II. 1945 – 1951/53: Erste Annäherungen nach dem Krieg

Erste private Kontakte

Nicht nur politisch, sondern auch kulturgeschichtlich war der Wiederaufbau der deutsch-niederländischen Kulturbeziehungen von den besonderen Bedingungen geprägt, die nach dem Ende der Besetzung der Niederlande und der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands galten. Nach Kriegsende wurde Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt; die einzelnen Zonen, später die Bi- und Trizone entwickelten jedoch bald Kulturbeziehungen zu den Nachbarstaaten unter dem Vorzeichen des Aufbaus eines demokratisch verfassten neuen staatlichen Lebens. Trotz des bei der übergroßen Mehrheit der Niederländer - verständlicherweise - vorhandenen anti-deutschen Klimas fühlten sich gerade kirchlich orientierte Kreise dazu verpflichtet, sich an „der Erneuerung des kulturellen Lebens in Deutschland“ zu beteiligen. Schon im August 1945 wurde „Die katholische Gesellschaft zur geistigen Erneuerung“ gegründet. Nachdem die britische Militärregierung die für die Einreise notwendigen Erlaubnisschreiben, die so genannten „permits“, erteilt hatte, konnte die Gesellschaft unter anderem im Winter 1946-47 die Aktion „Een Schip voor Keulen“ durchführen. Es wurden Lebensmittel und Kleidung zum Jugendzentrum Haus Altenberg in Köln geschickt, so dass dieses durchlaufend Kurse für Jugendleiter abhalten konnte. Im Sommer 1947 entsandte die General-Synode der Niederländisch-Reformierten Kirche eine siebenköpfige Delegation (unter Anderen auch den Berater der niederländischen Königin Wilhelmina, Max Kohnstamm) nach Deutschland, die sich nach ihrer Rückkehr schockiert über die Trümmer und den Hunger in Deutschland zeigte. Die General-Synode beschloss darauf hin, Maßnahmen zu ergreifen, welche darauf zielten, die geistige Isolierung Deutschlands zu beenden.

Das Memorandum von Januar 1947

Im Januar 1947 bereits kam die niederländische Regierung zu dem Entschluss, dass es für ihr weiteres Vorgehen gegenüber Deutschland notwendig wäre, eine kohärentere Deutschlandpolitik zu formulieren. Deutlich wurde, dass das Plädoyer für umfangreiche Annexionen und Reparationen mit dem gleichzeitigen Ziel der Wiederherstellung der früheren engeren Wirtschaftsbeziehungen kollidierte. Sie brach mit ihrer Politik der abwartenden Haltung und skizzierte in einem Memorandum an die Großen Vier die Umrisse eines gemeinsamen europäischen Wiederaufbaus, der Ost-West-Zusammenarbeit und einer darin eingebetteten deutschen „Gesundung“. Damit kam auch die Frage einer neuen Kulturpolitik gegenüber Deutschland auf die Agenda. Alle kirchlichen, kulturellen und sozialen Vereinigungen bzw. Organisationen in Europa forderte sie dazu auf, sich an dem Prozess der Gesundung Deutschlands tatkräftig zu beteiligen. Dies galt insbesondere für die niederländischen Einrichtungen, denn die Niederlande selbst sollten nach Vorstellung der Regierung einen eigenen wichtigen Beitrag zum Genesungsprozess in Europa beitragen. Dafür verpflichtete sich die Regierung ihrerseits, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, welche die Wiederherstellung von sozialen und kulturellen Kontakten zwischen den Niederlanden und den besetzten Gebieten behindern könnten. Insbesondere plante man, den niederländischen Einfluss auf den Teil von Westdeutschland zu vergrößern, den man durch Mentalität, historisch-kulturelle Bindungen und die Mundart als verwandt ansah.

Die Koordinationskommission (CCCD)

Diese explizite Aufforderung an kirchliche, kulturelle und soziale Vereinigungen blieb nicht folgenlos. Am 13. August 1947 unterrichteten die „Niederländische Gesellschaft für internationale Angelegenheiten“ und das „Niederländische Rote Kreuz“ den Ministerrat des Königreiches der Niederlande darüber, dass auf ihre Initiative hin am 12. und 26. Juni 1947 ein großer Teil der niederländischen kulturellen Organisationen, die im Feld der niederländischen Beziehungen zu Deutschland arbeiteten, zusammengekommen wäre und die Einrichtung einer „Coördinatie-Commissie voor Culturele Betrekkingen met Duitsland“ (kurz CCCD) beschlossen hätten. Die Hauptaufgabe dieser neuen Koordinationskommission sollte die Herstellung von kulturellen und sozialen Kontakten mit der deutschen Bevölkerung sein. Der Terminus „Koordinationskommission“ deutete auf bereits bestehende Beziehungen hin - neben den Kirchen hatten bis 1947 bereits auch die Sozialdemokraten, einige Studentenverbände und Jugendorganisationen Beziehungen nach Deutschland aufgenommen. Bei der Herstellung von Kontakten mit der deutschen Bevölkerung konnten die Mitgliederorganisationen vornehmlich auf die durch das Rote Kreuz geschaffene Infrastruktur zurückgreifen, d.h. genutzt werden konnten nicht nur die Transportmittel und persönlichen Kontakte, sondern auch geeignete Räumlichkeiten, die mit geringen Mitteln zur Durchführung von Zusammenkünften von führenden kirchlichen, politischen und sozialen Leitern oder für Treffen von Jugendlichen hergerichtet werden konnten. Bereits 1948 konnten in Burgsteinfurt bei Münster die ersten deutsch-niederländischen Begegnungen stattfinden. Den Ablauf einer der ersten Begegnungen, die anfänglich von großer Skepsis begleitet war, da keiner wusste, wie sich der Kontakt mit den deutschen Kollegen gestalten würde, schildert ein Teilnehmer in höchst lebendiger Weise. Für die Planung von deutscher Seite war die Regierungsstelle in Münster verantwortlich, die der „ganzen Angelegenheit noch etwas fremd gegenüber stand“. Die Skepsis wäre unbegründet gewesen. Nach dem Transport per Lastwagen des Roten Kreuzes vom Treffpunkt in Enschede wäre man in Burgsteinfurt freundlich empfangen worden und hätte zusammen mit den deutschen Kollegen einige interessante Vorträge gehört. Des Weiteren wäre man gemeinsam in das schwerbeschädigte Münster und zu den Stätten der Annette von Droste-Hülshoff (Rüschhaus und Schloss Hülshoff) gefahren. Ein zweiter Ausflug wäre über Rheine nach dem „lieblichen Tecklenburg“ im Teutoburger Wald gegangen. Die Besichtigung des historischen Burgsteinfurt und des fürstlichen Schlosses, „in dem entfernte Verwandte der holländischen Königin wohnten“, hätte ebenfalls auf dem einwöchigen Programm gestanden. 1949 kam im Begegnungszentrum erstmals die deutsch-niederländische Juristenkonferenz zusammen, die bis heute jährlich tagt. Insgesamt nahm im Jahr 1949 der Umfang der kulturellen Kontakte deutlich zu, blieb aber immer noch auf einen relativ kleinen Personenkreis beschränkt. Nach den Angaben der CCCD beantragten ungefähr 1200 bis 1300 Deutsche beim niederländischen Ausländerdienst ein Visum für geistige und kulturelle Zwecke, umgekehrt wollten doppelt so viele Niederländer mit gleicher Absicht nach Deutschland reisen. Für einen niederländischen „Normalbürger“ war Deutschland bis zur Öffnung für den Touristenverkehr am 21. Juni 1949 fast unzugänglich gewesen. Durch das Inkrafttreten des so genannten „tourist-scheme“ konnte nun jeder Niederländer beim „Permit Office“ ein Visum erhalten. Die niederländische Seite reagierte mit einer Lockerung ihrer bis dahin restriktiv durchgeführten Visumspolitik.

Rückblickend können die Aktivitäten der CCCD zwar positiv bewertet werden, sie waren aber von einem naiv anmutenden, moralischen Drang zur Umerziehung gekennzeichnet. Die Einstellung des beachtlichen Zuschusses durch die niederländische Regierung für eine Einzelaktivität der CCCD, des Begegnungszentrums in Burgsteinfurt, erfolgte 1950 aus rein wirtschaftlichen Gründen. Die Tätigkeit der CCCD in Deutschland, hier vor allen auf dem Feld des „Schüler- und Studentenaustauschs“, eine Tätigkeit, die dann mit Abschluss des Kulturabkommens offizialisiert wurde, lassen sich als privat gehaltene, nachbarschaftliche Formen der Annäherung begreifen. Diese Kontaktaufnahme beschränkte sich auf eine aktive Minderheit der Bevölkerung und vollzog sich nicht im professionell-kulturpolitischen Raum.

Möglichkeiten und Grenzen

Ab 1949 ergab sich die offizielle Sicht der niederländischen Regierung aus der bis 1950 geführten Diskussion um die so genannte „Hirschfeld-Nota“ (benannt nach ihrem Verfasser), in der die niederländische Regierung in umfassender Weise ihre Position im Verhältnis zu Deutschland, vor allem zur neugegründeten Bundesrepublik (23. Mai 1949, Verkündigung des Grundgesetzes) festlegte. Auch wenn hier die wirtschaftlichen Gesichtspunkte letztlich in den Vordergrund gestellt wurden, so war doch das „geestelijk-cultureel gebied“ Teil der Grundkonzeption einer neuen Politik. Entscheidende Stichworte wurden die der „Gesundung“ und der „Wiedereinschaltung“ Deutschlands, wobei sich die Kulturpolitik vor allem auf die Regionen an der Grenze bezog. Dabei traten die Ziele der Gesundung (wie sie die Allierten nach 1945 in Deutschland mit den Programmen der Re-Education betrieben) zurück, obwohl sie dem Ansatz nach weiter verfolgt wurden.

Die gegenseitige Wahrnehmung gerade im Blick auf den Zusammenhang wirtschaftlicher und kulturell-politisch verstandener Gesundung war kontrovers: Während die niederländische Seite von der deutschen eine Gesundung als Voraussetzung der Wiedereinschaltung begriff, die sie selber aktiv und auch im eigenen Interesse betrieb, sah die deutsche Seite im Hinweis auf die Notwendigkeit einer kulturellen und politischen Gesundung eher ein niederländisches Vorurteil, das als zu generalisierend empfunden wurde. Die niederländische Seite erwartete Verständnis für die „gevoeligheid“ (Empfindlichkeit) der niederländischen Öffentlichkeit und den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart; die deutsche Seite versuchte, die Felder der Politik, der Wirtschaft und der Kultur möglichst getrennt zu betrachten und die Vergangenheit wo möglich zu verdrängen. Verdeutlicht werden kann die Problematik anhand eines Arbeitspapiers, das für den Bundeskanzler Adenauer anlässlich eines Interviews mit einem niederländischen Journalisten am 26. 2. 1951 erstellt wurde: „Der augenblickliche Stand der kulturellen Beziehungen Deutschlands zu Holland [sic!] ist noch sehr stark von der Rücksichtnahme auf die zurückhaltende Einstellung vieler Holländer unserem Land gegenüber bestimmt. Deshalb ist es die Ansicht sowohl des hiesigen Kulturreferats wie des Generalkonsulats in Amsterdam, die Initiative im Wesentlichen Holland zu überlassen und bei der eigenen Arbeit den Eindruck zu vermeiden, als würde sie auch heute wieder staatlich gelenkt oder bevormundet.“

Sieht man ab von den Einzelpersonen, so war das politische Interesse auch für die Neuorientierung der Kulturpolitik leitend. Die niederländische Seite verband dabei die Bereiche von Kultur, Wirtschaft und Politik, während die deutsche Seite den Versuch unternahm, den Bereich der Kultur möglichst vom Bereich der Politik, aus nahe liegenden und auch traditionellen Gründen, zu trennen. Wegen der Kulturhoheit der Länder kam seitens der deutschen Bundesregierung nur eine Förderung der auswärtigen Kulturbeziehungen aus den Etats des Auswärtigen Amtes und des Wirtschaftsministeriums in Frage, was im Einzelnen die deutsche Seite finanziell stärkte, konzeptionell aber zur Zurückhaltung anhielt. Hinzu kam, dass insbesondere im kulturellen Bereich, die Erinnerung an die Besatzungszeit noch so stark war, so dass nur vorsichtige Normalisierungsschritte angezeigt waren. Die niederländische Seite forderte dagegen zu aktiven Schritten zur Bewältigung der Vergangenheit auf, die sie als unabdingbare Voraussetzung für eine „Gesundung“ Deutschlands sah.

Autor: Wolfgang Schanze
Erstellt:
Juli 2007