VIII. Hangjongeren: Jugendkultur auf der Straße

Hangjongeren[1] hielten vor ungefähr zwanzig Jahren Einzug in den niederländischen Sprachgebrauch. Sie hatten und haben ein negatives Image in der breiten Öffentlichkeit. Zeitungen berichteten über Belästigung durch Geschrei, zurückgelassenen Müll, kiffen und Alkoholmissbrauch oder von einem Gefühl von Unsicherheit, das die Jugendlichen hervorrufen. Manches Dorf und manche Stadt hat in den letzten zehn Jahren sogar eine „Hangjongeren-Politik“ entwickelt. Vorschriften, Regeln und Zusammenrottungsverbote legten fest, was Jugendliche auf der Straße tun durften und was nicht. Oft wurden in Dörfern und Städten Orte vorgegeben, an denen sich Jugendliche ungestört treffen durften. Falls nötig wurden „Mosquitos“ angebracht, um Jugendliche zu vertreiben. Diese Geräte geben einen nervenraubenden, hohen Piepton ab, der wegen der Tonfrequenz vor allem von Jugendlichen wahrgenommen wird und sie dazu bringt, sich einen anderen Ort zu suchen. Versuche der Verwaltung und der Erziehungsberechtigten, den Aufenthalt und das Verhalten der Jugendlichen in der Öffentlichkeit zu regulieren und einzuschränken, sind nicht neu. Herumhängen und auf der Straße zusammenkommen gab es als Ausdruck für moderne Jugendkultur, auf die Erwachsene oft mit Sorge blickten und reagierten, schon immer. Worin unterscheiden sich Hütten, in denen die Dorfjugend von früher zusammenkam von den Baracken zum Abhängen heute? Waren die Halbstarken der 1960er Jahre die städtischen hangjongeren der Gegenwart? Welche Jugendlichen nutzen den öffentlichen Raum als Treffpunkt – und warum eigentlich?

Alte Schuppen, ausgediente Abfallcontainer, Baracken, Schutzdächer: Es gibt heutzutage viele Arten von Orten zum „Abhängen“ für Jugendliche in den Niederlanden. Die Jugend auf dem Land nutzt den Unterschlupf, um sich zu treffen. Gemeinsam zimmern sie in diesen als drankkeet bezeichneten Orten eine Bar zusammen, bringen Licht an oder schleppen alte Bänke hinein, um sitzen zu können. Manche Eltern sind besorgt und fürchten übermäßigen Alkoholgenuss. Andere Eltern wiederum finden, dass Baracken nun einmal zur Jugendkultur auf dem Land gehören. Sie haben vielleicht auch selbst in ihrer Jugend mit Altersgenossen Treffpunkte in Hütten und Schuppen gebaut. Jugendliche selbst sagen, dass sie gern beieinander sitzen wegen der Geselligkeit, um zu quatschen, ein bisschen fern zu sehen und ein Bierchen zu trinken. Samstagabends ist die Baracke ein Ort für das „Vorglühen“, bevor man in die Discothek in ein Nachbardorf weiterzieht. Es wird geschätzt, dass es in den Niederlanden etwa 1.500 Baracken gibt, die von Jugendlichen außerhalb der Städte als Treffpunkt genutzt werden. Auch die Stadtjugend trifft sich außer Haus. Im Stadtteilhaus, der Sportkantine, aber auch an unzähligen informellen Treffpunkten in der Öffentlichkeit: an der Straßenecke, an einer Bank im Park oder im Einkaufszentrum, beim lokalen Imbiss oder auf einem Sport- oder Spielplatz in der Nachbarschaft. Sie reden und rauchen etwas, schauen, was um sie herum so alles passiert, kommentieren Passanten, besprechen gegenseitig ihre Kleidung, neue Motorroller oder Handy.

Ein hangjongere ist laut dem niederländischen Wörterbuch Van Dale „ein Jugendlicher, der herumhängt“ oder ein „Jugendlicher, der mit einer Gruppe auf der Straße herumhängt und manchmal für Unruhe sorgt“. Auch wenn der Volksmund und die Medien Jugendliche auf der Straße mit Belästigung und Kriminalität assoziieren, verhält es sich in Wirklichkeit oft anders. Es sind überwiegend unauffällige, normale Teenager, die sich im täglichen Leben auf der Straße treffen. Die Mehrheit der niederländischen Jugend trifft sich vor allem zu Hause und in organisierten Vereinen. Eine Minderheit geht auf die Straße. Meistens sind es Jungen, oft (aber nicht immer) aus Familien mit geringem Einkommen. Sie wachsen in Arbeitervierteln auf, aber auch in Neubauvierteln und auf dem Land. Die Gruppe zum Abhängen kann groß oder klein sein, lose oder eng verbunden, vor allem aus Schulschwänzern und arbeitslosen Jugendlichen bestehen, aber auch aus Jugendlichen, die sich nur nach der Schule treffen. Etwa die Hälfte der Straßengruppen stört und lärmt in der Nachbarschaft oder macht auch mal etwas kaputt. Ein kleiner Teil provoziert Passanten und Polizei, und ein noch kleinerer Teil ist für Vandalismus verantwortlich, ist in irgendeiner Form gewalttätig und kriminell und ist nicht gewillt, über sein Verhalten zu sprechen.


[1] wörtlich: Hängejugendliche; Jugendliche, die herumlungern, „abhängen“

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011