Grundlagen der niederländischen Kulturfinanzierung

„Kunst ist keine Angelegenheit der Regierung“. Dieser Ausspruch des Philosophen Johan Rudolph Thorbecke von 1850 ist für die Niederlande heute mehr denn je aktuell. Denn 2009 trat ein neues Subventions-System in Kraft, das Anliegen der Kulturförderung aus dem Einflussbereich der Politik nimmt und in die Hände spezialisierter Kultur-Experten legt[1]. Entscheidungen über Subventionen werden nunmehr in weiten Teilen von den Kulturfonds getroffen, denen auf ihren Gebieten größere Übersicht und Kenntnis zugebilligt wird.

Das alte System war zu komplex und bürokratisch geworden, und vor allem zu anfällig für Lobbyismus und Filz. Der mächtige Raad voor Cultuur (ein für vier Jahre gewähltes Gremium, bestehend aus neun Kultur-Vertretern, das sich mithilfe von etlichen Fachkommissionen Meinungen bildet und das Kabinett von der Buchpreisbindung bis zur Subventionsempfehlung berät) beriet über alle Anträge auf staatliche Förderung. Und zumeist wurden die Empfehlungen des Kultur-Rates auch in Beschlüsse umgesetzt. Das renommierte Opernhaus hatte ebenso alle vier Jahre einen Antrag zu stellen wie die kleine Theatergruppe, und gemeinsam war allen Kulturinstitutionen die stete Ausrichtung auf das alle vier Jahre wiederkehrende Antragsprozedere. Neue oder kleinere Initiativen hatten in diesem starren System kaum eine Chance auf Förderung.

Drei Wege der Subventionierung

Das neue Förderungs-System ist flexibler und differenzierter organisiert. Die bedeutenden Kultureinrichtungen auf regionaler und nationaler Ebene etwa erhalten ihr Fördergeld nun direkt vom Staat, verwaltet durch das Ministerium für Erziehung, Kultur und Wissenschaft. Diese insgesamt 54 Einrichtungen müssen nicht mehr alle vier Jahre neue Subventionsanträge stellen. Das bedeutet weniger Bürokratie und mehr Sicherheit in der Planung langfristiger Ziele. Die Arbeit der dauerhaft geförderten Einrichtungen wird von Experten, die dem Ministerium berichten, von Zeit zu Zeit begutachtet.

Der Raad voor Cultuur, der den neuen Subventionsplan erarbeitet hat, hat auch im neuen System seinen Platz. Er berät den Kulturminister Roland Plasterk, wenn es um die Förderung von Einrichtungen der kulturellen Basis-Infrastruktur geht, die fortan verstärkt subventioniert wird. Die in der Empfehlung „Innoveren, Participeren!“[2] im März 2007 vom Raad ausgesuchten Einrichtungen betreffen etwa Stadttheater, Jugendtheatergruppen, Festivals oder Tanzgesellschaften, die im Subventionsplan 2009 – 2012 Berücksichtigung finden. Der Raad voor Cultuur hatte danach zwei Subventions-Empfehlungspläne vorgelegt. Der erste Plan vom Mai 2008[3] lag 26,6 Mio. Euro über dem vom Ministerium angesetzten Budget. Der korrigierte zweite Plan vom Juni 2008 sah vor, bei gleichbleibenden Mitteln alle Subventionen auf dem alten Niveau der Periode 2002 – 2006 zu halten – was nicht im Sinne einer Erneuerung des Systems hin zu mehr Dynamik sein konnte. Minister Plasterk beschied darum schließlich im Wesentlichen den Plan vom Mai 2008 und erhöhte die Mittel um 10 Mio. Euro, um den Anspruch an die Stärkung der regionalen Kultur zu erfüllen. Neben den zunächst für den Zeitraum von vier Jahren unterstützten Projekten fallen auch die drei im Wet op het specifiek cultuurbeleid (Gesetz über die Kulturpolitik)[4] festgehaltenen Kategorien Museen, Kulturinstitute und Orchester in den Bereich der Basis-Infrastruktur, die jedoch langfristig gefördert werden.

Neue Fonds, neue Projekte

Durch das Ministerium mit eigenen Mitteln in Höhe von zusammen rund 150 Millionen Euro pro Jahr ausgestattet sind auf Basis der Subsidieadvisen des Raad vor Cultuur schließlich acht Kulturfonds, die sowohl über vierjährige Bezuschussungen als auch über die Förderung zeitlich begrenzter Projekte befinden. Die Fonds sind namentlich der Nederlands Fonds voor de Podiumskunsten („Superfonds“ für Musik, Festivals, Tanz, Tanztheater, Theater), der Programmafonds Cultuurparticipatie (für die Bereiche Amateurkunst und Kulturerziehung; beide Fonds wurden neu gegründet), der Fonds Beeldende Kunst, Vormgeving en Bouwkunst, der Nederlands Literatuur Productie- en Vertalingenfonds (fördert u.a. Übersetzungen ins Niederländische und aus dem Niederländischen), der Fonds voor de Letteren (Literatur-Fonds), die Mondriaanstichting (international agierender Fonds für u.a. Bildende Kunst), der Stimuleringsfonds voor Architectuur und der Nederlands Fons voor de Film.

Die Arbeit der Fonds soll ihrerseits durch das Ministerium regelmäßig beurteilt werden. Dabei geht es allerdings eher um Transparenz bei der Mittel-Vergabe. In künstlerische Expertisen will sich das Ministerium nicht einmischen und betont, dass die Fonds nicht nur Auftragnehmer, sondern vertrauensvolle Partner seien. Für ein Urteil, ob die neue Rolle der Fonds erfolgreich umgesetzt wird, ist es noch zu früh. Doch gab es bereits kritische Stimmen, dass Anfragen durch die Fonds abgelehnt werden dürfen, obgleich die Arbeit der Antragsteller nicht begutachtet wurde.

Neben den Entscheidungskriterien der Qualität (hinsichtlich Qualifikation, Aussagekraft, Ursprünglichkeit) und der Diversität (hinsichtlich der Disziplinen, der Regionen, der Programme und Zielgruppen) sind die Fonds grundsätzlich angehalten, insbesondere neue, erstmals Subventionen beantragende Projekte zu begutachten. Dennoch steht die Mittelvergabe unter der Leitidee „meer voor minder“: das Gießkannenprinzip wird zugunsten gezielter Förderung verworfen. Eine wichtige Neuerung im System ist daher die Schaffung einer „zweiten Chance“: Antragsteller, deren Antrag auf vierjährige Unterstützung abgewiesen wurde, haben nunmehr die Möglichkeit, eine zweijährige Unterstützung zu beantragen.

Einrichtungen der Basisinfrastructuur, die Geld erwirtschaften, können zudem mit der neuen Matchingsregeling, die rückwirkend von Anfang 2009 bis 2012 gilt, weitere Fördergelder erhalten. Die Maßnahme, ausgestattet mit 10 Mio. Euro pro Jahr, belohnt erfolgreichen Wettbewerb. Im Jahr 2009 wurden 205 Einrichtungen (bei 313 Anfragen) und acht Fonds insgesamt 530 Mio. Euro öffentlicher Mittel zugewiesen.[5]

Das niederländische Generalkonsulat: Kultur(be)förderung per Lkw

Die diplomatischen Vertretungen des Königreichs der Niederlande in Deutschland wurden ebenfalls mit finanziellen Mitteln zur Unterstützung kultureller Projekte ausgestattet, um damit niederländische Kunst und Kultur in Deutschland zu fördern. Für einen erfolgreichen Antrag auf finanzielle Unterstützung[6] ist nachzuweisen, dass „das Projekt einen Beitrag zur Festigung des kulturellen Ansehens der Niederlande in Deutschland und der kulturellen Zusammenarbeit zwischen den Niederlanden und Deutschland leistet“. Die Förderung kann für alle Bereiche der Kunst und Kultur beantragt werden, Förderungs-Schwerpunkte liegen jedoch in den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Creative Industries / Design, Kulturerbe und darstellende Künste. Der Antrag muss von der ausführenden deutschen Organisation gestellt werden. Bezuschusst werden etwa Reise- und Aufenthaltskosten der niederländischen Teilnehmer sowie Kosten für PR und Öffentlichkeitsarbeit.

Es gibt noch eine andere, praktischere Weise der Förderung des niederländisch-deutschen Kulturaustauschs: Die diplomatischen Vertretungen des Königreichs der Niederlande in Deutschland verfügen über einen Lastkraftwagen, der für Kunsttransporte genutzt wird[7]. Der Lkw wird als Sachhilfe zur Förderung der niederländischen Kultur eingesetzt und ist in erster Linie für Transporte von niederländischen Kunstwerken nach Deutschland und zurück bestimmt. Künstler, die die Nutzung des Lkws beantragen, können prinzipiell keine weitere finanzielle Förderung durch das niederländische Generalkonsulat erhalten. Wichtig: „Beim Be- und Entladen werden helfende Hände gern gesehen“, heißt es diplomatisch in den Richtlinien zum Lkw-Antrag.


[1] Subsidieplan Kunst van leven 2009 – 2012, Online
[2] Advies Agenda Cultuurbeleid en Culturele Basisinfrastructuur, März 2007, Online
[3] Raad voor Cultuur, Subsidieadvisen 2009 – 2012, Basisinfrastructuur 1.0, Online
[4] Wet op het specifiek cultuurbeleid, geltend seit 31.7.2009, Online
[5] Aufstellung der Budgets und der zuerkannten und abgewiesenen Förderanträge in der Förderperiode 2009 – 2012, Online
[6] Richtlinien für einen Antrag auf finanzielle Unterstützung durch die diplomatischen Vertretungen des Königreichs der Niederlande in Deutschland, Online
[7] Richtlinien und Antrag für den Kunsttransport-Lkw, Online

Autor: Ralf Kalscheur
Erstellt: September 2009