, werden seine neuen Kollegen dies zu schätzen wissen. Er braucht sich ja nur an die üblichen Formulierungen zu halten: „Vielleicht könnte man…“, „Wäre es nicht eine gute Idee, wenn…“, etc.

Dieses Gleichheitsbewusstsein und die damit verbundene Bescheidenheit sind eng mit der Tradition des Kalvinismus verbunden: Es wird erwartet, dass die Gläubigen Gott gegenüber eine demütige Haltung einnehmen, sich jederzeit offen zu ihrem Glauben bekennen und füreinander einstehen. Dik Linthout führt aus: „Dieses Mitverantwortlichsein für die anderen führte zu sehr vertraulichen und intensiven Umgangsformen, zu Nachbarschaftshilfe und Nachbarschaftskontrolle – die Offene-Gardinen-Kultur ist ein Beispiel dafür.“

Doe maar gewoon, dan doe je al gek genoeg ist eine der bekanntesten niederländischen Maximen – benimm dich normal, das ist schon verrückt genug. Bescheidenheit und Zurückhaltung sind die Norm. Dies ist auch den Deutschen anzuraten, die mit Niederländern zu tun haben. Gerade im informellen Gespräch tun sich hier oft Abgründe auf. Etwa wenn der deutsche Geschäftsbesuch von seinem neuen Eigenheim erzählt, mit Sauna im Keller und großem Garten. Viele niederländische Häuser haben gar keinen Keller, und so ein unnötiger Luxus wie eine Sauna ist fast schon verdächtig. Hier macht sich die kalvinistische Zurückhaltung bemerkbar. Zwar ändern sich die Dinge langsam, aber es gehörte lange Zeit zum guten Ton, bescheiden zu wohnen. Und es ist traditionell unüblich, über den eigenen Besitz zu sprechen.

Teure Autos, Luxusvillen und Schmuck gelten in den Niederlanden schnell als protzig, Luxusartikeln haftet schnell der Makel des Ordinären an. Rolex-Uhren tragen nur Neureiche, und ein Mercedes-Cabrio, ach, das passt doch eher zu einem Nachtclubbesitzer. Man stolziert auch nicht sonntags nachmittags mit Hut, Pelz und passendem Hündchen durch die Stadt, wie das zum Beispiel in einigen rheinischen Städten üblich ist. Wenn sonntags auf der Düsseldorfer Königsallee die herausgeputzten Damen aus ihren Jaguars steigen und an den Schaufens-tern entlang stöckeln, ist das für Niederländer zumindest ungewohnt. Und das liegt nicht daran, dass man dort keine Sonnenbänke kennt.

Nun macht Geld ausgeben natürlich auch in den Niederlanden Spaß, und besonders qualifizierte Mitarbeiter sind ein Gewinn für das ganze Unternehmen. Was zählt, ist die Zurückhaltung: Es kommt gut an, wenn man wenigstens so tut, als sei man bescheiden.

Autorin: Ute Schürings
Erstellt:
Januar 2008