VI. Hippies und Provos

Ein Gegenentwurf zur Halbstarkenkultur der 1960er Jahre war die Hippiekultur, die aus den USA herüberwehte. Mit ihr gingen die Jugendlichen auf Abstand zum amerikanischen Traum, zur Weltmacht und zum Militarismus. Stattdessen predigten die Hippies – in Second-Hand gekleidet, mit alten Jeans, indianischen Gewändern und langen Haaren – Liebe und das Zusammenleben ohne Eigentum. Sie waren auf der Suche nach dem „wahren“ Sein. Die Hippiebewegung war ein Protest gegen die bürgerliche, geordnete Gesellschaft und nahm Abstand vom zunehmenden materiellen Wohlstand. Die Bewegung führte Drogen in den Niederlanden ein: Haschisch und Marihuana, LSD und später härtere Mittel. Drogen erweiterten das Bewusstsein, brachten den Verwender mit seinem „tieferen Selbst“ in Kontakt, aber konnten auch in einen „schlechten Trip“ führen.

In Amsterdam wurde der würdevolle Vondelpark, in dem das begüterte Bürgertum am Abend und an Sonntagen gern einen Spaziergang über die geharkten Wege unternahm, der Treffpunkt der Hippies, die aus der ganzen Welt im Park landeten. Im langen schönen Sommer 1971 trafen sich die Jugendlichen Gitarre spielend und tanzend, mit langen Glasperlenketten mit dem Peacezeichen um den Hals und Blumen im Haar. Sie schwammen im Teich, hatten freien Sex, rauchten bewusstseinserweiternde Mittel; das Leben wurde zelebriert. Der Park wuchs zu einem Hippiecamp heran, die Stadtverwaltung ließ Toiletten und Duschen aufstellen, richtete einen Hilfsposten für verrückt gewordene Drogenabhängige ein, die Polizei achtete auf die Sicherheit. Einige Jahre später wurde das Zelten im Park verboten und eine frühere Mädchenschule zu einer Jugendherberge umgebaut. Wie jede Jugendkultur war auch die Hippiebewegung mit Musikgeschmack und Stil verbunden. Die amerikanische Musikszene hatte einen großen Einfluss auf die niederländische Musik, aber es gab auch niederländische Sänger, die sich einen Namen machten. Nach dem Vondelpark in Amsterdam wurde der Kralingse Bos (Stadtwald in Kralingen) in Rotterdam in den 1970er Jahren ein Podium, wohin etwa 100.000 Besucher zum Musik hören, tanzen, essen, rauchen und trinken kamen. Bis heute bieten große Parks während der Sommerzeit Musikbands ein Podium und Besuchern, die die Musik hören und zeitgenössische Formen der Jugendkultur äußern und erleben wollen, einen Aufenthaltsplatz: Dance Valley (the Woodstock of Dance) in Spaarnwoude (Nordholland), Pinkpop in Landgraaf (Südlimburg), Lowlands in Biddinghuizen (Flevopolder), um nur einige Beispiele zu nennen.

Ende der 1960er Jahre radikalisierte sich ein Teil der Studenten in den Niederlanden – unter dem Einfluss der Revolution in Paris und der Reformbewegungen in Berlin – zu dem, was Provobewegung genannt wurde. Wie die Hippies waren auch die Provos antiautoritär eingestellt und gegen die Obrigkeit, für eine weitergehende Demokratisierung und den Widerstand gegen Regententum. Der witte-fietsenplan[1] sollte in der Stadt das kostenlose Nutzen von Fahrrädern als Alternative zu umweltverschmutzenden Autos ermöglichen, der witte-wijvenplan[2] die kostenlose Abgabe der Antibabypille. Letztlich war diese Jugendbewegung ein Ansatz zur Demokratisierung der Verwaltungsstrukturen an Universitäten, zu gleichwertigeren sozialen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, zu mehr Platz für Nonkonformismus und offener Kommunikation. Jedoch sind die Niederlande kein sozialistisches Land geworden, wie die radikalen Studenten gehofft hatten.


[1] wörtlich: der weiße-Fahrrad-Plan
[2] wörtlich: der weiße-Weiber-Plan

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011