Deutsch-Niederländischer Journalistenaustausch: Kontakte fördern, Wissen vertiefen

“Ich weiß jetzt, nach zwei Monaten in Amsterdam, weniger über die Niederländer, als ich zu Beginn meiner Reise zu wissen glaubte. Aber ich bin neugierig geworden”, resümiert Jan Kanter, Auslandsredakteur bei der Tageszeitung Die Welt in Berlin seinen redaktionellen Gastaufenthalt im Rahmen des deutsch-niederländischen Journalistenaustausches. Zwei Monate bei einem Medium in einem fremden Land mit unterschiedlicher Kultur und anderer Sprache leben und arbeiten – dadurch haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als 200 deutsche und niederländische Journalisten intensiv mit weitgehend unbekannten politischen und gesellschaftlichen Strukturen sowie divergierenden wirtschaftlichen Entwicklungen auseinandergesetzt. Ein wichtiger Schritt nicht nur für die individuelle journalistische Weiterbildung, sondern auch für das gegenseitige Verständnis.

1993 zeigte sowohl die umstrittene ‚Clingendael-Studie’ hinsichtlich des Bildes niederländischer Jugendlicher über Deutschland und die Deutschen, wie auch die ‚Ik ben woedend-Postkartenaktion’, als Reaktion auf die ausländerfeindlichen Anschläge in Solingen, dass in den Niederlanden ein negatives Bild über den östlichen Nachbarn herrschte.

Kurzinfo: Clingendael Studie

1993 erschien die erste Clingendael-Studie zum Deutschlandbild niederländischer Jugendlicher. Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen hatten ein negatives Deutschlandbild. Im europäischen Vergleich lag Deutschland mit großem Abstand hinter den anderen EU-Mitgliedsstaaten. Aufgrund ihrer methodologischen Anlage und Interpretationsfreudigkeit wurde die Studie stark kritisiert. Ebenso wurde der Erhebungszeitpunkt, kurz nach ausländerfeindlichen Anschlägen, ungünstig gewählt. Folgeuntersuchungen in 1995 und 1997 bestätigten zwar ein ähnlich negatives Bild über Deutschland und ‚die Deutschen’ bei niederländischen Jugendlichen. Repräsentative Untersuchungen bei der niederländischen Gesamtbevölkerung zeigten jedoch, dass das Deutschlandbild differenziert betrachtet werden muss. Einerseits gebe es eine große Gruppe unter der niederländischen Bevölkerung, welche negative Eigenschaften den Deutschen zuordnen – wie zum Beispiel Unfreundlichkeit, andererseits gebe es eine nicht geringere Gruppe an Niederländern, die sehr positive Attitüden gegenüber Deutschland und ‚den Deutschen’ äußerten.

Auf Anfrage des deutschen Auswärtigen Amtes und des Bundespresseamtes wurde gemeinsam mit dem niederländischen Außenministerium der deutsch-niederländische Journalistenaustausch initiiert. Zur Wahrung der Unabhängigkeit und Vermeidung politischer Einflussnahme beschlossen die beiden Außenministerien an deutscher Seite die Internationalen Journalisten-Programme e.V. (IJP) in Berlin mit der Organisation des deutsch-niederländischen Austauschprogramms zu beauftragen. Als Partnerorganisation wurde das Journalistenstipendium Deutschland-Niederlande (JDN) unter dem Vorsitz von Rob Meines, ehemaliger Deutschlandkorrespondent des NOS-Journaal und des NRC Handelsblad, gegründet. Die IJP sind ein eingetragener Verein, der aus dem Engagement von Schülerredakteuren entstand und heute Austauschprogramme in die USA, Großbritannien, Südafrika, und den Regionen Nordeuropa, Asia-Pazifik, Lateinamerika und Osteuropa ehrenamtlich organisiert. Inzwischen haben mehr als 1.000 Journalistinnen und Journalisten aus über 25 Ländern an den Stipendienprogrammen der IJP teilgenommen. In den Niederlanden gibt es neben dem deutsch-niederländischen Programm seit einigen Jahren ein niederländisch-belgisches Journalistenaustauschprogramm (JBN).

Vertiefung des gegenseitigen Verständnisses

Primäre Zielsetzung des deutsch-niederländischen Austausches ist es, das Verständnis von Journalistinnen und Journalisten über die eigenen Landesgrenzen hinaus für Politik, Wirtschaft und Kultur zu vertiefen, um die nuancierte und ‚objektive’ Berichterstattung zu fördern. Darüber hinaus wird das Interesse für die vermeintlich gleiche Kultur, das Verständnis füreinander und der europäische Gedanke des Miteinanders intensiviert.

Bereits nach dem ersten Austausch – pro Jahr nehmen bis zu zehn deutsche und zehn niederländische Journalisten teil – zeigte sich, dass auch weitere Veränderung, die zuvor nicht beabsichtigt waren, eintraten: Neben dem Kennen lernen der anderen Gesellschaft, setzten sich die Journalisten intensiv mit der eigenen journalistischen Kultur auseinander und glichen dieses kritisch mit ihren Tätigkeiten, ihrer eigenen Positionen und ihrer eigenen Herangehensweisen im Herkunftsland ab.

Kurzinfo: Deutsch-Niederländischer Journalistenaustausch

  • Mehr als 200 deutsche und niederländische Journalisten namhafter Medien haben bisher am deutsch-niederländischen Journalistenaustauschprogramm teilgenommen
  • In zwei Monaten lernen die Stipendiaten den Journalismus sowie die gesellschaftliche und politische Kultur des Nachbarlandes kennen
  • Die Botschafter beider Länder und die Mitglieder des niederländischen Königshauses würdigen die Erfolge des Stipendiums
  • Halbjährliche Journalistenkonferenzen und persönliche Kontakte verstärken das Netzwerk und bauen dieses weiter aus


Ausgewogener Medienmix

Die Teilnehmer des deutsch-niederländischen Austauschprogramms sind motivierte und erfahrene Journalisten renommierter Medien. Dabei wird pro Jahrgang auf einen ausgewogenen Medien-Mix geachtet. Sowohl Journalisten der ARD und des ZDFs als auch (leitende) Redakteure der Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Allgemeinen Zeitung gehören zu den Teilnehmern. In den Niederlanden zählen Journalisten der Qualitätszeitungen NRC Handelsblad, De Volkskrant oder Trouw ebenso zu den ausgewählten Stipendiaten, wie Reporter und Berichterstatter der öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunksender. Auch nehmen regelmäßig deutsche und niederländische Journalisten regionaler Tageszeitungen und Rundfunksender am zweimonatigen Austausch teil. Die Teilnehmer erhalten für die Dauer des Austausches ein Stipendium in Höhe von derzeit 3.000 Euro, welches durch die beiden Außenministerien finanziert wird. Weitere Aktivitäten wie Einführungs- und Abschlussseminare sowie mehrtägige Alumni-Konferenzen werden vornehmlich von Sponsoren unterstützt.

Zwei Monate Sprache, Kultur und Arbeitserfahrung

Nach einem zweiwöchigen Intensivsprachkurs werden bei einem dreitägigen Einführungsseminar wesentliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Politik- und Medienlandschaft beider Länder aufgezeigt. Darüber hinaus diskutieren die Teilnehmer vor dem Hintergrund der deutsch-niederländischen Beziehungen über wechselseitige Stereotype, Vorurteile und kulturelle Unterschiede. Anschließend wird jeder Teilnehmer individuell in den redaktionellen Alltag des Gastmediums integriert. Die Betreuung der Stipendiaten wird seitens der Austauschorganisationen übernommen. Zur gemeinsamen Evaluation reisen alle Teilnehmer nach dem zweimonatigen Austausch nach Berlin an. Erfahrungen werden reflektiert und Eindrücke geschildert.

Niederlande-Experten / Deutschland-Experten

Während und auch nach dem Austausch bauen sich die Journalisten ein wertvolles Kontakt-Netzwerk zu Kollegen und Ansprechpartnern bei Unternehmen und politischen Institutionen auf. Die inzwischen mehr als 200 ehemaligen Teilnehmer informieren sich zudem gegenseitig über aktuelle Ereignisse im jeweiligen Gastland. Ob Parlamentswahlen, Gesetzesänderungen oder Umweltskandale – durch die zahlreichen Kontakte wird effektiver und häufig auch tiefgreifender recherchiert. Ihr spezifisches Wissen über das jeweils andere Land und die erworbenen Fremdsprachenkenntnisse schaffen eine fundierte Ausgangsbasis, um die unterschiedlichsten Themen der Berichterstattung aus einer binationalen Perspektive zu beleuchten. Häufig werden die Journalisten noch nach einigen Jahren als Niederlande- bzw. Deutschland-Experten in ihren Medienunternehmen betrachtet: der schnelle Kontakt zu ehemaligen Teilnehmern, das rege Interesse an den Entwicklungen im anderen Land und die Fähigkeit, Ereignisse aus einem anderen - „niederländischen“ oder „deutschen“ - Blickwinkel zu betrachten, wirken sich positiv auf die journalistische Arbeit aus. Gleich ob politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Themen – das Interesse am Gastland, der Bevölkerung und der Sprache bleiben bestehen.

Damit die Journalisten auch nach dem zweimonatigen Aufenthalt regelmäßig über das andere Land informiert werden und persönliche Kontakte und Freundschaften ausbauen können, wird dem Journalistennetzwerk große Bedeutung zugemessen. Regelmäßig werden Alumni-Konferenzen zu aktuellen Themen organisiert. Im März 2003 diskutierten Journalisten aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien gemeinsam mit Medienvertretern aus den Beitrittsstaaten Slowakei, Ungarn, Polen und der Tschechischen Republik über die Chancen und Probleme der EU-Osterweitung und die Rolle der Medien für das Modell Europa in Brüssel. Im Mai 2002 wurde in Potsdam eine dreitägige Konferenz über „Die Zukunft des Journalismus“ ausgerichtet. Die Veränderungen der (Auto-)Mobilität und die Rolle des Landes Niedersachsen waren im November 2001 in Hannover/Wolfsburg Thema einer dreitägigen Journalistenkonferenz. Weitere Themen in den vergangen Jahren waren Biotechnologie, Luftfahrtbranche sowie die deutsch-niederländischen Beziehungen im Grenzgebiet. Bei den Konferenzen treffen die ehemaligen Teilnehmer nicht nur auf die Teilnehmer weiterer Austauschjahrgänge, sondern setzen sich intensiv mit einem aktuellen Thema auseinander. Dabei wird vor allem bei der inhaltlichen Konzeption der Konferenzen auf eine ausgewogene, multiperspektivische Betrachtung gesetzt: Politiker, Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutieren mit den Journalisten, tauschen Informationen und Interessen aus. Kontakte zu, von und mit Journalisten werden gelegt.

Autorin: Katrin Arntz
Erstellt: Mai 2004