IV. Jugendbewegung und Jugendkultur

Die erste Bewegung junger Menschen, die sich von der Erwachsenengeneration abwandten, um ihre Freizeit miteinander zu verbringen, waren die deutschen Wandervögel, gegründet 1901. Der Name stand für eine Ansammlung voneinander unabhängiger Jugendgruppen, die ohne Kontrolle durch Eltern und Lehrer ihre eigenen Wege gehen wollten. Es wurde Sport getrieben, gezeltet und in der Natur gewandert – ohne Bemühungen und die Autorität Erwachsener.

Die Wandervögel fungierten als Vorbild für spätere Jugendbewegungen. Zu Beginn gehörten ausschließlich Jungen dazu, später durften sich auch Mädchen anschließen. Die Teilnehmer gehörten überwiegend der Mittelklasse an. Sie glaubten, dass die Zukunft der Jugend gehörte, dass die Gesellschaft eine bessere werden würde, wenn nicht Erwachsene sondern sie selbst Quelle der Veränderung wären. In der unberührten und reinen Natur zusammen sein, um miteinander Umgang zu pflegen, spielte bei dieser Veränderungsvision eine wichtige Rolle.

Auf vergleichbare Art waren die Pfadfinder eine Jugendbewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkam, und bei der die Natur im Mittelpunkt der Freizeitbeschäftigungen der Jugendlichen stand. Wenngleich Erwachsene letztendlich doch die Leitung hatten, wurden die angeschlossenen Gruppen – Patrouillen – von etwas älteren Jungen angeführt. Spielerisch und auf abenteuerliche Art machten sie sich einige Fähigkeiten zu Eigen: Spuren suchen, den Kompass lesen, Hütten bauen, Feuer entfachen. Auch hier waren anfänglich nur Jungen dabei. Erst später entstanden auch Mädchengruppen. Es wurde viel gewandert und gesungen, zum Beispiel das Pfadfinderlied: „Hoort zegt het voort, dat nu Jong Nederland niet meer teert, op de kracht van een roemrijk geslacht, maar aan het werk gaat met eigen hand “[1] . Und die Mädchen sangen: „Wij Hollandsche meiskes zo jong en zoo blij, in vrijheid vereenigd tezaam; wij staan onze jeugdige broeders ter zij, de padvindster is onze naam“[2]. Genau wie die Wandervögel kamen die Mitglieder der Pfadfinderbewegung vor allem aus bürgerlichen Kreisen. Die Kleidung und das Anschaffen eines Fahrrads, um in die Natur hinaus zu fahren, war für die Arbeiterjugend nicht bezahlbar.

Scouting in den Niederlanden

Die Pfadfinderei – das Scouting – war und ist die größte Jugendvereinigung in den Niederlanden. Ein Pfadfinder legt bei der Einführung das Gelöbnis ab, sich an das Gesetz zu halten, anderen zu helfen und vor Gott und Vaterland seine Pflicht zu tun. Außenstehende verspotteten den quasimilitärischen Charakter der Pfadfinderbewegung, in die junge Pfadfinder eingegliedert wurden. Heutzutage müssen Pfadfinder kein Gelöbnis vor (einem) Gott ablegen, wodurch die Bewegung auch nichtgläubigen Jugendlichen offensteht. Die Pfadfinder sind in Altersklassen von fünf bis 23 Jahre und älter eingeteilt, von Bibern bis zu Rover/Ranger, in denen sie miteinander Aktivitäten im Freien unternehmen. Die Pfadfinderei ist zwar eine weltweite Bewegung, aber für Jugendliche in den Niederlanden geht es um den Kontakt mit Altersgenossen aus der eigenen Stadt oder dem eigenen Dorf.

Vor allem die Arbeiterjugendzentrale (Arbeidersjeugdcentrale, AJC), gegründet 1919, die sich insbesondere mit der Arbeiterjugend und deren Ausbildung beschäftigte, bot Freizeitbeschäftigung und politische Bildung. Praktisch jeden Tag konnten die Jugendlichen in lokalen Gruppen in Schach- und Dameclubs, bei Sport, Musik und Volkstanz, Diskussionen und Streifzügen durch die Natur mitspielen. Auch die AJC ging zu Fuß in die Natur, um den Jugendlichen aus der Stadt Gelegenheit zu geben, das Leben in der Natur kennen zu lernen. Man wanderte, sprach miteinander und tanzte.

Die Blütezeit der politik- und säulengebundenen Jugendbewegungen und Jugendorganisationen endete nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Säkularisierung schritt voran und die Jugendlichen fühlten sich immer weniger von Naturwanderungen angesprochen. In der Stadt und auf dem Land wurden durch die Kommunen Club- und Gemeinschaftshäuser eingerichtet, so dass sich Jugendliche selbständig in Tischler-, Handarbeits- und Nähclubs erholen und beschäftigen konnten. Trotzdem fanden die meisten Jugendlichen die Aktivitäten wie Kino und Tanzen, die die inzwischen wachsende Jugendkultur mit sich brachte, viel spannender und anziehender. Ein Teil der Jugendarbeit bekam einen offeneren Charakter, wie zum Beispiel Teenager- und Jugendvereine, wo sich Jugendliche unverbindlich kennen lernen, tanzen und Musik hören konnten. Aber die Jugendlichen wollten mehr. In den 1960er Jahren forderten sie immer mehr Autonomie und Mitspracherecht. Es wurden mehr halbkommerzielle Jugendzentren, wie das Paradiso in Amsterdam und De Kargadoor in Utrecht eingerichtet, wo die Jugendlichen ihre eigene Jugendkultur einbrachten.

Paradiso: Poptempel seit den 1960er Jahren

Das Paradiso ist eine ehemalige Kirche, einen Steinwurf entfernt vom Leidseplein und dem Vondelpark, zwei zentralen Treffpunkten Jugendlicher – Hippies – in den 1960er Jahren. Die Jugendlichen besetzten die Kirche, wurden erst durch die Polizei hinausgeworfen, dann aber nach einem Jahr wurde die Kirche doch noch ein Jugendzentrum. Das Paradiso gibt es immer noch und ist heutzutage der Poptempel der Niederlande. Wer dort als Musikband gespielt hat, als Sänger oder Sängerin aufgetreten ist, ist wirklich jemand! Bekannte Namen sind hier aufgetreten: UB40, Rolling Stones, Prince, David Bowie, Red Hot Chili Peppers, Billy Idol, Robbie Williams oder Lady Gaga.

Auch in Provinzstädten wurden in den 1960er Jahren Jugendzentren gebaut, in denen die Jugendlichen nach der Schule bleiben konnten, bevor sie nach Hause gingen. Letztlich blieb die Straße jedoch ein selbstverständlicher und anziehender Treffpunkt, an dem herumlungernde Jugendliche mit ihrer eigenen Musik, ihrem eigenen Tanz und ihrer eigenen Kleidung sichtbar blieben. Eine neue Quelle des Jugendvergnügens begann zu sprudeln.


[1] Wörtlich: Hört zu und sagt es weiter, dass nun die Jungen Niederländer nicht mehr zehrt von der Kraft eines ruhmreichen Geschlechts, sondern ans Werk geht mit eigener Hand.
[2] Wörtlich: Wir holländischen Mädchen so jung und so froh, in Freiheit und vereint zusammen; wir stehen unseren jugendlichen Brüdern zur Seite, die Pfadfinderinnen ist unser Namen.

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011