XI. Fußball

Das Thema Fußball und das damit verbundene Fanverhalten beschäftigt immer wieder die Gemüter, wenn es um die deutsch-niederländischen Beziehungen geht. Noch kürzlich war die ironisch gemeinte Feststellung eines niederländischen Journalisten zu lesen, dass die ganze „deutsch-niederländische Misere“ doch einzig und allein auf die Fußballbeziehungen zurückzuführen sei.

Hier die Hintergründe: Jedem fußballinteressierten Niederländer gilt das Jahr 1974 als absoluter Tiefpunkt der Sportgeschichte und Schuld daran sind natürlich die Deutschen. Das kam so: Im Finale der Weltmeisterschaft 1974 – Deutschland gegen Holland– gingen die Niederländer kurz nach Spielbeginn in Führung. Zuvor hatten sie gegen Fußballnationen wie Brasilien und Argentinien gewonnen, nun wollten sie die Deutschen mal so richtig vorführen. Sie spielten schönen, eleganten Fußball und bestürmten das deutsche Tor. Arrogant herumgetänzelt haben sie, heißt es dagegen von deutscher Seite, und das ließen sich die Herren Breitner, Beckenbauer und Overath nicht gefallen. Sie konnten ausgleichen, mit Hilfe einer Schwalbe von Hölzenbein (der Name dieses Spielers ist vielen Niederländern noch heute geläufig!) und gingen dann noch vor der Halbzeit in Führung.

Oranje supportersDie niederländische Mannschaft verlor 1:2, und für viele brach eine Welt zusammen. Die Mannschaft, die unbestritten den besseren Fußball spielte, war unterlegen. Der hässliche Deutsche hatte gesiegt mit seiner unansehnlichen, aber effektiven Spielweise. Der „deutsche Kampfgeist“ erinnerte viele Niederländer regelrecht an den Zweiten Weltkrieg, und nun war man dieser Truppe ein zweites Mal unterlegen. „Fußball ist Krieg“, wie Rinus Michels sich ausdrückte. Im ganzen Land war man der Ansicht, daß die Deutschen den Titel geraubt hätten, so Dik Linthout. Da half es nichts, daß auch auf deutschen Bolzplätzen jeder Junge Johan Cruijff bewunderte.

Der Ausgleich erfolgte im Halbfinale der Europameisterschaft 1988. Nach dem niederländischen Sieg über die Deutschen war auf der niederländischen Autobahn kurz hinter einem Grenzübergang ein Transparent angebracht: „Und jetzt fahren Sie in das Land des Europameister.“ Das ist wohl nur verständlich, wenn man um den verletzten Stolz von 1974 weiß. Endlich hatte der bessere Fußball und damit die Gerechtigkeit gesiegt.

Viele deutsche Spieler wirken auf Niederländer zudem ausgesprochen arrogant: Zu den liebsten Hassobjekten zählten jahrelang Lothar Matthäus und Stefan Effenberg, die aus niederländischer Sicht direkte Nachkommen der deutschen Besatzer sind. Aber in Punkto Arroganz und schlechtem Geschmack liegen deutsche und niederländische Fußballer wohl ziemlich gleichauf. Man denke nur an Frank Rijkaard, der Rudi Völler hinterrücks anspuckte, oder Ronald Koeman, der sich nach dem erwähnten Halbfinale 1988 mit einem deutschen Trikot den Hintern abwischte, das er zuvor mit dem deutschen Spieler Olaf Thon getauscht hatte. Ganz zu schweigen von den Rotterdamer Feyenoord-Fans und ihren ras-sistischen Parolen gegen die „Amsterdamer Juden“ des Vereins Ajax.

Inzwischen hat sich die Aufregung jedoch wieder einigermaßen gelegt. Eine Reihe von Niederländern stehen in der Bundesliga unter Vertrag, sowohl Spieler als auch Trainer. Auch Rudi und Frank haben sich werbewirksam versöhnt. Anlässlich der WM 2002 gab es sogar eine Website www.hupduitsland.nl, während sich die deutschen Fans auf www.ihrseidnichtdabei.de austobten.

Mit diesen Informationen müssten Sie für jede Diskussion gewappnet sein. Der Fußball spielt im deutsch-niederländischen Verhältnis jedoch auch deshalb eine wichtige Rolle, weil auf dem Rasen der Größenunterschied aufgehoben ist. Hier spielen nicht 80 Millionen gegen 16 Millionen, sondern Elf gegen Elf. Das Verhältnis ist ausgeglichen, und der Bessere soll gewinnen. Daher freuen sich auch weniger fußballbegeisterte Niederländer über einen Sieg beim Fußball.

Autorin: Ute Schürings
Erstellt:
Januar 2008