VII. Ausländerproblematik und Islamkritik im niederländischen Film

Das Bild der Niederlande als liberales, tolerantes Land bröckelt seit einigen Jahren. Jahrelang wurde über zunehmende gesellschaftliche Spannungen hinsichtlich einer steigenden Jugendkriminalität, einer hohen Arbeitslosigkeit unter Migranten, geringe Bildungschancen etc. hinweggesehen. Erst als der rechte Politiker Pim Fortuyn eine allzu liberale Zuwanderungspolitik anprangerte und öffentlich Kritik am Islam übte, kam die Debatte ins Rollen. Das Ganze gipfelte 2002 in der Ermordung Pim Fortuyns durch einen radikalen, niederländischen Tierschützer.

Im Gegensatz zu Fortuyn galt der Regisseur Theo van Gogh (1957) nicht als Rechtspopulist, sondern als Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse. Sein Metier war der Film. Hier wollte „der Michael Moore der Niederlande“ mit künstlerischen Mitteln auf politische Feigheit und eine seiner Meinung nach „verkehrte“ Toleranz aufmerksam machen.

Einige erste Ansätze zeigen dies: Für den niederländischen Fernsehender AVRO inszeniert Van Gogh 2001 die Serie Najib en Julia. Darin verliebt sich der traditionell marokkanisch erzogene Pizzakurier Najib (Hanin Msellek) in das Hockey-Talent Julia. Ihr Vater ist Polizist, sein Bruder Drogendealer und so kommt, wie es kommen muss: die beiden “Königskinder” kämpfen 13 Folgen lang um ihre Liebe, bevor sie den gemeinsamen Freitod wählen.

Auch in Cool zeigt sich Van Goghs Vorliebe für gesellschaftliche Außenseiter. Der Film aus dem Jahr 2004 erzählt von einer Rapper-Gang, die beim Bankraub erwischt wird und in eine moderne Erziehungsanstalt kommt. In Rückblenden zeigt der Film, wie die Jungs von meist marokkanischer Abstammung vorher kleine Raubzüge begingen und von einem niederländischen Kriminellen zum Banküberfall angestiftet werden. Vom Filmverleih Pathe wurde Cool als zu unkommerziell abgelehnt, was Van Gogh sofort als Feigheit vor dem vermeintlichen Publikum - Jugendbanden aus den Vorstädten - geißelte.

Submission

Wenig später produzierte Van Gogh gemeinsam mit der aus Somalia stammenden Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali den nur elfminütigen Film Submission. Darin geht es um die Misshandlung von Frauen unter Berufung auf den Islam. Islam wird hier als Unterwerfung (= submission) verstanden. An vier Beispielen wird dies authentisch und provokant vorgeführt. So ist unter anderen eine Frau zu sehen, auf deren geschundenem Rücken frauenfeindliche Koranverse stehen. Eine andere Frau betet zu Allah und beschreibt die von der Familie tolerierte Vergewaltigung durch einen Onkel. Nur leichte, transparente Schleier verbergen nicht, was man darunter sieht: nackte Brüste.

Im Sommer 2004 wurde der Film – dem eigentlich noch ein 2. Teil folgen soll – im niederländischen Fernsehen gezeigt. Was aber folgte, waren kontroverse Reaktionen von allen Seiten und Morddrohungen gegen Van Gogh und Hirsi Ali, die das Drehbuch verfasst hatte. Nur wenige Monate später wurde Theo van Gogh tatsächlich auf offener Straße von einem radikalen Moslem ermordet. Er war gerade auf dem Weg, um eine Fassung seines letzten Film 06/05, einer Adaption auf die Ermordung Pim Fortuyns, abzunehmen.

Der Nachfahre des Malers Vincent van Gogh nahm kein Blatt vor den Mund. Lauthals äußerte er sich beleidigend über Muslime, die er gern als `Ziegenficker´ bezeichnete. Drohungen nahm er nicht ernst, vermutlich in dem Glauben, dass ihn in einem liberalen Land die freie Meinungsäußerung als höchstes demokratisches Gut schützen würde. (siehe auch Die Akte Theo van Gogh).

Fitna the movie

In die politischen Fußstapfen Pim Fortuyns, in die filmischen Van Goghs ist mit Geert Wilders ein neuer Provokateur getreten. Als radikal-liberaler Politiker produzierte Wilders 2007 den anti-islamischen Kompilationsfilm Fitna (arabisch für „Zwietracht” und auch „Krieg zwischen den Muslimen”). In dem 17-minütigen Film nimmt Wilders Bezug auf die dänischen Muhammad-Karikaturen, die Ermordung Van Goghs, Enthauptungen im Irak und Terrorakte zu Beginn des 21. Jahrhunderts (New York, Madrid, London).

In einem zweiten Teil geht es um die Islamisierung Europas: In Folge dieser wären die Rechte von Minderheiten wie Homosexuellen und Juden, aber auch von Frauen und Kindern gefährdet.

Durch eine geschickte Montage dieser Szenen, der untermauernden Suren, deren englische Übersetzung eingeblendet wird ebenso wie die ständige Agitation durch Hassprediger, schafft Wilders ein dunkles Bild des Islam, das es zu fürchten und zu bekämpfen gilt. Der Film endet mit dem Aufruf, die islamische Ideologie genau wie den Nationalsozialismus 1945 und den Kommunismus 1989 in Europa zu besiegen. Wilders schürt Hass und Angst vor dem Islam und spielt mit den Emotionen der Zuschauer, so dass es für diese am Ende nur noch heißen kann: “Stopp der Islamisierung”.

Fitna sorgte bereits vor seinem Erscheinen allerorten für gesellschaftliche Aufregung und eine Erhöhung der Alarmbereitschaft bei verschiedenen Institutionen, allen voran der niederländischen Anti-Terror-Behörde. Am 27. März 2008 gegen 19 Uhr wurde der Film auf dem Videoportal LiveLeak veröffentlicht, nachdem kein Fernsehsender zur Ausstrahlung bereit war. Nur einen Tag später wurde der Film dort wieder entfernt mit einem Hinweis auf Morddrohungen gegen Mitarbeiter des Unternehmens. Der Film hatte sich jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits im Internet verbreitet und war auf andere Seiten kopiert worden. LiveLeak stellte Fitna am 31. März 2008 wieder ein. Man habe Sicherheitsvorkehrungen getroffen und wolle sich nicht durch Drohungen unter Druck setzen lassen, legales und regelkonformes Material zu zensieren.

In den Medien wurde der Film nach der Veröffentlichung kontrovers diskutiert, auch in Deutschland: Die Süddeutsche Zeitung krititsierte, der Film kläre nicht auf, sondern setze „dem Terrorismus die Hetze entgegen, die weiteren Terror provozieren wird“. Die Zeit urteilte: „Gemessen an diesem `Pamphlet´ ist Hirsi Alis und Van Goghs umstrittener Koran-kritischer Film gegen die Unterdrückung der Frauen im Islam (Submission) geradezu ein künstlerisch anspruchsvoller Film-Essay“.

Manche Kommentatoren aber waren auch der Meinung, der Film sei weit weniger provokant oder offensiv als erwartet. Die FAZ zum Beispiel schrieb: „Geert Wilders hat kein Symbol des Islams entwürdigt oder herabgesetzt. Es gibt in Fitna – wenn man von einer motivisch genutzten dänischen Karikatur (die Turbanbombe) absieht – keine Verächtlichmachung des Propheten, des Korans oder der gläubigen Menschen. Es ist vielmehr eine sehr geschickte, suggestive Collage des Hasses der Islamisten gegen den Rest der Menschheit.“

In einem Interview auf der Website des Humanistischen Pressedienstes vertrat die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, Mina Ahadi, die Ansicht, Fitna „sei kein rechter Film“, da das Eintreten für die Menschenrechte von Frauen und Homosexuellen kein Ausdruck (politisch) rechter Gesinnung sei. Der Film decke vielmehr „die enge Verknüpfung von islamischem Glauben und politischem Islamismus“ auf und zeige die menschenverachtende Seite des politischen Islam. Problematisch sei jedoch die Gleichsetzung des Letzteren mit den Positionen gemäßigter Muslime.

In einem Gastbeitrag in Spiegel Online bezeichnete der unter dem Pseudonym Ibn Warraq schreibende Islam-Dissident den Filmautor Geert Wilders als „Held[en] unserer Zeit“, der gegen den „Islamofaschismus“ aufzustehen wage. Die Kritik, Wilders' Film reiße Zitate aus dem Zusammenhang, sei unberechtigt: Die im Film verwendeten Koranzitate würden von Muslimen selbst zur Entwicklung ihrer Theorie vom Heiligen Krieg herangezogen. Gerade die Unterdrückung von Islamkritik aber werde zu „giftigem, rassistischem Populismus“ führen.

Geert Wilders “zwitscherte” derweil auf Twitter[1] Details über einen Fortsetzung des Films, der 2012 erscheinen soll. Darin soll es um das “barbarische Leben des kranken Geistes Mohammed” gehen. In einem Interview mit der Zeitschrift HP/De Tijd sagte der Führer der “Partei für die Freiheit” (PVV), dass er gern eine “öffentliche Diskussion” über den Propheten Mohammed haben würde. Eine solche Debatte könne dazu beitragen, dass Moslems von ihrem Glauben abließen. Laut Wilders gäbe es Wissenschaftler, die festgestellt hätten, dass Mohammed einen Gerhintumor gehabt habe. Die Visionen, auf denen der Koran basiere, seien demnach Halluzinationen gewesen.


[1] Apr 1, 2011 @ 07:18 AM from Twitter for BlackBerry®.

Autorin: Cornelia Ganitta
Erstellt:
Oktober 2011