XII. Graffiti als Straßenkultur

Heute ist Graffiti eine anerkannte Kunstform, die in Galerien ausgestellt wird und mit bekannten Namen wie Keith Haring und dem Niederländer Herman Brood verbunden wird. Brood kombinierte Rockmusik, Malerei und Graffiti als seine Lebenskunst, wurde als Musiker und Maler einem breiten niederländischen Publikum bekannt.

Rockheld Herman Brood

Herman Brood spielte und sang in verschiedenen Rockbands, darunter die Moans, mit denen er in den 1960er Jahren durch Deutschland tourte. Dort wurde der Grundstein seiner Alkohol- und Drogensucht gelegt, die er bis zu seinem Tod 2001 nicht loswurde. In den Niederlanden wurde er mit der Band Wild Romance bekannt. Die zweite Hälfte seines Lebens stand im Zeichen der Malerei, mit der er als Graffitisprayer begann und zu Beginn illegal, später im Auftrag, Straßenbahnen und andere Objekte im öffentlichen Raum besprühte. Sein Äußeres – schwarze Haartolle, enge Hosen, nackter Oberkörper unter der Lederjacke – illustrierte seinen Lebensstil. „Es gibt nur eine Sache, die mich im Rock & Roll wirklich beschäftigt: ihn rein zu belassen. Und mit rein meine ich die Armenviertel. Denn da gehört Rock & Roll hin, da ist Rock & Roll aufgewachsen.“ Herman Brood hinterließ eine große Gemäldesammlung, Platten und Biografien. Durch sein wildes Leben ist er für zwei Generationen zur Verkörperung von Sex, Drugs and Rock & Roll geworden. Sein Werk wurde nach seinem Tod in Übersichtsausstellungen im Stedelijk Museum in Zwolle, dem Cobra Museum in Amstelveen und dem Groninger Museum gebracht.

Das moderne Graffiti hat seinen Ursprung in den Vereinigten Staaten, wo Ende der 1960er Jahre Jugendliche aus Elendsvierteln zur Provokation Wände, U-Bahnstationen, Bretterzäune und öffentliche Gebäude mit Filzstiften bearbeiteten und mit Farbe besprühten. In den 1980er Jahren machten niederländische Ska-Anhänger, Punks und Hiphoper in Amsterdam und Rotterdam Graffiti zu einem Stilmerkmal ihrer Subkultur. Sie sprühten Botschaften, Abbildungen und Zeichnungen auf Straßeninfrastruktur (Bus- und Straßenbahnhaltestellen, Sitzbänke, Telefonzellen), Straßenbahnen und Busse, Überführungen und Gebäude. Durch das Signieren mit einem Spitznamen, Buchstaben oder einer Figur als symbolische Unterschrift – Tag – zeigten sie, dass sie da sind, tauchte ihre Anwesenheit überall in der Stadt auf. Kompliziertere Graffitisignaturen – Pieces – brauchten mehr Zeit und wurden gut vorbereitet. Durch Verwendung bestimmter Farben und Formen waren die Sprayer für andere zu erkennen und konnten zeigen, wie geschickt, kreativ und originell sie waren. Der öffentliche Raum wurde bemalt und eingefordert.

Wie künstlerisch die Zeichnungen auch sein mögen, Graffiti ist verboten und wird von Behörden und Eigentümern der Objekte als Vandalismus betrachtet. Die Sprühdosen sind teuer, das Entfernen der Farbe allerdings auch. Graffiti ist zum Teil aus der illegalen Straßenszene herausgekommen, indem es durch bekannte Künstler übernommen wurde. Auch wurde Graffiti in Schulen und Jugendclubs genutzt, um der Umgebung eine junge und zeitgenössische Ausstrahlung zu geben. Jugendliche fertigen unter Anleitung von Künstlern oder Fachlehrern einen Entwurf an, den sie dann auf die Wände ihrer Schule oder ihres Clubhauses sprühen. In Graffitiworkshops kann die Sprühkunst geübt werden und in manchen Städten wurden Stellen geschaffen, an denen legal gesprüht werden darf. Damit verliert Graffiti als Protestform für Jugendliche seine Attraktivität.

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011