I. Einführung

Kann man von einer Jugendkultur sprechen, die als „niederländisch“ bezeichnet werden kann? Von Subkulturen und Stilen unter Jugendlichen, die vor allem oder vielleicht nur in den Niederlanden anzutreffen sind?

Vielleicht früher, als es noch kein Radio, Fernsehen, Handy und Internet gab, als die Jugend nicht scharenweise nach Ibiza fuhr, um „Party zu machen“, es noch keine digitale Game-Kultur gab, bei der sich Jugendcliquen weltweit zusammenschließen. Vielleicht vor dem Zeitalter von Migration und Globalisierung, als die Niederlande an den Landesgrenzen begannen und endeten, als Jugendliche durch kirchliche und politisch gebundene Institutionen in die Gesellschaftsordnung eingepasst wurden. Andererseits, wenn wir Jugendkultur als kulturellen Ausdruck (durch Musik, Kleidungsstil, Sprachgebrauch, Frisur) dessen verstehen, was Jugendlichen etwas bedeutet – der Normen und Werte, die sie als Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen schaffen –, dann kommt man nicht umhin zu sagen, dass Jugendkultur in den Niederlanden früher und auch jetzt noch „typisch“ niederländische Züge trägt.

In diesem Dossier werden Beispiele für Jugendkultur beschrieben, die früher in den Niederlanden entstanden und noch gegenwärtig sind. Es wird auf Formen des Zusammentreffens, musikalische Vorlieben, Ausgehtrends, Kleidungsstile von früher und heute eingegangen, in denen sich alte und neue Generationen wiedererkennen. Der Artikel beginnt mit einem Rückblick auf Formen der Begegnung Jugendlicher in frühmoderner Zeit, betrachtet die Jugend in organisierten Verbänden vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und geht dann auf die Entstehung einer unabhängigen Jugendkultur ab den 1960er Jahren ein. Danach werden einige auffällige Jugendkulturen und Jugendstile ab den 1970ern und schließlich die Jugendkultur der Gegenwart beschrieben. Obwohl die Ereignisse und Entwicklungen in den Niederlanden und Europa und auch Einflüsse aus den Vereinigten Staaten große Wirkung auf die (innere) Bedeutung der Jugendkultur für Jugendliche sowie auf die Gruppen von Jugendlichen ausüben, die sich mit Jugendkultur identifizieren, liegt die Betonung dieses Dossiers auf den äußerlichen Formen der Jugendkultur. Einige auffällige Stile Jugendlicher kommen zur Sprache, wobei auf verschiedene Quellen[1] zurückgegriffen wurde.

„Den“ Jugendlichen gibt es nicht, „die“ Jugendkultur genau so wenig

Was in den 1960er Jahren als ein Phänomen in den Niederlanden begann, eine eigene Kultur, die Jugendliche als Generation miteinander teilten und entwickelten, hat sich wie im Laufe des Textes erarbeitet wird, im Laufe von fünfzig Jahren zu einer Vielfalt an Stilen und Jugendsubkulturen ausgeweitet. Den Unterschieden ist gemeinsam, dass Jugendliche weiterhin nach Ausdruck durch Musik, Verhalten, Tanz, Bewegung, Kleidung und Frisur suchen, um zu zeigen, wer sie sind und wohin sie gehören wollen. Gleich ist auch, dass Jugendkultur niemals ein nationales Phänomen gewesen ist, immer durch Entwicklungen und Bewegungen anderswo in der Welt beeinflusst, aber doch immer mit niederländischem „Twist“. Es wird immer schwieriger, festzustellen, was den „niederländischen“ Charakter eigentlich ausmacht. Eigentlich schön.


[1] Hier zum Beispiel: Bogt, Tom ter/Hibbel, Belinda (Hrsg.): Wilde Jaren. Een eeuw jeugdcultuur, Utrecht 2000; Naber, Pauline: Alledaags leven. Hangjongeren & Dugouts, in: Het alledaagse leven : tradities en trends in Nederland 27, Zwolle/Utrecht 2010; Hermes, Joke/Naber, Pauline/Dieleman, Arjan (Hrsg.): Leefwerelden van Jongeren, Bussum 2007; Haan, Jos de/Hof, Christian van ’t (Hrsg.): Jaarboek ICT en Samenleving 2006. De digitale generatie, Amsterdam 2006.

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011