I. Einführung

„Die Politik hat kein Urteil über Kunst und Kultur zu fällen.“ Der alte Leitsatz des niederländischen Staatsphilosophen Johan Rudolph Thorbecke (1798–1872) galt über 200 Jahre lang jedem Kulturminister als Richtschnur staatlichen Handelns. Stets versuchten die Politiker des Landes sich aus der inhaltlichen Beurteilung von Kunst und Kultur herauszuhalten und überließen das Feld jenen, die mehr davon verstehen: sieben Fachleuten aus Kultur, Medien und Wissenschaften, die im Raad voor Cultuur arbeiten, dem Beratungsorgan der niederländischen Regierung, dessen Vorschläge in der Regel übernommen werden.

Der Raad voor Cultuur besteht zwar immer noch und nimmt seine bisherigen gesetzlichen Aufgaben wahr. Aber von Nichteinmischung der Regierung in Kulturfragen kann heute keine Rede mehr sein. Denn die niederländische Politik unter Premier Mark Rutte (VVD) hat sich seit Mitte des Jahres 2011 de facto sogar sehr massiv in die inhaltliche Gestaltung von Kunst und Kultur eingemischt: im Zuge drastischer Einsparmaßnahmen in allen Bereichen des Staatshaushalts beschloss die Mitte-Rechts-Regierung auch Kürzungen im Kulturetat: 200 Millionen Euro sind seit 2013 für Kultureinrichtungen gestrichen worden, eine Kürzung von 20 Prozent des bisherigen Kulturbudgets. Darüber hinaus aber ist seit den Sparbeschlüssen auch ein Paradigmenwechsel festzustellen: Zum einen wird von den Kreativen insgesamt mehr wirtschaftliche Eigenverantwortung und Unternehmertum gefordert. Zum anderen konzentriert man sich von Regierungsseite auf Top-Einrichtungen mit internationaler Strahlkraft. Diese werden weiterhin von öffentlicher Hand gefördert, Nischenangebote wie kleine Theater hingegen müssen auf Unterstützung verzichten – wodurch sie in einigen Fällen den Vorhang für immer haben fallen lassen müssen.

Auf die Kürzungen im Kulturbereich wird im Folgenden noch näher eingegangen. Zunächst erfolgt ein historischer Abriss über die Entwicklung niederländischer Kulturpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Anschluss an das Kapitel über die Einsparmaßnahmen der Regierung Rutte und die verschiedenen Reaktionen hierauf schließt sich eine Darstellung des beratenden Gremiums für die Regierung in Kulturfragen, des Raad voor Cultuur an. Im letzten Teil bietet dieses Dossier einige Beispiele für die Entwicklung der niederländischen Kulturlandschaft seit den prägenden Einschnitten von 2013. Selbstverständlich kann es keine abschließende Beurteilung der Auswirkungen der Subventionskürzungen geben, denn es sind durchaus gegenläufige Trends zu beobachten: Während einige Kultureinrichtungen aufgrund der Sparmaßnahmen des Staates ihren Betrieb einstellen mussten, haben sich andere Institutionen seitdem wirtschaftlich und inhaltlich gut aufgestellt – zuweilen wird die Streichung von staatlicher Hilfe sogar als Anstoß gesehen für mehr (wirtschaftliche) Eigeninitiative, die schließlich zu mehr Prosperität führte.

Autoren: Alexandra Klaus und Andreas Gebbink
Erstellt:
November 2008
Aktualisiert: Januar 2015