VII. 1990 bis zur Gegenwart: Kulturpartnerschaft mit dem wiedervereinigten Deutschland

Sonderprogramm

Nach dem politischen Umbruch in der Deutschen Demokratischen Republik schlossen die Niederlande mit dieser im Juni 1990 zur Intensivierung der kulturellen Beziehungen ein Sonderprogramm. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte auf offizieller Ebene ein nur geringer Kulturaustausch zwischen den beiden Ländern stattgefunden. Begründet werden konnte dies mit einer unterschiedlichen Auffassung in der Menschenrechtsfrage. Schon vor dem Fall der Mauer formulierte die niederländische Seite ein klares Bild der Widersprüche im System der DDR auch im kulturellen Bereich, das es ermöglichte, nach den Ereignissen des Jahres 1989 ein profiliertes „Arbeitsprogramm“ aufzulegen. Ziel des Programms und des anschließenden Sonderprogramms für die „Fünf Neuen Bundesländer“ war es, die neue Demokratie zu stärken. Vor allem den jungen Ostdeutschen wollte man die Möglichkeit geben, sich mit der niederländischen Kultur auseinander zusetzen. Das Ministerie van Buitenlandse Zaken vergab z. B. für ostdeutsche Studenten Stipendien zur Teilnahme an einem Kurs der Amsterdamer Sommeruniversität zum Thema Kulturmanagement, unterstützte die niederländische Filmwoche in Potsdam und den Auftritt einer Folkloregruppe in Magdeburg. Das Ministerie van Welzijn, Volksgezondheid en Cultuur legte seinen Schwerpunkt innerhalb des Sonderprogramms auf die Restauration des Niederländischen Viertels in Potsdam, auf die Förderung von Konzertreisen und auf die Intensivierung des Jugendaustausches.

Zusammenarbeit mit NRW und die Euregios

Die alten Bundesländer wurden aber keineswegs vernachlässigt. Insbesondere wurde die Partnerschaft mit Nordrhein-Westfalen ausgebaut, indem der Kulturdialog durch mehrere Festivals gefördert und die Wissenschaftsbeziehungen gepflegt wurden. Die Niederlande erkannten die zunehmende Bedeutung der nordrhein-westfälischen Landesregierung als Ansprechpartner, auch nach der Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin an. Im Rahmen der regionalen Zusammenarbeit kam es zur Durchführung mehrerer Kulturfestivals. Unter dem Titel „NRW-Nachbarland“ fanden 1995/96 in 32 kleineren NRW-Städten zahlreiche Veranstaltungen aus den Bereichen Musik, Theater, Film, Literatur und Kunst statt. 1996 standen die Veranstaltungen, die in 22 großen Städten, u. a. Bonn, Köln, Aachen, Münster und Dortmund präsentiert wurden, unter dem Motto „Dialog Cultuur – NL in NRW“. Die Gegenveranstaltung zu 1996 in den Niederlanden fand 1999 unter dem Titel „kunst.nrw.nl herkenn/erkennen“ statt. Durch die von der EU aufgelegten Interreg-Programme profitierten die Euregios. Mit den Mitteln konnten sie u.a. Projekte zur Verbesserung von soziokulturellen Kontakten durchführen.

Clingendael-Studie und ihre Auswirkungen

Als Folge der besorgniserregenden Ergebnisse der Clingendael-Studie - bei den niederländischen Jugendlichen wurde eine antideutsche Stimmung festgestellt - kam es zur Gründung von mehreren neuen Institutionen, die zur Verbesserung des Verhältnisses der beiden Länder beitragen sollten. Der im Rahmen des Kulturabkommens eingerichtete Ausschuss nahm diese Aufgabe nicht mehr wahr, sondern beschränkte sich letztmalig 1993 auf eine Bestandsaufnahme.

Die Gründung weiterer wissenschaftlicher Institute im Bereich der „Deutschland-Studien“ in den Niederlanden war der Versuch, die guten nachbarlichen Beziehungen wissenschaftlich zu begleiten und eine Art Frühwarnsystem bereitzustellen für den in der Clingendael-Studie belegten „anti-duitse inslag“. Dass dabei alte Symbole und Parolen benutzt wurden, ließ historische Aufklärung auf beiden Seiten zur Notwendigkeit werden.

Die auf die Clingendael-Studie folgende Debatte wurde konsequent mit entsprechenden Aktivitäten zur Verbesserung der kulturellen Zusammenarbeit beantwortet. Sie betrafen eine grundsätzliche Bestandsaufnahme auf allen Feldern, von der Sprachfrage über die Schulbuchfrage, dem Schüleraustausch bis zur literarischen und künstlerischen Tradition und Gegenwart. Die bilateralen Kulturbeziehungen erwiesen sich dabei als stabil und belastbar und waren – sieht man auf die veröffentlichte Meinung – von Gedanken eines Kulturdialogs geprägt. So schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ am 6. 6. 1996 immer noch von einer „schwierigen Nähe“, räumte aber, gerade im Blick auf die Buchmesse in Frankfurt 1993 ein, dass es in den „vergangenen Jahren zu einer eindrucksvollen Rezeption niederländischer Literatur“ gekommen wäre. Aufbauend auf den Erfolgen des „Dreigestirns“ Hugo Claus, Harry Mulisch und Cees Nooteboom auf dem deutschen Buchmarkt Ende der 80er Jahre, konnte mit dem Themenschwerpunkt „Flandern und die Niederlande“ auf der Frankfurter Buchmesse 1993 die niederländische Literatur in Deutschland einen bemerkenswerten Popularitätsschub erzielen. Sie wurde zu einem festen Bestandsteil auf dem deutschen Buchmarkt. Die Präsenz niederländischer Schriftsteller wäre „ein zweifellos gutes Zeichen für Annäherungen und Wandel“. Diese politische Formulierung konnte auch als Leitlinie für die Entwicklungen der bilateralen Kulturbeziehungen in den Jahrzehnten vor und nach der „Wende“ gelten. Sie brachte zugleich zum Ausdruck, dass der Kulturbereich von langfristigen Überlegungen und Einstellungen geprägt war.

Fazit

Nach einer Formulierung von Max Kohnstamm mussten sich beide Seiten, die niederländische wie auch die deutsche, als Verlierer sehen, die eine am Beginn, die andere am Ende des Zweiten Weltkriegs. Trotz der schwierigen Ausgangslage und trotz der noch in den 90er Jahren unter den niederländischen Jugendlichen festgestellten anti-deutschen Stimmung kam es schrittweise zu einer engen, quantitativ wie qualitativ bedeutsamen und auch für Europa zentralen Kulturpartnerschaft zwischen den beiden Nachbarstaaten.

Autor: Wolfgang Schanze
Erstellt
: Juli 2007