III. Informeller Umgang

Beide Länder haben ein ganz unterschiedliches Verständnis von Respekt und Höflichkeit. In den Niederlanden gehört es zum höflichen Umgang miteinander, dass man schnell „Du“ sagt und sich nach privaten Dingen erkundigt. Paul Medendorp, ehemaliger Vorstandsvorsitzender einer großen deutschen Versicherung, vermisste in Deutschland, „dass man nicht einfach so bei jemandem ins Büro gehen kann, Kaffee trinkt, die Füße auf den Tisch legt und erzählt, wie das Wochenende war“. In Deutschland erfahre er nie, was die Leute im Urlaub machen.

Nun erzählen sich deutsche Kollegen natürlich sehr wohl, wie der Urlaub war, nur tun sie dies vielleicht nicht gerade im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden. In den Niederlanden gibt es mehr persönlichen Kontakt zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, der Abstand ist kleiner. „In den Niederlanden bewegt sich der Chef problemlos durch die Belegschaft und spricht auch mit der Putzfrau“, so Rita de Ruiter von der niederländischen Botschaft in Berlin. „Jeder zählt mit, auch der Praktikant darf seine Meinung äußern.“

Niederländische Chefs schenken ihren Gästen auch schon mal selbst den Kaffee ein, anstatt dafür die Sekretärin zu bemühen. Es ist nicht üblich, sich etwas auf den eigenen Status einzubilden. Auch auf formelle Bezeichnungen und Titel wird deutlich weniger Wert gelegt als in Deutschland. „Doktor“ nennt man hier nur den Arzt, und der deutsche „Präsident“ ist meist nur ein voorzitter (wörtlich Vorsitzender). Das gilt für den Lion’s Club, aber auch für die deutsch-niederländische Handelskammer. Ein Doktor beispielsweise der Philosophie wird sich am Telefon nie mit seinem Titel melden und auch nie mit „Doktor Sowieso“ vorstellen. Man sollte auch nicht versuchen, mit Hilfe seines Titels vorrangig behandelt zu werden. Wer sich wichtig machen will, muss sich erst recht hinten in der Reihe anstellen.

Generell spielen auch Äußerlichkeiten eine geringere Rolle als in Deutschland, auf Kleidung etwa wird weniger geachtet. Die Niederländer erhalten daher immer den Rat, ihre Schuhe zu putzen, wenn sie einen Termin in Deutschland haben.

Auf ein gutes Arbeitsklima und soziale Kompetenzen wird im allgemeinen großer Wert gelegt. „Der Mensch zählt mehr als die Funktion“, hört man oft. „In Deutschland wird man zunächst beurteilt nach der fachlichen Kompetenz und dem Unternehmen, wo man zuvor gearbeitet hat – dann erst nach Persönlichkeit. In den Niederlanden ist es umgekehrt“, erklärt der Deutsche Hans Ries, der seit über 30 Jahren in den Niederlanden tätig ist. In Deutschland ist der Respekt vor Leistung und Fachkompetenz sehr viel ausgeprägter. Eine Aussage wie „Der ist zwar ein Schweinehund, aber er weiß, wovon er spricht!“ ist in den Niederlanden nur schwer nachvollziehbar.

Bei Arbeitstreffen ist es sehr wichtig, dass sie in einer angenehmen Atmosphäre stattfinden. Jeder soll sich wohl fühlen. „Man will sich zunächst ein bisschen kennen lernen und dann zur Sache kommen“, so Eric Neef, Geschäftsführer einer deutsch-niederländischen „Euregio“-Arbeitsgemeinschaft. Makkelijk met elkaar kunnen omgaan heißt die Devise, unkompliziert miteinander umgehen können. Das schafft Vertrauen.

In den Niederlanden darf und soll auch bei bedeutenden Verhandlungen gelacht werden: Witz und Humor gehören überall dazu und stören die Ernsthaftigkeit keineswegs. Selbst Königin Beatrix hat ihre alljährliche Thronrede schon einmal mit einem Scherz begonnen. Für Deutsche ist das ungewöhnlich und wirkt eher unseriös. Sie lachen dann zwar auch, und der Einzelne mag das Lachen als erleichternd empfinden – aber wenn die anderen sich nicht trauen, auch selbst zu scherzen, wird der niederländische Gast schnell zu einer Art Partyclown.

Offizielle Veranstaltungen sind oft weniger steif als in Deutschland. Auch hier sind kleine Scherze erlaubt, und die Begrüßung der anwesenden Ehrengäste fällt deutlich kürzer aus. Meist werden nur die zwei oder drei wichtigsten offiziellen Vertreter namentlich genannt; während in Deutschland eine ganze Liste verlesen wird. Als einmal bei der Einweihung eines grenznahen Straßenabschnitts die anwesenden Gäste von der niederländischen Ministerin nur mit Hartelijk welkom begrüßt wurden, war die Empörung groß. Die deutschen Offiziellen fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Denn in Deutschland ist es wichtig, namentlich genannt zu werden und als Vertreter einer Firma oder Behörde in Erscheinung zu treten.

Deutsche finden Niederländer oft locker und unkompliziert, aber das heißt nicht, dass hier alles erlaubt ist. Es gibt eine Reihe ungeschriebener Regeln. So kann ein Praktikant zwar seinen Chef duzen, aber nicht wegen jeder Belanglosigkeit in sein Büro laufen oder Bemerkungen über dessen Privatleben machen. Auch das Maß an Mitbestimmung bleibt letztendlich Sache des Vorgesetzten. Deutsche verstehen die niederländische „Lockerheit“ oft falsch, denn die Grenzen sind schwer zu erkennen.

Autorin: Ute Schürings
Erstellt:
Januar 2008