I. Einführung

Am 27. April 1961 unterzeichneten die bevollmächtigten Vertreter des Königreichs der Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland nach einer fünfjährigen Verhandlungsphase in Den Haag ein Kulturabkommen. Der Austausch der Ratifikationsurkunden fand am 21. März 1962 in Bonn statt. Die kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern wurden damit, im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten und weltweit, erst spät auf staatlicher Ebene organisiert. Die ersten Kulturabkommen der jungen Bundesrepublik Deutschland, die auf eine Empfehlung der Vereinten Nationen aus den 40er Jahren zurückgehen, wurden bereits Anfang der 50er Jahre abgeschlossen. Im deutsch-niederländischen Kulturabkommen verpflichteten sich die Vertragsparteien, „die kulturelle Zusammenarbeit zwischen ihren Ländern zu fördern und zu schützen“. Diese Zielsetzung geht bereits aus der UN-Empfehlung hervor. Zur Erreichung der generellen Zielsetzung wurden u. a. Absichtserklärungen zu den Bereichen kultureller Austausch, Sprach- und Kulturpflege, Förderung kultureller Einrichtungen auf fremdem Hoheitsgebiet, gegenseitige Anerkennung von Bildungsnachweisen und Schulbuchverbesserung formuliert. In den einzelnen Artikeln wurde gesondert auf den Jugendaustausch, den Austausch von Personen auf Hochschulebene, Schulebene und auf außerschulischem Gebiet, sowie auf den Austausch von Medien (Bücher, Presseerzeugnisse, Filme) und deren Verbreitung eingegangen. Kunstausstellungen, Konzerte und Vorträge, Theater- und Filmaufführungen wurden als Vermittlungsformen eigens genannt. Aus der generellen Zielsetzung und den Sachgebieten, die im gemeinsamen Abkommen genannt sind, ergeben sich die zentralen Aufgaben im Feld der kulturellen Beziehungen zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik Deutschland.

Die Vorgeschichte des Abkommens, seine Entwicklung und die Ausgestaltung der Kulturbeziehungen lassen sich nur auf dem Hintergrund der politischen Annäherung der beiden Staaten nach dem Tiefstand nach 1945 beschreiben. Das Feld der kulturellen Beziehungen war, wie das der politischen, historisch durch die Naziherrschaft in Deutschland und die Besetzung der Niederlande belastet. Bereits seit dem Jahr 1933 konnte man von einem Kulturaustausch kaum mehr sprechen. In Folge der Machtübernahme Hitlers kam es zu einer Emigration deutscher Kultur aus Deutschland. Unter den Flüchtlingen in die Niederlande befanden sich zahlreiche Intellektuelle und Künstler. Zu ihnen gehörten u. a. die Schriftsteller Thomas und Klaus Mann. Ihre Werke wurden von den im Mai/Juni 1933 gegründeten Amsterdamer Verlagshäusern Querido und Allert de Lange herausgebracht. Sie zählten bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht in den Niederlanden im Mai 1940 zu den maßgebenden belletristischen Verlagen deutschsprachiger Exilliteratur. Die kulturellen Aktivitäten der deutschen Exilanten und ihrer niederländischen Verlage traten in Opposition zu der nach dem Überfall auf die Niederlande 1940 von der Besatzungsmacht durchgesetzten massiven Beeinflussung im Sinne einer großgermanischen Ideologie. Johan Huizinga, der große niederländische Kulturhistoriker, stellte bereits 1929 im Blick auf eine sich abzeichnende ‚großgermanische’ Politik fest: „Wir sind uns unserer Verwandtschaft mit den Deutschen und mit den Völkern des Nordens bewusst; wir verstehen sie aber als einen internationalen Zusammenhang nach Veranlagung und Geist, nicht als eine mysteriöse Einheit von Blut und Schicksal.“

Die niederländische Distanznahme nach 1945 ergab sich folgerichtig aus der gewalttätigen Einseitigkeit der nationalsozialistischen Politik. Bis zum Neuanfang im neuen institutionellen Rahmen einer Partnerschaft vergingen mehr als 15 Jahre ihrer Aufarbeitung. Von einem vollständigen Abbruch der kulturellen Beziehungen konnte man jedoch selbst im Jahr 1945, dem so genannten „Nullpunkt“, nicht sprechen. Vielmehr ergab sich nach 1945 ein komplexes Beziehungsgeflecht, das private, gesellschaftliche und auch, nach Gründung der Länder und des Bundes, staatliche Aktivitäten umfasste, die dann mit Abschluss des Abkommens 1961 in die offiziellen staatlichen Kulturbeziehungen einmündeten.

Die dem vorliegenden Artikel zu Grunde liegende Studie zum Thema „Die Entwicklung der kulturellen Beziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart“ verfolgt die These, dass es sich bei der Geschichte der deutsch-niederländischen Kulturbeziehungen um eine paradigmatische Geschichte einer kulturpolitischen Normalisierung handelt.

Autor: Wolfgang Schanze
Erstellt:
Juli 2007