V. 1968/70 - 1979: Umorientierung der niederländischen und der deutschen Kulturpolitik: Erweiterung des Kulturbegriffs

Deutsche Kulturpolitik und Auswirkungen

In den 70er Jahren wurde sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland über die Ziele und Inhalte auswärtiger Kulturpolitik diskutiert. Die Debatten führten aber zu unterschiedlichen Ergebnissen. In Deutschland kam es zu einer Neukonzeption, für deren Umsetzung auch erhebliche Mittel eingesetzt wurden. Die kulturellen Beziehungen mit den Niederlanden erhielten dabei eine hohe Priorität. Profiteure der Entwicklung in Deutschland waren u. a. auch die Mittlerinstitute in den Niederlanden. Das Goethe-Institut in Amsterdam konnte 1972 in seine neu hergerichteten Räume in der Herengracht ziehen, das Martin-Behaim-Haus in Rotterdam zu einem vollwertigen Goethe-Institut ausgebaut werden. Um sich in den Niederlanden zu etablieren, nutzten diese deutschen Einrichtungen jede Gelegenheit zu gemeinsamen Veranstaltungen mit niederländischen Institutionen. Beispielhaft kann hier ein mehrtätiges Seminar zum Vergleich deutscher und niederländischer Arbeiterliteratur oder eine in Rotterdam und Groningen gemeinsam mit niederländischen Bauzentren veranstaltete Städtebauausstellung genannt werden. Auf dieser Basis gelang der Durchbruch auch im Blick auf eine breitere Öffentlichkeit in den 80er Jahren in Form einer gelungenen Einbindung in das niederländische kulturelle Leben. Die kulturpolitische Vorgehensweise der 70er Jahre entsprach den neuen Leitlinien für die deutsche auswärtige Kulturpolitik. Sie sahen anstelle von bloßer Selbstdarstellung Dialog, Austausch und Zusammenarbeit mit den Partnern in aller Welt vor.

Niederländische Kulturpolitik und Auswirkungen

In der niederländischen auswärtigen Kulturpolitik wirkte sich dagegen der innenpolitische Ausgang der Debatten zugunsten einer „Kultur für Alle“ nicht entsprechend aus. Die dafür notwendig gehaltenen Ressourcen konnten nicht bereitgestellt werden. Es blieb bei einer Strategie der Beteiligung an größeren Veranstaltungen in Deutschland (z. B. Europäische Woche in Passau, Bundesgartenschau in Bonn und den „Begegnungen mit den Niederlanden“ in Zusammenarbeit mit Kommunen), für welche sich die Botschaft engagierte. Im Jahr 1977 wurden z. B. in Düsseldorf vom 17. Mai bis zum 26. Juni 1977 mehr als 100 kleinere oder größere Veranstaltungen abgehalten. Unter anderem traten die Schauspiel-Gruppe „de Appel“ und das „Nederlandse Danstheater“ im Schauspielhaus auf. In der Kunsthalle wurde eine Ausstellung unter dem Titel „van licht naar kleur“ gezeigt. Die Kulturarbeit der Niederlande in Deutschland zielte weitgehend, entsprechend den Vorgaben, auf „Holland-Promotion“ ab und damit auf Informationspolitik. Einen Schwerpunkt ihrer Arbeit legten die Niederlande weiter auf die Verbesserung der Situation der niederländischen Sprache in der Bundesrepublik, wobei erste Erfolge u.a. durch eine Regelung bei der Besetzung der Lektorate für das Fach Niederlandistik, erzielt werden konnten.

Gemeinsame Ziele: Grenzkontakte, Euregionen

Alfred MozerEin gemeinsames Resultat der Debatten war, dass man beschloss, zukünftig einen erweiterten Kulturbegriff anzuwenden. Dieser bot die Basis für eine grenzübergreifende sozio-kulturelle Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. 1971 konnte die EUREGIO-Mozer-Kommission erstmals zusammen treten. Durch Aktivitäten wie Jugendaustausch, Alten-, Familien- und Sportbegegnungen förderte die Kommission entsprechend den Reformansätzen das „Zusammenleben“ und das „gesellschaftliche Wohlbefinden“ in der Grenzregion. Mit dem Jugendaustausch trat die Kommission in einem Bereich auf, der auch durch das Kulturabkommen abgedeckt war. Eine Koordination wurde dadurch erreicht, dass der Vorsitzende zu den Sitzungen des „Gemischten Ausschusses“ eingeladen wurde und diesem berichtete. Aufgrund der Aktivitäten der Mozer-Kommission nahmen z.B. im Jahr 1978 1180 niederländische und deutsche Jugendliche aus 52 Gemeinden am EUREGIO-Jugendaustausch teil, über 4500 ältere Bürger an den Altenbegegnungen und rund 2200 Teilnehmer am Sportfest in Doetinchem. In Zusammenarbeit mit den Volkshochschulen wurde ein EUREGIO-Sprachdiplom entwickelt. Verglich man diese Zahlen mit denen des „Sonderprogramms“ (1976 waren dies 1347 Niederländer und 1572 Deutsche) so zeigte sich, dass auf begrenzter, regionaler Ebene binnen Kurzem messbare Erfolge in den deutsch-niederländischen Begegnungen erzielt werden konnten. 1974 bis 1978 schlossen sich die weiteren Euregionen (Maas-Rhein 1974/76, Rhein-Waal 1978, Ems-Dollart 1977, Rhein-Maas Nord 1978) an, sodass bereits in den 70er Jahren die grenznahen Kulturkontakte auf eine neue institutionelle Basis gestellt werden konnten. Hier konnte sich das „welzijnsdenken“ durchsetzen.

Autor: Wolfgang Schanze
Erstellt:
Juli 2007