V. Filme nach historischen Motiven

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts waren in den Niederlanden historische Spielfilme vornehmlich auf die Thematik des 2. Weltkriegs gerichtet. Eine Ausnahme bildet der Regisseur Jos Stelling. 1974 brachte er Mariken van Nieumeghen auf den Markt, eine religiös motivierte Geschichte aus dem 16. Jahrhundert über eine junge Frau, die mit dem Teufel zusammenlebt. Es folgen der ebenfalls auf einer mittelalterlichen Historie basierende Film Elkerlyc (1975), Rembrandt fecit 1669 (1977) und die moderne Adaption der Sage vom Fliegenden Holländer (1995).

Am Ende des 20. Jahrhunderts nahmen im Zuge eines wachsenden Europa auch die Themen eine andere Gestalt an. Je größer die Europäische Union, umso größer der Wunsch eines jeden einzelnen Landes, sich auf seine eigenen Wurzeln zu besinnen, will heißen die Individualität als eigenständige Nation herauszustellen. So jedenfalls hat es den Anschein. Und so scheint es auch von der Filmbranche wahrgenommen zu werden. Ähnlich wie in Deutschland – man denke nur an den Film Das Wunder von Bern – kommen auch in den Niederlanden immer mehr Filme auf den Markt, die sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen.

Einer der ersten Filme, der ein aktuelles historisches Thema aufgreift, ist 06/05 aus dem Jahr 2004. Es ist der letzte Film des im gleichen Jahr ermordeten Regisseurs Theo van Gogh. Ironie des Schicksals: Der Film handelt von dem Mord an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn, der am 6. Mai 2002 auf offener Straße erschossen wurde. Van Gogh hatte den Film gerade noch fertig gestellt. Der Streifen legt eine Komplott-Theorie für diesen Mord zugrunde. Fortuyn hatte seinerzeit mit heftiger Kritik am Islam und an der liberalen Zuwanderungspolitik Den Haags viele Anhänger für seine politische Bewegung gewonnen.

Auch Bride Flight (2008) basiert die Handlung auf historischen Motiven. De Film erzählt die wahre Geschichte des letzten großen Luftrennens zwischen London und Christchurch im Oktober 1953. Die niederländische Airline KLM, die den Wettbewerb seinerzeit gewann, hatte bei diesem Flug 40 Emigranten auf dem Weg nach Neuseeland an Bord. Die meisten Passagiere waren junge Frauen, die in der neuen Heimat einer im Vorfeld bereits arrangierten Ehe entgegen sahen. Die internationale Presse verlieh diesem historischen Flug den Namen `Bride Flight´. In dem Film von Ben Sombogaart (De Tweeling) wandern die drei jungen Bräute Ada, Majorie und Esther nach Neuseeland aus. Im Flugzeug lernen sie den jungen, ungebundenen Frank kennen. Es wird eine Freundschaft, die sie ihr Leben lang begleitet. Das niederländische Aushängeschild Rutger Hauer hat hier einen kurzen Auftritt als „alter Frank“.

Nur ein Jahr später erschien das Drama De Storm, ebenfalls unter der Regie von Ben Sombogaart. Der Film, der seine Premiere beim Film by the Sea-Festival in Vlissingen feierte, handelt von der Flutkatastrophe, die 1953 die Provinz Zeeland unter Wasser setzte.

Im Oktober 2011 kommt der Film De Heineken Ontvoering (Regie: Maarten Treurniet) in die Kinos. Darin geht es um die Entführung des Brauereibesitzers Alfred Heineken und seines Chauffeurs im November 1983, die die Niederlande drei Wochen lang in Atem hielt. Heineken und auch sein Fahrer wurden befreit, von den 16 Millionen Euro Lösegeld allerdings, konnte bis heute lediglich die Hälfte sichergestellt werden. Einmal mehr läuft Rutger Hauer – diesmal in der Rolle des milliardenschweren Firmenpatriarchen – zu Hochform auf.

In De Hel van ´63 (Die Hölle von 63) wird ein Mythos der Niederlande, die Elfstedentocht (Elfstädtetour) thematisiert. Die Tour erfolgt – so es ein strenger Winter zulässt – 200 Kilometer über gefrorenes Eis, genauer: über die Kanäle und Seen, die elf Städte in Friesland miteinander verbinden. Bei minus 18 Grad und starkem Nordostwind gingen im Januar 1963 9.862 Menschen an den Start (inklusive der 568 Rennläufer), aber nur 127 erreichten das Finish in Leeuwarden. Alle anderen brachen vorzeitig ab … oder zusammen. Nach knapp elf Stunden fiel Reinier Paping über die Ziellinie. Paping musste erst mit einer Infrarot-Lampe “aufgetaut” werden, bevor man den 31-Jährigen als neuen Helden feiern konnte. Die Dramatik dieses Ereignisses wurde noch durch den Umstand verstärkt, dass die Elfstedentocht zum ersten Mal live im Fernsehen übertragen wurde. 2009 wurde das „Drama um Entbehrung, Willenskraft und Liebe“ von Steven de Jong in Finnland verfilmt. Hölzerne Dialoge und schlechte Schauspielkunst veranlassten das Online-Magazin Film Totaal zu dem Fazit: „Gut ist er (der Film) nicht, aber ach, sie tun ihr Bestes“. Und Moviesense schrieb: „Die Dialoge und Charaktere kommen amateurhaft rüber, die einzelnen Handlungsstränge lassen zu wünschen übrig. Immerhin hat Regisseur Steven de Jong es verstanden, sich die finnische Landschaft und die Verwendung von Spezialeffekten zunutze zu machen. Wenn man bisher aber kein Fan war vom Niederländischen Film, ist dieser hier kein gutes Beispiel – im Gegenteil.“

Auch die Monarchie ist immer wieder ein probates Mittel, um an das Nationalgefühl zu appellieren. Was den Briten - auch in der gleichnamigen Verfilmung von 2006 mit Helen Mirren - ihre „Queen“, ist den Niederländern ihre „Majesteit“. Doch während Mirren mit ihrer Darstellung einen Oscar einheimsen konnte und der Film allerorten hoch gelobt wurde, gilt das Queen-Experiment in den Niederlanden als missglückt.
In Majesteit muss Königin Beatrix eine Thronrede vortragen, die nach dem Willen von Premier Balkenende geändert werden soll. Beatrix widersetzt sich. Sie will nicht mehr länger die Frau sein, die nach der Pfeife der anderen tanzt. Majesteit entstand 2010 als Spielfilmdebüt des Regisseurs Peter de Baan. In den Hauptrollen zu sehen sind Carine Crutzen (als Beatrix), Gijs Naber (als Willem Alexander) und Hadewych Minis (als Máxima). Jeroen Willems – dem deutschen Publikum bekannt durch Gastrollen im Tatort und weiteren TV-Produktionen - wurde mit einem Goldenen Kalb für die beste männliche Nebenrolle als Prinz Claus ausgezeichnet. Auch wenn Carin Crutzen, die ihrem Alter Ego überhaupt nicht ähnlich sieht, ihre Sache gut macht, so lassen die meisten anderen Darsteller doch ihrer Unähnlichkeit mit den realen Personen und schwachen Spielleistung wegen Nähe, geschweige denn Identifikation missen. Man wähnt sich schlicht im falschen Film. Beatrix ist eine verbitterte Person, gefangen in ihren Erinnerungen an glückliche Jahre mit Claus und ihre Zeit im kanadischen Exil. Lieber heute als morgen würde sie das Zepter abgeben – weiß nur nicht so recht an wen.

Subtil wird gezeigt, wie sich das Königshaus – ein Jahr nach dem Tod von Prinz Claus – in ein Sterbehaus verwandelt. Das alles hat nur mit der realen Situation reichlich wenig zu tun, denn hier geht es um den Untergang der Monarchie. Wenn der Plot positiver wäre, wäre es ein Film für Royalisten. So aber werden eher diejenigen auf den Plan gerufen, die der Monarchie seit langem den Garaus bereiten wollen.

Autorin: Cornelia Ganitta
Erstellt:
Oktober 2011