XIII. Digitale Jugendkultur

Jugendliche in den Niederlanden sind – genau wie Jugendliche anderswo in der westlichen Welt – mit dem Internet aufgewachsen. Auch wenn der Umgang und das Leben mit digitalen Kommunikationsmitteln für Jugendliche selbstverständlich ist, werden sie von Marketingprofis und Forschern mit einer Vielfalt von Begriffen kategorisiert: die Internetgeneration, Dotcom-Generation, Netzwerkgeneration, Nintendo-Generation, Einstein-Generation, SMS-Generation, Copy-and-Paste-Generation, Screenagers, Generation M (Medien) oder Generation C (Content), Myspace-Generation oder Ableitungen diverser anderer IT-Applikationen. Wie auch immer Erwachsene darüber denken, die heutige Jugend zu typisieren, für Jugendliche selbst bietet das Internet viele Möglichkeiten zur Formung neuer Jugendgruppen. So ist das „Clan-based-Gaming“ entstanden, das zusammen Spielen per Internet, zu Beginn vor allem zwischen Gruppen von Freunden, stets jedoch zwischen „Clans“ von Gamern, die sich via Internet getroffen haben und die ernsthaft – fanatisch – miteinander Spiele spielen. Auch unter Gamern hat sich ein eigener Sprachgebrauch entwickelt, um innerhalb des Clans zu kommunizieren und andere Clans dabei auszuschließen. Eine groß angelegte Form des Online-Gaming sind die Massively Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPG), inzwischen überflügelt von World of Warcraft, bei dem weltweit Millionen zahlende Teilnehmer mitspielen. Hierdurch wird deutlich, dass die digitale Jugendkultur keine niederländisches, europäisches oder westliches Phänomen ist, in die übrigens auch Erwachsene fanatisch spielend involviert sind. Gleichzeitig werden kleine Local Area Networks (LANs) aufgebaut, in denen Jugendliche am Wochenende in einem Gemeinschaftshaus oder Club miteinander spielen, die einen Jargon verwenden, der von Außenstehenden kaum zu verstehen ist.

Ein ganz anderes Beispiel digitaler (Jugend-)Kultur sind marokkanische, türkische und antillianische/surinamische Websites. Eine bekannte Website ist Maroc.nl, die von Jugendlichen marokkanischer Abstammung aufgebaut wurde und Jugendlichen eine digitale Plattform bietet, um Erfahrungen, Auffassungen und Ideen miteinander zu teilen. Die Seite beschreibt sich selbst als marokkanisch-niederländische Community mit einem Aktivitätenkalender, Fotos, Games, Foren, Videos, Dates und Chats, wo man gemeinsam „Fun“ haben kann, wo aber auch ernsthaft über Politik und soziale Themen, wie die zunehmende Furcht vor dem Islam in den Niederlanden, diskutiert wird. Diese digitale Jugendkultur ist sowohl Ausdruck der Zusammengehörigkeit als marokkanisch-niederländische Jugendliche, als auch des (drohenden) Ausschlusses aus der Gesellschaft. Auch diese Entwicklung ist kein speziell niederländisches Phänomen.

Digitale Jugendkultur ausländischer Jugendlicher

„Sogar der Klingelton ist Hinduistisch“, ist der Beginn des Portraits von Sheetal Lachminrainsingh (16), der täglich das Internet benutzt, um mit einem Freund zusammen Hindufeste und Veranstaltungen für Jugendliche zu organisieren. „Manchmal bin ich sicher fünf Stunden am Tag aktiv online. Ich bereite zusammen mit DJs Partys vor, maile mit Geschäftspartnern. Ohne Internet wäre mein Leben noch stressiger.“[1]

Die IT-Nutzung durch Jugendliche mit Migrationshintergrund ist intensiv, aber bleibt etwas hinter dem einheimischer Jugendlicher zurück. Internetnutzung ist ein Spiegel des Verhaltens offline: Gruppen, die im richtigen Leben vor allem auf ihre eigene Gruppe orientiert sind, sind das im Internet meist auch. Der Internetverkehr ermöglicht Jugendlichen, mit Rollen und Identitäten zu experimentieren, ohne durch soziale Kontrolle durch die Familie oder die Gemeinschaft behindert zu werden. Marokkanische Jugendliche diskutieren in Foren auf Websites wie maroc.nl über Aktuelles, aber auch über den Islam und sensible Angelegenheiten wie Liebe, Beziehungen und die Ehe. Mal lassen sie sich dabei von ihrem kulturellen und islamischen Hintergrund leiten, mal von ihren täglichen Erfahrungen als marokkanische Niederländer. Sie verweisen auf verschiedene Bindungen, Loyalitäten und Dilemmas Jugendlicher. Vor allem muslimischen Jugendlichen bietet das Internet einen Ort, mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu kommen, in Anbetracht dessen, dass der Umgang zwischen Jungen und Mädchen strengen Regeln unterworfen ist. Eltern wissen oft wenig über das Internet und darum gehören diese Websites zur eigenen Domäne der Jugend.


[1] Jaarboek ICT, 2006, S. 107.

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011