IV. Deutscher Film in den Niederlanden

1950er und -60er Jahre

Nach der Befreiung von der deutschen Besatzung war Die Mörder sind unter uns 1946 der erste deutsche Film, der in den Niederlanden in die Kinos kam. Premiere war am 21. April 1949 im Amsterdamer Filmtheater De Uitkijk, wo er acht Wochen lang lief. Schauplatz des Films ist das durch den Krieg zerstörte Berlin, sein Thema das Leiden der deutschen Bevölkerung. Alles, was Deutschland betraf, war in jenen Tagen ein ausgesprochen heikles Thema. Umso bemerkenswerter, dass die Fachzeitschrift Nieuw Weekblad voor Cinematografie in ihrer Ausgabe vom 17. Juni 1949 den Film positiv rezensierte und ihn als Kunstwerk beurteilte, dem der deutsche Ursprung keinen Abbruch tat: „Der Inhalt wurde in einer Form präsentiert, die in puncto Regie, Aufnahmetechnik und Ton ohne zu übertreiben sublim genannt werden kann. Es sind diese besonderen Qualitäten, die den Film ungeachtet der trennenden Feindschaftsmauer zu einem durchschlagenden Erfolg werden ließen.

Im Jahr 1949 wurden in den Niederlanden erst wenige deutsche Produktionen gezeigt, eine davon war Ehe im Schatten aus dem Jahr 1947. Auch hier ist das zentrale Thema der Zweite Weltkrieg: Der Film schildert, wie eine Ehe durch das nationalsozialistische Regime zerstört wird. Simon Carmiggelt rezensierte Ehe im Schatten in der Tageszeitung Het Parool am 28. Mai 1949 als einen "schönen und tieftraurigen Film, in dem die Wirklichkeit nicht verkitscht, sondern einfühlsam in Szene gesetzt wurde“. Noch im selben Jahr sendete das Radio den Film als Hörspiel.

Rekordjahr 1959

Auf den vorsichtigen Start nach Kriegsende folgte der Siegeszug des deutschen Films in den Niederlanden ab Mitte der fünfziger Jahre. Die Sissi-Filme machten die deutsche Schauspielerin Romy Schneider berühmt. Sissi (1955), der erste Teil dieser Trilogie, lockte 1957 eine Million Niederländer in die Kinos. Die Fortsetzung Sissi, die junge Kaiserin (1956) sahen sich sogar zwei Millionen Niederländer an. Teil drei, Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin (1957), war ebenfalls sehr erfolgreich. Vor allem das weibliche Publikum strömte in Scharen in die Matineevorstellungen.

1959 stieg der Anteil deutscher Produktionen auf 25 Prozent aller gezeigten Filme. Das heißt, mehr als die Hälfte aller europäischen Produktionen, die in diesem Jahr in die niederländischen Kinos kamen, stammten aus Deutschland. Altmeister Fritz Lang hatte ein erfolgreiches Comeback mit Das indische Grabmahl und Der Tiger von Eschnapur. Daneben wurden auch weiterhin Filme gezeigt, die den Krieg thematisieren wie Der Nürnberger Prozess (1958) und Hunde, wollt Ihr ewig leben (1959).

Auch Musik- und Tanzfilme fanden großen Zuspruch. Marika Rökk, Revuefilmstar der dreißiger Jahre, war unter anderem zu sehen in Bühne frei für Marika (1958) und Die Nacht vor der Premiere (1959). Außerdem erschienen in jenem Jahr Filme mit Newcomern, die besonders bei Jugendlichen sehr beliebt waren, wie die deutschen Teenageridole Caterina Valente, Conny Froboess, Peter Kraus und Freddy Quinn.
Deren Filme liefen manchmal bis zu acht oder zehn Wochen. Hier bin ich, hier bleib ich mit Caterina Valente in der Hauptrolle war beispielsweise zehn Wochen in Amsterdam zu sehen. Sie sang darin unter anderem ihre Schlager, die zur gleichen Zeit auch auf Schallplatte erschienen. Valentes Lieder waren oft Tophits in den Niederlanden: 1959 stand Sweetheart, my darling, mijn schat acht Wochen lang auf Platz 1 der niederländischen Hitparade. Valente gewann dadurch eine goldene Schallplatte für 100.000 verkaufte Platten.

Peter Kraus hatte seinen großen Durchbruch in den Niederlanden mit Teenagermelodie, der in Deutschland unter dem Titel Wenn die Conny mit dem Peter (1958) lief. Zur Teenagermelodie-Premiere im Mai 1959 kam Conny Froboess ins Amsterdamer Calypso-Theater, wo sie nach der Vorstellung ihre Filmsongs sang. Daraufhin blieb ihr Lied Teenagermelodie die nächsten fünf Monate in der niederländischen Hitparade.

Allerdings fanden die Filme mit den deutschen Teenageridolen in der niederländischen Presse kein positives Echo. Die Volkskrant urteilte am 22. August 1959 über Teenagermelodie, der Streifen sei nicht mehr als nette Unterhaltung für Jugendliche. Die Tageszeitung Het Vrije Volk äußerte sich am 28. März 1959 herablassend über Hier bin ich, hier bleib ich. Dem Blatt zufolge strotzte der Film vor aufreizendem, wenn auch geschultem Gehüpfe des netten Fräulein Valente und enthielt zu viel „Teutonengekeife“.

21. Jahrhundert

Seit Anfang der sechziger Jahre zeigten die Kinos immer weniger deutsche Produktionen, doch inzwischen ziehen auch deutsche Filme wieder viele niederländische Zuschauer in die Kinos. Deutsche Regisseure wie Fatih Akin, Florian Henckel von Donnersmark, Oliver Hirschbiegel oder Wolfgang Becker sorgten mit ihren Werken europaweit für volle Kinosäle.

“In Europa wird Deutsch gleichgesetzt mit kompliziert und schwierig. Es ist doch unglaublich wie schwer deutsche Filme in anderen europäischen Ländern Anschluss finden. Jeder spricht von dem Erfolg von Tom Tykwers Lola Rennt, doch das ist auch schon wieder vier Jahre her. Dabei wurden seither wieder einige gute Filme gemacht”, so die deutsche Regisseurin Sandra Nettelbeck in einem Interview mit Cinema.nl im Dezember 2002. Ein guter Film aus Deutschland war zum Beispiel Das Experiment von Regisseur Oliver Hirschbiegel, der im Juni desselben Jahres in die niederländischen Kinos gekommen war. In einem simulierten Gefängnis soll das Verhalten der Gefangenen und Wächter 14 Tage lang beobachtet werden. Die niederländische Filmkritik beurteilte den Film als “bis zur letzten Sekunde spannend”. Ein weiterer Film Hirschbiegels, Der Untergang (2004), der sich mit den letzten Lebenstagen Hitlers im Führerbunker im April 1945 beschäftigt, wurde in den Niederlanden mit den Worten begrüßt „Endlich ein deutscher Spielfilm über Hitler!“. Vor allem Bruno Ganz’ Darstellung des Adolf Hitlers wurde gelobt: “Dieser Hitler stimmt: Er spricht Deutsch und zeigt in jeder Hinsicht eine beängstigende Übereinstimmung mit der historischen Person. Das rollende, süddeutsche R, die Motorik und Gestik (inklusive Parkinson), und als Glanzstück die salbungsvollen Monologe, die in wutschäumende Tiraden ausarten – die Art auf die sich Ganz in einen solchen Ausbruch hineinsteigert ist formidabel.” Mit 382.000 Zuschauern in den Niederlanden war der Film der am besten besuchte deutschsprachige Kinofilm der letzten Jahre.

Gegen die Wand des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin wurde 2004 vom Kring Nederlandse Filmjournalisten sogar zum besten Film des Jahres 2004 ausgerufen. Der Film handelt von Sibel (Sibel Kekilli) und Cahit (Birol Ünel), die beide in Hamburg wohnen. Die junge Sibel sieht in einer Ehe mit dem 40-jährigen Cahit, eine Möglichkeit, ihrer traditionellen Familie zu entkommen  Aus der Scheinehe entwickelt sich im Laufe der Zeit echte Zuneigung. Die Probleme beginnen als ein abgewiesener Liebhaber Sibels Cahit provoziert und dieser zuschlägt. Der Film zog in 50.000 Besucher in die niederländischen Kinos. Ebenfalls populär beim niederländischen Publikum 2004 war der Film Die Fetten Jahre sind vorbei (The Edukators). Auf dem internationalen Filmfestival Rotterdam 2004 wurde der Film von Regisseur Hans Weingartner vom Publikum auf Platz 3 der besten Filme gewählt.

Auch der 2003 entstandene Film Good Bye, Lenin! von Wolfgang Becker, in welchem ein junger Mann (Daniel Brühl) den Fall der Berliner Mauer vor seiner fragilen  Mutter (Katrin Sass), die mehrere Monate lang im Koma lag, geheimhalten will, fand seinen Weg in die niederländischen Kinos. Ein weiterer deutscher Film, der sich  mit der DDR beschäftigt, wurde in den Niederlanden sogar Film des Jahres: 2007 wurde der Film Das Leben der Anderen (2006) von Florian Henckel von Donnersmark sowohl von der niederländischen Filmkritik als auch von den Lesern der Tageszeitung Volkskrant zum besten Film des Jahres gewählt. Der deutsche Film, der 2006 den Oscar für den besten ausländischen Film gewann, kam erst 2007 in die niederländischen Kinos. Er spielt in Ost-Berlin im Jahr 1984. Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe), erhält den Auftrag, über den Theaterschriftsteller Georg Dreyman (Sebastian Koch) belastendes Material zu sammeln. Die Motive des Auftraggebers, Kulturminister Bruno Hempf (Thomas Thieme), sind allerdings nicht politischer sondern privater Natur. Er will Dreyman ausschalten, um dessen Lebensgefährtin, die Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck), für sich allein zu gewinnen. Das Leben Der Anderen zog 246.000 Zuschauer in die niederländische Kinos. Der unabhängige Filmdistributor Cinemien zeigte sich begeistert: “Die Kinosäle in den Arthouse-Kinos sind seit Wochen voll. Das ist ein gewaltiger Impuls für die Popularität des europäischen Kinos in den Niederlanden.”

Autor: Mustafa Özen und Online-Redaktion
Erstellt:
2004
Aktualisiert: Oktober 2011