IV. 1961/62 – 1968/70: Aufbau der kulturellen Beziehungen auf institutioneller Basis

Machbarkeit und fragiler Konsens

Mit dem Kulturabkommen war 1962 ein Einschnitt erreicht, nach dem die beiden Kulturbürokratien auf gesicherter Basis ihre kulturpolitischen Ziele verfolgen konnten. Der für die deutsche Seite wesentlich verantwortliche Ministerialdirektor Dr. Dieter Sattler, der Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts, fasste das Konzept der deutschen Seite 1966 für seine siebenjährige Tätigkeit von 1959 bis 1966 in einer Bilanz wie folgt zusammen: „(D)as Kernstück der Pflege kultureller Auslandsbeziehungen ist die Förderung der deutschen Sprache durch Kindergärten, Schulen, Erwachsenenkurse, Kulturinstitute, Bücher, Zeitschriften, Bänder, Fernseh- u. a. Filme, Ausstellungen und Aufführungen, nicht nur weil wir damit wirtschaftliche Vorteile oder Einfluss auf andere Völker erzielen wollen, sondern vor allem weil sehr Vieles von unserem Beitrag für die Zivilisation der Welt an die Sprache gebunden ist.“

Zwar wies der Verfasser die Alleingeltung des „wirtschaftlichen Vorteils“ ausdrücklich zurück; betrachtet man aber die Argumentation genauer, so erschienen Kultur und Sprache in einem Kontext, der die ökonomischen Zwecksetzungen keineswegs ausschloss. Kultur war letztlich doch dem Primat wirtschaftlicher Zielsetzungen unterworfen. Dieses „ideologische“ Konzept entsprach durchaus den Tendenzen der seit 1963 durch Ludwig Erhard geführten Bundesregierung. Dass die Wirtschaftsbeziehungen zu den Niederlanden in den Jahren eine ausgezeichnete Entwicklung nahmen, kann durch entsprechende Zahlen belegt werden. In seinem Leitaufsatz betonte Sattler die Vorbildfunktion des „British Council“, des englischen Kulturinstitutes, für die Arbeit der Kulturabteilung. Dann berichtete er über die Entwicklung der Finanzen, über offene Fragen im Zusammenhang mit vorhandenen, aber nur unzureichend ausgestatteten Mittlerinstitutionen und über Einzelereignisse. Die Niederlande wurden dabei nicht erwähnt. Die Zusammenfassung siebenjähriger Arbeit war mit „Stillstand und Rückschläge“ betitelt, was sich vor allem auf die finanzielle Ausstattung bezog. Seine vorsichtigen Schlussfolgerungen für den „Ausbau der dritten Bühne“, der Kulturpolitik, fasste er in fünf Forderungen zusammen:

  1. Besseres und mehr Personal im In- und Ausland für die Pflege der kulturellen Beziehungen,
  2. die Einrichtung einer Zentralstelle für das deutsche Auslandsschulwesen sowie geografische Referate,
  3. eine bessere Abgrenzung zum Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit,
  4. die Aufstellung eines finanziellen Vierjahresplans für die auswärtige Kulturarbeit,
  5. die Verankerung einiger Institutionen für die Auslandsarbeit auch im Inland.

Es handelte sich bei diesen Forderungen an die eigene Regierung um bürokratische und institutionelle Maßnahmen, die auch in Bezug auf Kulturbeziehungen mit den Niederlanden Anwendung finden konnten. Eine empirische Studie, die sogenannte Holland-Studie, sollte die Basis für eine gezielte Pressearbeit in den Niederlanden bilden. Als Ergebnis ergab sich aus der Sicht des Presseamts die Konzeption einer Image-Kampagne, die allerdings, auf Druck des Botschafters, wegen eines zu Recht befürchteten kulturellen Flurschadens stark eingeschränkt und strikt an ein kulturelles Ereignis, die erste „Deutsche Woche in Rotterdam“ gebunden wurde. Höhepunkt der Deutschen Woche im September 1964 war der Besuch von Königin Juliana und Kronprinzessin Beatrix. Wielenga kennzeichnet die Veranstaltungsreihe, insgesamt wurden 22 Kulturveranstaltungen angeboten u.a. eine repräsentative Kunstausstellung unter dem Titel „Deutsche Kunst der Gegenwart“, als „zweiten Lichtblick innerhalb eines Jahres“ (nach dem erfolgreichen Besuch des Bundeskanzlers Ludwig Erhard). Ein besonderes Kapitel wurde mit der Förderung des Filmbereichs durch die Botschaft aufgeschlagen; hier beschränkte sich die offizielle Kulturpolitik auf die Ausleihe von Kultur- und Dokumentarfilmen, während in den Kinos der Niederlande der so genannte „Junge Deutsche Film“ zwar nicht zu einem Massenerfolg führte wie die Sissi-Filme Ende der 50er Jahre, aber zu einer beachteten Kulturleistung eines anderen, selbstkritischen Deutschlands. Insgesamt wurde, wie schon in den 50er Jahren, die deutsche Seite in den Niederlanden auch in den 60er Jahren selbst kaum aktiv. Die Initiative überließ sie den niederländischen privaten Organisationen, hauptsächlich der Genootschap Duitsland-Nederland, die sie großzügig unterstützte. Mit der Einladung von jungen Gelehrten und Schriftstellern (z. B. Inge Aicher-Scholl oder Hans Magnus Enzensberger) entwarf die Genootschap das Bild eines „modernen“, kritischen Deutschland, womit sie auch in der niederländischen Öffentlichkeit eine belegbare Resonanz fand. Das Kulturabkommen brachte nicht, wie es der Botschafter Mühlenfeld erwartet hatte, den Durchbruch für offizielle deutsche Aktivitäten. Offensichtlich verfügte die deutsche Botschaft auch nicht über das geeignete Personal, das in der Lage gewesen wäre, deutsche Kultur in den Niederlanden zu vermitteln, wie es der niederländischen Seite in Deutschland durch die “Hollandwochen” gelang. Eine Lösung des Problems erhoffte sich der Botschafter durch die Schaffung eines Kulturinstitutes, das er regelmäßig in seinen Berichten forderte. Eine Zurückhaltung der deutschen Seite war jedoch in den 60er Jahren kaum mehr erforderlich. Sie wurde sogar von der niederländischen Seite zu mehr Aktivität aufgefordert.

Im Sinne eines weit gefassten Kulturbegriffs könnten auch gesellschaftspolitische Daten der 60er Jahre mit in die Betrachtung aufgenommen werden. So wurden verständlicher Weise die Verlobung (1965) und die Hochzeit der Kronprinzessin und zukünftigen Königin mit dem „deutschen“ Adligen Claus von Amsberg (1966) zu einem Medienereignis auch in Deutschland, auch wenn viele Facetten der niederländischen Diskussionen, insbesondere die Aktionen der „Provos“ (u.a das Zünden von Rauchbomben am Weg des Hochzeitzuges), in Deutschland kaum auf Verständnis stießen, allenfalls bei den sogenannten „Linksintellektuellen“. Während im politischen Bereich noch immer „Stagnation und Unsicherheit“ vorherrschten, kam Bewegung in den Bereich der kulturellen Ereignisbildung.

Gemischter Ausschuss

Gemäß Artikel 13 des Kulturabkommens wurde zu seiner Durchführung ein „Ständiger Gemischter Ausschuss“ gebildet. Er trat zum ersten Mal am 18. und 19. Februar 1964 in Den Haag zusammen. Seine Arbeit fügte sich weitgehend in den kulturpolitisch gegebenen Rahmen ein und setzte die Vorgaben des Abkommens und der Kulturpolitiken der beiden Staaten um. Sein Handlungsspielraum war dem gemäß beschränkt, trotz der im Abkommen vorgesehenen steuernden Funktion. Vom Ausschuss gingen nur wenige Impulse aus. Die beiden zentralen Punkte der Besprechungen des Ausschusses zur Durchführung des Deutsch-Niederländischen Kulturabkommens waren der „Deutsch-Niederländische Jugendaustausch“ und die „Gegenseitige Förderung der Sprache im Schul- und Hochschulbereich“. Bei diesen beiden Punkten handelte es sich auch um zentrale Fragen der Ausrichtung der Kulturpolitik in den 60er Jahren. Des Weiteren standen bei den Sitzungen die Themen „Äquivalenzen im Hochschulbereich und im nicht-akademischen Bereich“, „Austausch auf Hochschul- und Schulebene“ und „Grenzkontakte“ auf der Tagesordnung. Außerdem informierte man sich gegenseitig über die geplanten Kulturveranstaltungen in den beiden Ländern.

Die Einrichtung eines Unterausschusses für den Jugendaustausch unterstrich die Bedeutung des Themas; hier zeigte sich allerdings, dass die niederländische Seite mit ihren Forderungen nach einem aktiv betriebenen Sonderprogramm mit den allgemein orientierten Maßnahmen des Bundesjugendplans und des Studentenaustauschs auf deutscher Seite nicht kompatibel war. Ein Jugendaustausch nach dem Vorbild des „Deutsch-Französischen Jugendwerks“ war von den Ressourcen her nicht darzustellen, obwohl sich die niederländische Seite dafür einsetzte.

Beide Seiten waren an der Förderung ihrer eigenen Sprache im jeweils anderen Land interessiert, so dass auch dieses Thema im Mittelpunkt der Sitzungen stand. Lösungen setzten jedoch in Deutschland umfassende Reformen im Schul- und Hochschulbereich voraus. Auch war das Faktum des Englischen als dominanter Verkehrs- und Begegnungssprache zu beachten, so dass vor allem die Erwartungen auf deutscher Seite sich als Illusionen erweisen mussten.

Autor: Wolfgang Schanze
Erstellt:
Juli 2007