XIII. Deutsch-niederländische Beziehungen im Wandel

Rund um die deutsch-niederländischen Beziehungen sind unzählige Klischees und Vorurteile im Umlauf, die einem besseren Verständnis manchmal im Weg stehen. Man stelle sich etwa die eingangs beschriebene Anekdote einmal umgekehrt vor: Ein Deutscher arbeitet seit einer Woche in Amsterdam und sagt zu seinem direkten Untergebenen: „Das ist sehr wichtig, machen Sie das bitte bis morgen fertig.“ Denkt der Niederländer, oh Gott, schon wieder so ein arroganter Deutscher. Und der Deutsche glaubt wahrscheinlich, sein neuer Mitarbeiter wolle ihn boykottieren, weil er etwas gegen Deutsche hat. Dabei handelt es sich einfach nur um eine andere Art, miteinander umzugehen und Aufträge zu formulieren.

Die Ansicht, viele Niederländer seien deutschfeindlich, hört man immer wieder. Was als abweisende Haltung interpretiert wird, entsteht jedoch oft, wie das Beispiel zeigt, durch Kulturunterschiede und unterschiedliche Konventionen.

Und „das“ niederländische Deutschlandbild gibt es natürlich ebenso wenig wie „den“ Deutschen oder „den“ Niederländer. „Das niederländische Deutschlandbild ist weitaus differenzierter, als Deutsche oft meinen“, so Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien an der Universität Münster. Gerade in den letzten 15 Jahren wurde deutlich, dass viele Niederländer mit einer pauschalen antideutschen Haltung nicht einverstanden sind.

Zwei Ereignisse zeigen dies. Als Reaktion auf die Brandanschläge in Solingen hatten 1993 über eine Million Niederländer eine vorgedruckte Postkarte an den deutschen Bundeskanzler geschickt. Darauf stand der Satz: „Ik Ben Woedend!“, Ich bin wütend. Die Deutschen wunderten sich sehr über den erhobenen Zeigefinger der westlichen Nachbarn. Doch die Postkartenaktion rief auch im Land selbst einigen Unmut hervor, viele Niederländer fanden die Aktion ihrer Landsleute ziemlich unpassend – nur schickten sie keine Postkarte, um das Bild zu relativieren.

Ins gleiche Jahr wie die Postkartenaktion fiel die Veröffentlichung der sogenannten Clingendael-Studie. Dieser Untersuchung zufolge haben mehr als 50 % der niederländischen Schüler ein ausgesprochen negatives Deutschlandbild, obwohl nur die wenigsten das Land kennen und sich die Sachkenntnis als sehr beschränkt erwies. Der Tenor lautete dann auch entsprechend: Unbekannt macht unbeliebt. Obwohl die Studie einige methodologische Mängel aufwies und die Ergebnisse in Fachkreisen durchaus umstritten sind, verfestigte sich in Deutschland das Klischee des antideutschen Niederländers. Das lag unter anderem auch an einem ziemlich einseitigen Artikel, der 1994 im Spiegel erschien und in einem larmoyanten Ton den angeblichen niederländischen Deutschenhass beschrieb.

Dabei hatten gerade die Ereignisse 1993 eine rege Debatte ausgelöst. Die Postkartenaktion gilt inzwischen als Negativbeispiel für ein im Land verbreitetes moralisches Überlegenheitsgefühl – das, wie der Historiker Hermann von der Dunk es ausdrückt, die Kehrseite des Bewusstseins der eigenen geringen Größe ist. Die niederländischen Vorbehalte und Vorurteile sind typisch für den Blick auf ein benachbartes, ungleich größeres Land. Das Ganze ist also auch eine Frage der Wahrnehmung: Was bei uns als pauschale antideutsche Haltung ankommt, ist zu einem Gutteil auf innerniederländische Probleme zurückzuführen.

Anfang der 1990er Jahre verstärkte die niederländische Regierung daher ihre Bemühungen, die Kenntnisse über Deutschland auszubauen und eine nuancierte Sicht zu fördern. Schließlich waren und sind die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern ausgezeichnet, ebenso wie die wirtschaftlichen Kontakte. Zusätzlich zu den bereits bestehenden Austauschprogrammen wurden eine Reihe neuer Initiativen ins Leben gerufen: jährliche deutsch-niederländische Konferenzen auf Regierungsebene, eine Reihe neuer Austauschprogramme für Schüler, Studenten und Journalisten, verstärkte Forschung über Deutschland und die deutsch-niederländischen Beziehungen. „Deutschland nach 1945“ avancierte sogar zum Abiturthema im Geschichtsunterricht. Vorher hatte sich der Stoff über Deutschland vor allem auf den Zeitabschnitt 1933 bis 1945 beschränkt – kein Wunder, daß viele Schüler nur wenig ausgeprägte Vorstellungen über den Stand der Demokratie im Nachbarland hatten.

Von deutscher Seite wurden diese Anstrengungen unterstützt. 1995 stattete Helmut Kohl den Niederlanden zwei Besuche ab, und im gleichen Jahr reiste auch Roman Herzog ins Nachbarland. 2001 beteiligte sich der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) an der Finanzierung eines umfangreichen, auf mehrere Jahre angelegten Deutschlandprogramms der niederländischen Regierung. Auch auf Länderebene wurde die Zusammenarbeit erweitert: Seit 1999 betreibt die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen einen gezielten Ausbau der Zusammenarbeit mit der niederländischen Regierung.

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich diese Anstrengungen gelohnt haben. Eine im Jahr 2000 erschienene Studie des Groninger Soziologen Jan Pieter van Oudenhoven hat herausgefunden, dass die Deutschen im Rennen um die Sympathiewerte der Niederländer inzwischen sogar vor den Franzosen und Italienern rangieren. Für diese Entwicklung lassen sich – außer den staatlich angekurbelten Initiativen – auch noch andere Gründe anführen.

Ein wichtiger Aspekt dürfte die lang ersehnte Anerkennung sein, die von deutscher Seite vor allem dem niederländischen „Wirtschaftswunder“ gilt. Gemeint ist das Poldermodell, das eigentlich gar kein Modell ist, sondern ein Name für die Art und Weise, wie in Niederlanden schon seit Jahrhunderten politisch verhandelt wird: Man stimmt sich ab, die verschiedenen Parteien suchen gemeinsam nach einer Lösung und einigen sich auf einen Kompromiss – so auch 1982 in Wassenaar, als Arbeitsgeber und Gewerkschaften miteinander verhandelten und sich auf niedrigere Löhne und mehr Teilzeitarbeit einigten. Konsens lautete hier das Zauberwort, steigende Beschäftigungszahlen waren das Ergebnis.

Die Nachrichtenmagazine Spiegel und Focus widmeten dem Poldermodell 1998 Titelstories, und deutsche Ökonomen wurden auf Bildungsurlaub nach Holland geschickt. Dabei spielte es kaum eine Rolle, dass rund eine Million älterer Arbeitssuchender aus den Statistiken weggeschummelt wurden und das Modell zudem kaum auf Deutschland übertragbar ist.

Ein positiveres Deutschlandbild ist auch der Berichterstattung in der niederländischen Presse zu verdanken, die seit dem Umzug der Regierung nach Berlin ausführlich aus der neuen Hauptstadt berichtet und das Bild eines modernen und vielseitigen Landes vermittelt. In den Wochenendbeilagen der Zeitungen finden sich nun oft große Artikel über Kunst und Kultur in Berlin, glamouröse Hauptstadtevents oder umstrittene Architekturprojekte. Die politische Berichterstattung ist zudem ausgesprochen differenziert, was sich in nuancierten Reportagen über deutschen Rechtsextremismus oder die linke Vergangenheit deutscher Minister äußert. Und die Stadt Berlin genießt bei niederländischen Jugendlichen seit einiger Zeit den Ruf, ein wahres Ausgeh-Mekka zu sein.

Der niederländische Stimmungswandel wird begleitet von einem offeneren Umgang mit der eigenen Geschichte. Als Seefahrer- und Handelsnation ist das Land durch Kolonien und Sklavenhandel reich geworden. Doch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit war bis vor einigen Jahren auf einen kleinen Kreis von Intellektuellen beschränkt. Schon der Sprachgebrauch ist aufschlussreich: Noch bis vor ungefähr zehn Jahren wurde der niederländische Krieg gegen die indonesische Unabhängigkeit selbst in führenden Zeitungen euphemistisch "Polizeiaktion" genannt – die Bezeichnung geht auf die Vorstellung zurück, in den Kolonien hätte damals für Ordnung gesorgt werden müssen. Auch die eigene Rolle während der deutschen Besatzungszeit steht vermehrt zur Debatte, und der Mythos des landesweiten Widerstands ist einem nuancierten Bild gewichen.

Wird jetzt alles gut? Nein. Bei einem derart ungleichen Verhältnis zweier Nachbarstaaten sind die Beziehungen immer durch gewisse Spannungen belastet. Die deutsch-niederländischen Beziehungen sind so eng, dass auf niederländischer Seite leicht der Eindruck von Abhängigkeit entsteht – und dagegen werden sich die Niederländer immer abgrenzen wollen. Diese Abgrenzung ist wichtig für die eigene Identität, und die Entwicklungen in Deutschland werden genauestens beobachtet. „Der niederländische Seismograph reagiert sicherlich empfindlich, manchmal überempfindlich auf Ereignisse im größten Nachbarland“, so Friso Wielenga. „Den anderen großen Nachbarn, die Nordsee, haben die Niederlande allmählich mit hohen Deichen in den Griff bekommen; Deutschland gegenüber haben die Niederländer keine Deiche, sondern eine niedrige Schmerzgrenze, die man aber nicht mit einer pauschal antideutschen Stimmung gleichsetzen darf.“
Reibungen und kleine Irritationen gehören also dazu, und es ist an der Zeit, sich mit der bilateralen Wirklichkeit abzufinden. Aber man kann immer versuchen, den Spannungen und Unterschieden mit Humor zu begegnen. Die Kunst, wohlwollend zu sticheln, sollte man ruhig pflegen: „Wir ärgern uns – in aller Freundschaft“, schlägt Bernd Müller vor.

Autorin: Ute Schürings
Erstellt:
Januar 2008