IV. Reaktionen auf die Sparbeschlüsse

„Diese Regierung nimmt uns das Menschliche!“, befand der bekannte niederländische Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur Ramsey Nasr, als er im Juni 2011 mit etwa tausend anderen Demonstranten auf dem Malieveld in Den Haag gegen die Kulturkürzungen des Kabinetts Rutte demonstrierte.[1] Was Nasr damit sagen wollte: Es sei die Kultur, die das Zusammenleben der Menschen von Tieren unterscheide; durch die drastischen Sparbeschlüsse im Kulturbereich, verbunden mit der Forderung nach marktwirtschaftlicher Ausrichtung des Kulturbetriebs nehme die Regierung den Niederländern einen Teil dieser Kultur.

Demonstrationen wie jene in Den Haag, Protestmärsche und Museumsbesetzungen hatte es bereits seit Ende 2010 gegeben. Damals waren die Regierungspläne für die Kürzungen im Kulturbereich bekannt geworden und hatten für Aufsehen gesorgt. So gingen etwa unter dem Motto „Nederland schreeuwt om cultuur“ (dt. Die Niederlande schreien nach Kultur) im November 2010 mehr als 100.000 Menschen in rund 70 Städten auf die Straßen, um gegen die geplanten Einsparungen im Kulturbereich zu demonstrieren.[2] Gemäß dem Motto war bei den Veranstaltungen alles erwünscht, was Krach machte – vom Topfdeckel bis zur Vuvuzela. Mit 20.000 Besuchern war die Veranstaltung auf dem Amsterdamer Leidseplein die größte im Land. Vom Balkon der Stadschouwburg gaben Kulturschaffende, wie die Schauspieler Waldemar Torenstra und Roeland Fernhout, kurze Statements ab. Im Zentrum von Utrecht erklang Beethovens Neunte Symphonie, bei der auch das Glockenspiel des Doms mit einbezogen wurde. Eine besondere „Hafensymphonie“ war in Rotterdam zu hören, wo eine große Anzahl an Dampfschiffen gleichzeitig ihre Dampfpfeifen erklingen ließen.[3]

In der breiten Öffentlichkeit hingegen stießen die Pläne der rechtsliberalen Regierung unter Ministerpräsident Mark Rutte auf Zustimmung: rund 60 Prozent der Bevölkerung zeigten sich in Umfragen einverstanden mit den Sparmaßnahmen.[4] Dies wird sicherlich auch im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise gestanden haben, von der die Niederländer besonders hart getroffen wurden. Wenn Premier Rutte zudem verkündete, dass der Staat jeden Tag 60 Millionen neuer Schulden mache und daher die Kulturkürzungen nur eine „Fußnote“ in dem riesigen Reformprogramm seien, das allen wieder zu mehr Wohlstand verhelfen würde, konnte er sich der Zustimmung der breiten Masse sicher sein. Zumal, so die FAZ vom 8. Juli 2011 in einem umfangreichen Text zu den Sparmaßnahmen, weniger als die Hälfte der Niederländer im Jahre 2010 ein Museum besichtigt und sogar nur acht Prozent die Oper besucht hätten.[5]

Dass zumindest die Museen 2011 trotz der Sparmaßnahmen steigende Besucherzahlen vorweisen können, mag auch an den Protestaktionen gelegen haben, die viel Aufmerksamkeit für den Kulturbetrieb generierten. Rund 18 Millionen Besucher wurden 2011 in den niederländischen Museen gezählt. Im Jahr 2010 waren es noch 16,9 Millionen.[6] Neue Statistiken darüber, wie sich die Besucherzahlen weiterentwickelt haben, liegen leider noch nicht vor.

International stießen die geplanten Subventionskürzungen und damit absehbaren Schließungen von Kultureinrichtungen in den Niederlanden auf ein großes Echo. Schließlich sah gerade der deutsche Kulturbetrieb mit banger Miene auf die Entwicklungen im Nachbarland, von denen man befürchtete, dass sie mit zeitlicher Verzögerung auch auf die deutsche Politik überschwappen könnten. Neben einer umfangreichen Medienberichterstattung gab es auch Solidaritätsbekundungen und -aktionen aus dem Ausland. So unterstützten Orchester aus der ganzen Welt das Projekt „Soldier of Orange“, das sich gegen die drastischen Kulturetat-Kürzungen wendet. Für die Kampagne haben bisher unter anderem die Bamberger Symphoniker, das WDR Sinfonieorchester, das Beethoven Orchester Bonn und weitere deutsche Orchester kurze Videos mit Statements und dem musikalischen Thema „Soldier of Orange“ aus dem gleichnamigen Film über niederländische Widerstandskämpfer aufgenommen und auf die zentrale Webseite gestellt.[7]


[1] Konst, Johannes: Nun soll der Markt die Kultur regieren, in: Berliner Zeitung vom 11. August 2011, Onlineversion.
[2] Kausch, Christine: Kultur: 100.000 demonstrieren gegen Einsparungen, i: NiederlandeNet.de vom 22. November 2010, Onlineversion.
[3] ebd.
[4] Schümer, Dirk: Sparen auf Niederländisch: Hochkultur? Nur ein linkes Hobby, in: FAZ.de vom 8. Juli 2011, Onlineversion.
[5] ebd.
[6] Herzog, Rebekka: Kultur: Erste Auswirkungen der Sparmaßnahmen der Regierung – 17 niederländischen Museen droht die Schließung, in: NiederlandeNet.de vom 10. Januar 2012, Onlineversion.
[7] Deutsche Orchestervereinigung: Weltweiter Orchesterprotest gegen Kulturkürzungen in Holland, Pressemitteilung vom 8. August 2011, Onlineversion.

Autorin: Alexandra Klaus
Erstellt:
Januar 2015