VIII. Das Kontrastprogramm: Multi-Kulti auf Niederländisch

Eigentlich – so sollte man meinen – sind die Niederlande wie auch Frankreich und Großbritannien als ehemalige Koloniebesitzer ein klassisches Einwanderungsland. Bezogen auf die ehemaligen Kolonien Surinam und Niederländische Antillen mag dies auch zutreffen. Problematischer ist es, wenn die Rede von Einwanderern aus Nordafrika ist. In den letzten Jahren hat es in der Beziehung gerade zu der jüngeren Generation aus Marokko immer wieder unüberbrückbare Spannungen gegeben. Es ist offensichtlich, dass die gesellschaftlichen Debatten, die Fortuyn und Van Gogh ausgelöst hatten, für Filmemacher einen Motivationsschub bedeuteten, sich verstärkt mit dem Thema Integration auseinandersetzen. Nur so ist es zu erklären, dass gerade in den letzten Jahren eine Reihe identitätsstiftender Filme entstanden sind.

Allen voran ist hier die Multikulti-Komödie Shouf Shouf Habibi (Internationaler Titel: Hush Hush Baby) des Regisseurs Albert ter Heerdt zu nennen, in der zum ersten Mal Nicht-Niederländer, namentlich Marokkaner, auf die Schippe genommen werden. Trotz seiner bösen Witze war der Film sowohl bei Einheimischen, als auch bei Marokkostämmigen ein Erfolg. In Deutschland dagegen, reüssierte er nicht. Womöglich eine Frage des unterschiedlichen Humors, denn im Vergleich zu Shouf Shouf Habibi, waren die deutsch-iranische Komödie Salami Aleikum (2009) sowie der deutsch-türkische Film Almannya – Willkommen in Deutschland (2011) beide zwar erfolgreich, aber eher brav geraten.

In Shouf Shouf Habibi (dt.: Schau, Schau, Schätzchen), geht es um eine marokkanische Familie, die seit zwei Generationen in Holland lebt. Während seine Eltern noch der Vergangenheit frönen und die beiden Geschwister bereits den westlichen Lifestyle verinnerlicht haben, sucht der junge Abdullah (Mimoun Oaissa), kurz Ab genannt, noch seinen Platz in der multikulturellen Gesellschaft. So versucht er sich als Metzger, Büroangestellter und als Bankräuber, bevor er schließlich auf Wunsch seines Vaters eine Braut in der Heimat sucht. Interessanterweise wird Ab nicht als Sympathieträger gezeichnet, sondern als Macho, der seine Schwester schlägt und seiner Faulheit alle Ehre erweist. Kinodebütant Albert ter Heerdt landete 2004 in seiner Heimat mit dieser eigenwilligen Culture-Clash-Komödie einen Überraschungserfolg. Der Film rast respektlos durch die Kulturen und verteilt vorurteilsbeladene Hiebe nach allen Seiten.

Im September 2005 feierte Het Schnitzelparadijs (dt.: Schnitzelparadies) unter der Regie von Martin Koolhoven Premiere und ließ sofort die Kassen klingeln. Für die schnell erreichten 100.000 Besucher gab es den Goldenen Film und das Goldene Kalb für die mit Serben, Marokkanern und Türken besetzten männlichen Nebenrollen. Die Geschichte handelt von Nordip (Mounir Valentyn), einem 19-jährigen Marokkaner, der nach dem Willen seines Vaters Medizin studieren soll, aber selbst noch keinen Plan für sein Leben hat. Um eine Auszeit zu nehmen, heuert er in der hygienisch bedenklichen Schnitzelküche „Zum Blauen Geier“ an. Als Geschirrspüler nimmt Nordip den niedrigsten Rang in der kücheneigenen Hackordnung ein, was ihn die Kollegen überdeutlich spüren lassen. Der einzige Lichtblick ist die hübsche Nichte der Hotelchefin. Aber Agnes (Bracha van Doesburgh) schreckt zunächst davor zurück, sich mit einem Marokkaner einzulassen. So nimmt zwischen Bratfett, Schweinehälften und dreckigen Pfannen eine Liebesgeschichte ihren Lauf, die auf ihr absehbares Ende hinsteuert.

Laut Khalid Boudou, auf dessen Buch der Film zurückgeht, haben die multikulturellen Produktionen deshalb so einen großen Zulauf, weil sie eine neue Klientel „anbohren“: die Jugend mit Migrationshintergrund. Die Jugendlichen seien stolz darauf, dass ihre Geschichte erzählt und verfilmt werde. „Es geht also um Selbstbestätigung“, so Boudou, „aber zur gleichen Zeit ist es eine Reaktion auf die vielen negativen Äußerungen durch Politiker in den Medien. Außerdem wird die Bevölkerung vielfältiger, also werden dies auch die Filmproduktionen“. Bei den Filmfestspielen in Berlin wurde der Film als „Ur-holländische Komödie“ eingeführt. Tatsächlich habe er nichts zu tun mit marokkanischem Humor, wie Regisseur Ter Heerdt betont: „Das Thema des Films – der Zusammenprall von traditioneller Kultur mit dem Westen – ist universell, weil für jeden erkennbar“.

Auch der im Sommer 2011 auf den Markt gebrachte Roadmovie Rabat reiht sich ein in die „multikulturelle Welle“ der Niederlande. Nadir soll das alte Taxi seines Vaters von Amsterdam ins marokkanische Rabat fahren. Seine zwei Freunde Abdel und Zakaria, welcher aus Tunesien kommt, begleiten ihn. Auf der Reise durch verschiedene europäische Länder wird ihre Freundschaft durch Betrügereien, Schlägereien und Liebeleien immer wieder auf die Probe gestellt. Die Low-Budget-Produktion ist das Regiedebüt von Jim Taihuttu und Victor Ponten. In etwas mehr als einem Monat wurde das in zwei Wochen geschriebene Skript abgedreht. Die Form des Roadmovies steht symbolisch für den Versuch des Individuums, seinen Weg zu finden zwischen Tradition und Moderne.

Nasrdin Dchar gewann für seine Darstellung des Nadir den höchsten niederländischen Filmpreis, das goldene Kalb 2011 als bester Hauptdarsteller, und hielt eine vielbeachtete Dankesrede (NiederlandeNet berichtete).

Autorin: Cornelia Ganitta
Erstellt:
Oktober 2011