VI. Sex im niederländischen Film

Die Sexwelle im niederländischen Film, die wie in Frankreich die Nouvelle Vague oder die New-Hollywood-Ära in den USA auf der Suche nach Erneuerung war, dauerte ungefähr von 1969 bis 1975.

In den Niederlanden machte Pim de la Parra den Auftakt mit Obsessions (1969), der mit seinen teilweise sado-masochistischen Sexszenen von sich reden machte. Es folgten Fons Rademakers mit Mira (1971), Wim Verstappen mit Blue Movie aus dem gleichen Jahr und Paul Verhoeven mit Turks fruit (Türkische Früchte) von 1973. Aber auch Frank en Eva (Frank und Eva) von De la Parra sowie Naakt over de schutting (Nackt über den Zaun) von Frans Weisz und Because of the cats von Fons Rademakers, in dem die `Katzen´ symbolisch für sechs Mädchen einer unmoralischen Jugendbande stehen, zählten dazu.

Von diesen Filmen ist Blue Movie der interessanteste. Nicht nur, dass die Produktion zunächst der Filmzensur im eigenen Land wegen auf Deutschland ausweichen musste, wo er unter dem Titel Das Pornohaus in Amsterdam gezeigt wurde. Der Monate später in Holland zeitgleich mit Verhoevens Wat zien ik (Was sehe ich?) präsentierte Film war an Radikalität kaum zu überbieten: „Blue Movie zeigt, was Was sehe ich? nicht zeigt“, war der Slogan des Produzenten Scorpio. Die Handlung lässt an ein erprobtes Pornoprocedere denken. Michael – im besten Sinne verkörpert durch Hugo Metsers – entdeckt nach Jahren im Knast eine Welt voller sexueller Freiheiten (Sex im Fahrstuhl, Partnertausch, Travestie, Prostitution) und schlittert fortan von einer offenherzigen Situation zur nächsten. Offensichtlich schien das ganze Land darauf zu warten. Die Niederländer waren neugierig und auf der Suche nach dem sexuell Möglichen, das in der Phantasie von Verstappen in einem Amsterdamer Vorstadthochhaus hervorragend zum Ausdruck kam. Der Film, der bestimmt keine Mainstream-Ausstrahlung hatte, faszinierte ein Publikum quer durch alle Bevölkerungsschichten: 2,3 Millionen sahen den Film sowohl in der Stadt, als auch auf dem Land. Außerdem gab es viele Vorführungen nahe der deutschen und belgischen Grenze, die von mehreren hunderttausend deutschen und belgischen Grenzgängern besucht wurden.

Trotz dieses immensen Erfolges stehen auf der Liste der bestbesuchten niederländischen Spielfilme aller Zeiten auch heute noch Turks Fruit an erster Stelle, auf Platz vier Was sehe ich? gefolgt von Blue Movie auf Platz fünf. Zusammen erreichten sie allein in den Niederlanden etwa acht Millionen Besucher.

Turks Fruit - Türkische Früchte

Während der Erfolg von Blue Movie vor allem von Skandal und Provokation lebte, entwaffnete Turks Fruit das Publikum zwei Jahre später mit einer Kombination aus Sex und Rührung. Turks Fruit war der einzige niederländische Film, der das cineastische Ideal der damaligen sexuellen Revolution einigermaßen befriedigte.

In dem Oscar-nominierten Film geht es um den selbstsüchtigen, jungen Amsterdamer Bohemian Erik (Rutger Hauer), der die lebenshungrige Olga (Monique van de Ven) beim Trampen kennen lernt. Die schöne Frau aus ebenso bürgerlichen wie heuchlerischen Verhältnissen wird die Liebe seines Lebens. Die beiden heiraten entgegen aller Konventionen. Doch bald schon geht die Ehe aufgrund sexueller Eskapaden und Olgas grenzenlosem Freiheitsdrang in die Brüche. Sie brennt schließlich mit einem reichen Amerikaner durch. Als Erik, innerlich und emotional gereift, sie zufällig wiedertrifft, erfährt er, dass sie an einem unheilbaren Gehirntumor leidet.

Turks Fruit war kein hardcore-Film und 'echten' Sex enthielt er nicht; trotzdem waren die Szenen taublos genug, um als radikaler Gegenentwurf zu etabliertem Hollywood-Kitsch wie Love Story (1970) zu gelten. Verhoevens Film zeigte, dass es nicht nur um das Brechen eines Sex-Tabus ging, sondern dass es möglich war, Sex als selbstverständlichen Bestandteil in eine Geschichte einzubauen. Turks Fruit sprach primär die Gefühle an und beeindruckte durch die Kombination von Grobheit und Sensibilität, die für das Werk Verhoevens und seinen Drehbuchautor Gerard Soeteman charakteristisch wurden. 1999 wurde Turks Fruit auf dem Niederländischen Filmfestival als „Bester niederländischer Film des Jahrhunderts“ ausgezeichnet.

Ende der Sexwelle

Als die „niederländische Sexwelle“ 1975 dem Ende zuging, gab es von den vierzehn, in dem Jahr produzierten Spielfilmen nur noch einige wenige, in denen Sex die Hauptrolle spielte. Wohl blieb es noch lange Zeit danach eine Gewohnheit, Sexszenen zu integrieren – vermutlich weil man noch die klingelnde Kasse aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre vor Augen hatte. Solche money shots aber wurden zunehmend eine Pflichtnummer, die vom Publikum nicht mehr in dem Maße honoriert wurde.
Sicherlich hat das Ende der niederländischen Sexwelle auch mit der aufkommenden Emanzipation zu tun. Wim Verstappen merkte zu der Zeit an, dass die sexuelle Reform oft eine Männersache blieb. So war es üblich, dass Frauen sich während der Aufnahmen von Sexszenen vollständig entkleideten, während die männlichen Schauspieler bekleidet blieben. Die Softporno-Darstellerin Sylvia Kristel (siehe unten) sorgte während des Drehs zu Emmanuelle für Aufregung. Die Aufnahmen mussten tagelang ruhen, weil sie die Zusammenarbeit verweigerte, solange nicht auch die Männer ihre Hosen runterließen. In den Scorpio-Filmen und auch in Türkische Früchte gab es in diesem Punkt übrigens Gleichberechtigung.

Sexikone Sylvia Kristel

Spricht man vom Sex im niederländischen Film, so darf natürlich eine nicht fehlen: Sylvia Kristel. Auch – oder gerade weil - ihr innerhalb der Filmbranche eine besondere Rolle zuteilwird, gilt Kristel (Jahrgang 1952) als Sexikone der Niederlande. Mit 17 Jahren begann sie ihre Karriere als Modell und gewann 1973 den Wettbewerb Miss TV Europe. International bekannt wurde sie 1974 durch ihre Hauptrolle in Just Jaeckins Erotikfilm Emmanuelle - Die Schule der Lust. Er war in den 1970er Jahren der erfolgreichste Film aus französischer Produktion. Der kommerzielle, internationale Erfolg des Films führte zu zahllosen Fortsetzungen und einer Fülle von ähnlichen Softsex-Filmen. Zwischen 1974 und 1993 wurden sieben Folgen von Emmanuelle gedreht, davon allein fünf mit Sylvia Kristel in der Titelrolle.

Trotz einiger anderer Rollen, unter anderem gemeinsam mit Gérard Depardieu und Michel Piccoli in der Komödie Die wilden Mahlzeiten (1976), dem Kriegsdrama Pastorale ´43 (1978) und Das Geheimnis der eisernen Maske (1979) mit Beau Bridges, wurde sie ihr Image als Sexdarstellerin auch in späteren Jahren nicht los. So spielte sie neben den Emmanuelle-Nachfolgefilmen auch die Hauptrollen in den erotischen Verfilmungen Lady Chatterly´s Lover (1981), Mata Hari (1985) und Casanova (1987). Anfang der 1980er Jahre führte sie ein Gastspiel in die USA, wo sie in der damals umstrittenen Sexkomödie Private Lessons mitspielte.

Angeblich – so sagt die Legende – habe Kristel schon nach Emmanuelle I genug von ihrer Rolle gehabt. Als der niederländische Regisseur Pim de la Parra ihr 1974 eine Rolle für Teil II anbot, soll sie geantwortet haben: „Das Problem ist, dass ich mir einerseits geschworen habe nicht mehr nackt zu erscheinen, keine Bums- oder Blow-Job-Szenen mehr zu machen, andererseits habe ich mir geschworen, sehr viel Geld zu verdienen“. Offensichtlich war der zweite Schwur wichtiger, denn nur ein Jahr später kam der zweite Emmanuelle-Film mit Kristel in der Titelrolle heraus.

In Deutschland stieß die Reihe, die hier als Emanuela auf den Markt kam, auf heftige Kritik. So schrieb die Zeitschrift „Frauen und Film“ 1974: „Emanuela ist das Produkt einer korrupten Männerphantasie. Wenige Klischees über Frauen fehlen. Außerdem ist der Film nicht nur sexistisch – Frauen sind in der Tat nur Objekt – sondern auch rassistisch (…) dass die Handlung in Fernost spielt, ist sicher kein Zufall. Mit der Eintrittskarte kaufen wir einen Werbeprospekt für die immer beliebter werdenden (Herren-)reisen in die freie weite Welt eines Entwicklungslandes, wo ständig Frauen verfügbar sind“.

Autorin: Cornelia Ganitta
Erstellt:
Oktober 2011