V. Halbstarke und Jugendkultur

Die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts markierten das Entstehen einer immer längeren Periode des Jungseins und den Beginn einer blühenden Jugendkultur. Jugendliche verbrachten viel Zeit mit ihren Altersgenossen, was zur Schaffung einer eigenen Lebenswelt und zur Abgrenzung von den Erwachsenen führte. Die Zunahme an Freizeit, der wachsende Wohlstand und der sich ausbreitende Konsum gaben Jugendlichen die Mittel, um auszudrücken, wer sie waren, wofür sie standen, zu wem sie gehörten und wie sie gesehen werden wollten. Erwerbstätige Jugendliche, Realschüler und Studenten taten dies mit eigenen Stilen und Jugendgruppen.

Rock ‘n roll war der erste Musikstil der Jugendkultur, die, aus den Vereinigten Staaten importiert, Teenager vereinte und gleichzeitig die Erwachsenen schockierte. Der Mix aus schwarzem Rhythm & Blues und weißem Country & Western mündete in eine neue, aufregende Tanzmusik und einen auffälligen Kleidungsstil. Es entsprach vor allem der Vorstellung der arbeitenden Jugendlichen, die sich abends nach der Arbeit mit ihren aufgemotzten Mofas – „buikschuivers[1] –, mit ihren Transistorradios und einem auffallendem Äußeren an Straßenecken postierten. Jungen in kurzen Lederjacken, weißen T-Shirts und Jeans, spitzen Schuhen und Schmalztollen; Mädchen mit nach oben gekämmten – „auftoupierten“ – Haaren, weiten Petticoats und Röcken, breiten Gürteln, die Füße in flache Schuhe und kurze Söckchen gesteckt. Der „Twist“ als moderne Tanzform hielt Einzug: sexy in den Hüften wiegen, die Arme locker hin und her bewegen. Der Twiste wehte aus den USA herüber und wurde in den Niederlanden Kult. Bei Tanzveranstaltungen in großen Städten gab es auch Tanzwettkämpfe.

Filmhelden wie Marlon Brando in „Der Wilde“ (1953) und James Dean in „... denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1955) waren in dieser Zeit beliebte Vorbilder, weil sie die Autoritäten scharf kritisierten, in Bandenkämpfe verwickelt waren und mit dem Erwachsenwerden rangen. Die aufpeitschende Musik und die Hüften schwingenden Tanzbewegungen von Little Richard, Bill Haley und Elvis Presley sprachen die Jugendlichen an. Erwachsene fürchteten, dass der moderne Tanz und die Musik unangepasstes und unsittliches Verhalten bewirken könnten. Halbstarke[2] wurde eine Bezeichnung für aufsässige Jugendliche, die diesen Stil wählten. Im linksgerichteten Wochenblatt Vrij Nederland (im Zweiten Weltkrieg als Widerstandszeitung gegen die deutsche Besatzung gegründet) gaben der Journalist Jan Vrijman und der Fotograf Ed van der Elsken in ihren Artikeln in den 1950er Jahren den Halbstarken ein Gesicht und eine Stimme. Sie zeigten, wie sich die Jugend nach einem harten Arbeitstag in der Fabrik, auf dem Bau oder im Hafen in ihrer eigenen Welt entspannte, für die sie dank gestiegener Löhne für Jugendliche auch die finanziellen Mittel hatten. Mit ihrer Jugendkultur setzten sie sich von der bürgerlichen Moral und den herrschenden Autoritäten ab, erlebten mit ihren Mofas und Motoren ein Gefühl von Freiheit. Bei der Vorführung des Films „Außer Rand und Band“ brachen an einigen Orten in den Niederlanden kleine Krawalle aus. Alarmiert durch den aufrührerischen Charakter des Films wartete die Polizei auf die Jugendlichen, was wiederum Reaktionen seitens der Jugendlichen provozierte. An mehreren Orten in den Niederlanden wurde der Film verboten. Der Widerstand der Jugend gegen die Obrigkeit war geboren.

Die Halbstarken in Amsterdam, die sich am Nieuwendijk trafen, sorgten mit dem Herumrasen auf ihren Mofas und dem Provozieren der Polizei für Lärm und Aufregung. Die kleinen Krawalle fanden in den Zeitungen große Beachtung und wurden als Äußerungen einer rebellischen Jugend beschrieben. Auch wenn die Halbstarken öffentlich bürgerliche Normen bezüglich Anstand, Umgangsformen und Sexualität infrage stellten, gingen sie jeden Tag zur Arbeit und fügten sich nach ihren wilden Teenagerjahren in die Pflichten von Ehe und Familienversorgung ein.

Mofa: Symbol der Jugendkultur

Amsterdamer Jugendliche versammelten sich in den 1950er Jahren mit ihrem liebsten Verkehrsmittel an Straßenecken: dem Mofa. Während in ganz Westeuropa das Moped das Symbol der Jugendkultur wurde (jedes Land hatte sein eigenes Model), war das Verkehrsmittel in den Niederlanden eine beliebte, schnelle Variante des Fahrrads. Hausfrauen, Bauern auf dem Land, Büropersonal und Arbeiter in den Städten sowie immer mehr Jugendliche, die das Geld dafür hatten, sich ein eigenes Fahrzeug anzuschaffen, fuhren Mofa. Das Mofa war unter Jugendlichen nicht nur Verkehrsmittel, sondern auch eine Möglichkeit, sich durch das Model und die Geschwindigkeit voneinander zu unterscheiden. Während die Halbstarken mit ihren Schmalztollen, engen Hosen, Lederjacken und Zigaretten, die beiläufig im Mundwinkel hingen, auf einer robusten deutschen DKW, Zündapp und Kreidler herumfuhren (vornüber gebeugt, Hände am Lenkrad, ein Mädchen hinten drauf), wählten die Studenten und Künstler eine Puch oder Tomos mit einem hohen Lenker, die Füße in Wildlederschuhen, mit schwarzem Mantel und langem Haar, das im Wind wehte. Die Jugendlichen unterschieden sich voneinander durch ihr Fahrzeug und ihr Aussehen, durch den sozialen Hintergrund und ihr Zukunftsbild, teilten aber ihre Protesthaltung gegenüber der bürgerlichen Moral und der bürgerlichen Gesellschaft.


[1] Wörtlich „Bauchschieber“, ein Moped mit langer Sitzfläche, bei dem der Fahrer vornüber gebeugt in Rennfahrerposition liegend fahren konnte
[2] Niederländisch „nozems“, vielleicht die Abkürzung von Nederlands Onderdaan Zonder Enig Moraal (niederländischer Untertan ohne jegliche Moral)

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011